Umstrittenes Mitglied

SPD lässt Sarrazin-Buch prüfen

Thilo Sarrazin.

Tholo Sarrazin stellt am Donnerstag sein neues Buch vor. Kritiker erheben schwere Vorwürfe, Juso-Chef Kevin Kühnert erwägt ein erneutes Parteiausschlussverfahren.

Update vom 31. August 11.51 Uhr: SPD lässt Sarrazin-Buch prüfen

Die SPD lässt das neue Buch ihres umstrittenen Parteimitglieds Thilo Sarrazin auf mögliche parteischädigende Äußerungen überprüfen. Der SPD-Parteivorstand habe Experten wie Gesine Schwan und Herta Däubler-Gmelin damit beauftragt, die Äußerungen von Sarrazin "ganz genau zu prüfen", sagte Generalsekretär Lars Klingbeil am Freitag der Parteizeitung "vorwärts.de". Diese seien gerade dabei, "sich das Buch und sein sonstiges Handeln sorgfältig anzuschauen". Am Ende werde eine Empfehlung stehen, "welche Konsequenzen die SPD ziehen sollte".

Update vom 30. August 12.25 Uhr: Sarrazin will SPD nicht verlassen

Sarrazin will die SPD nicht freiwillig verlassen. „Ich fühle mich in der SPD, in der ich aufwuchs, nach wie vor gut aufgehoben“, sagte Sarrazin am Donnerstag bei der Vorstellung seiner neues Buches über den Islam. Er sei seit 45 Jahren Mitglied der SPD, und im Jahr seines Beitritts habe die Regierung von Willy Brandt den „umfassenden Zuzugsstopp für Gastarbeiter“ erlassen, sagte Sarrazin. Auch der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt habe sich in seinen Büchern „wiederholt über die kulturellen Gefahren muslimischer Einwanderung ausgelassen“. 1973 trat der Anwerbestopp für neue Gastarbeiter in Kraft.

Update vom 30. August 12.25 Uhr: „Sarrazin ein verbitterter Mann“

Die SPD-Spitze hat den umstrittenen Bestsellerautor Thilo Sarrazin aufgefordert, aus der Partei auszutreten. „Thilo Sarrazin ist ein verbitterter Mann, der nur noch in der SPD ist, um seine absurden Thesen zu vermarkten“, sagte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag. „Was er schreibt, hat mit sozialdemokratischen Positionen nichts zu tun. Wer die Mitgliedschaft in der SPD nur noch für persönliches Gewinnstreben benutzt, sollte gehen.“ Die SPD ist bereits zweimal mit dem Versuch gescheitert, Sarrazin aus der Partei auszuschließen.

Der ursprüngliche Text vom 30. August 11.00 Uhr:

"Die Jusos sind klar für einen neuen Versuch, Sarrazin rauszuwerfen", sagte Kühnert der "Rhein-Neckar-Zeitung" von Donnerstag. Sarrazin habe mit den Grundwerten der SPD "schon lange nichts mehr zu tun", fügte Kühnert hinzu.

Der frühere Berliner Finanzsenator und Bundesbank-Vorstand Sarrazin wird in der SPD seit längerer Zeit als islamfeindlich kritisiert, ein Parteiausschluss scheiterte jedoch zuletzt 2011. Die Bundes-SPD und weitere Antragsteller hatten damals ihre Anträge auf Ausschluss zurückgezogen, nachdem Sarrazin zugesichert hatte, sich künftig an die Grundsätze der Partei zu halten.

Sarrazins Parteiausschluss? „Muss gut vorbereitet sein“, warnt Kühnert

Anlässlich von Sarrazins neuem Buch mit dem Titel "Feindliche Übernahme: Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht" gibt es nun neue Bestrebungen für einen Parteiausschluss.

Der Wille in der gesamten SPD sei "groß, nach der Veröffentlichung des Buches einen neuen Anlauf für ein Parteiausschlussverfahren zu nehmen", hob Kühnert hervor. "Es geht nicht nur darum, das Thema Sarrazin endlich loszuwerden, sondern auch um eine scharfe Abgrenzung von seinen Thesen." Ein neuer Anlauf müsse aber "angesichts der hohen Hürden für einen Parteiausschluss gut vorbereitet sein", mahnte der Juso-Chef.

Sarrazin malt Schreckgespenst einer Islamisierungen der deutschen Gesellschaft

Bestsellerautor Sarrazin malt in seinem neuen Islam-Buch das Schreckgespenst einer Islamisierung der deutschen Gesellschaft an die Wand. Der Islamwissenschaftler Mathias Rohe hält diese Kernthese von „Feindliche Übernahme, Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ (FinanzBuch Verlag) für nicht haltbar. Sarrazin gehe in seinem Buch, das an diesem Donnerstag erscheint, fälschlicherweise davon aus, dass muslimische Zuwanderer ihre Einstellungen nicht veränderten, „dass sie sich gar nicht auf die deutsche Gesellschaft einlassen“, sagte Rohe der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Eine breit angelegte Untersuchung habe jedoch beispielsweise ergeben, dass die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unter Türken in der Türkei höher sei als unter türkischstämmigen Migranten in Deutschland. Auch ignoriere Sarrazin in seinen Prognosen zum künftigen Anteil der Muslime an der Bevölkerung Daten, die zeigten, dass die Geburtenrate muslimischer Zuwanderer durch Zugang zum Bildungssystem in den Folgegenerationen sinke.

Nicht nachvollziehbar findet Rohe folgende Aussage Sarrazins: „Vieles deutet darauf hin, dass im Islam eine Tendenz zum Beleidigtsein und zum Sich-angegriffen-Fühlen angelegt ist, die mit unseren Begriffen von Meinungsfreiheit und Demokratie schwer vereinbar ist.“ Kritikwürdige Verhaltensweisen wie ein falsche Ehrbegriff und Elemente einer „Machokultur“ würden hier auf die Religion zurückgeführt. Dabei finde man diese teilweise auch bei Nicht-Muslimen in Indien oder Russland.

Sarrazins Buch auf „Angstmache“ angelegt

Sarrazin spannt in seinem Buch einen Bogen vom islamischen Propheten Mohammed bis hin zum Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Abu Bakr al-Baghdadi. Er schreibt: „Den vom IS ausgeübten Terror sehen er (al-Baghdadi) und seine Anhänger als den neuen Dschihad. Historisch und religionsphilosophisch schließt sich hier ein Kreis.“ Aus Sicht von Rohe übernimmt Sarrazin damit die Koran-Auslegung der Terroristen. Der Islamwissenschaftler kommentierte nicht ohne Ironie: „Herr Sarrazin wäre eine wunderbare Besetzung für's Kuratorium des Salafisten-Verbandes.“

Das Buch sei auf „Angstmache“ angelegt, erklärte der Rechts- und Islamwissenschaftler von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Einschätzungen zum Islam zeugten von einem für Sarrazin üblichen „Dilettantismus“. Sarrazin wirft Rohe in seinem Buch seinerseits vor, er verschleiere und verharmlose „Missstände im deutschen Islam“.

Rohe hat unter anderem zum islamischen Recht („Scharia“) und zur Paralleljustiz unter muslimischen Migranten geforscht. Er berät als Experte den Verfassungsschutz.

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afp

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