Streit um Mordfall Buback eskaliert

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Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker muss sich wegen dem gemeinschaftlich begangenen Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback verantworten.

Stuttgart - Im Prozess um den Mordfall Siegried Buback durch RAF-Terroristen spitzt sich der Konflikt zwischen dem Sohn des Opfers und der Bundesanwaltschaft zu.

Bundesanwalt Walter Hemberger machte Buback den Vorwurf, schon vor rund anderthalb Jahren einen Hinweis auf den möglichen Verbleib des bei dem Mordanschlag verwendeten Tatmotorrads bekommen, aber nicht an die Ermittler weitergegeben zu haben. Als Buback sein Vorgehen unter anderem mit seinem inzwischen zerrütteten Verhältnis zur Bundesanwaltschaft begründete und betonte, dass seine Hinweise “vielfach abgetan“ worden seien, empörte sich Hemberger lautstark: “Das schlägt dem Fass den Boden aus! Ich habe zu Ihnen keinen Kontakt abgebrochen. Das ist eine Unverschämtheit!“

Buback hatte zuvor auf Nachfrage Hembergers vor dem Oberlandesgericht Stuttgart mitgeteilt, dass er vor ein bis zwei Jahren eine E-Mail bekommen habe, in der jemand ihm “das Motorrad zum Ansehen angeboten“ habe. Er habe diesen Hinweis aber als “Kuriosität“ abgetan und sei ihm nicht weiter nachgegangen. Hemberger nannte dieses Verhalten Bubacks, der sonst selber den Ermittlern vorwerfe, nicht jedem Hinweis nachgegangen zu sein, “vollkommen unverständlich“. Im Prozess wurden zudem drei zentrale Augenzeugen des Attentats vernommen. Sie blieben jedoch vage und betonten allesamt, dass sie nicht sagen könnten, ob die beiden Personen auf dem Tatmotorrad Männer oder Frauen waren und wie groß sie waren. Am Dienstag war von der Bundesanwaltschaft bestätigt worden, dass das vor wenigen Tagen im Landkreis Böblingen entdeckte Motorrad die Maschine ist, von der aus Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine zwei Begleiter am 7. April 1977 von RAF-Terroristen erschossen wurden. Eine Suche nach entsprechenden DNA-Spuren an der Maschine sei aber aussichtslos, so die Bundesanwaltschaft. Einem Zeitungsbericht zufolge war das Motorrad 1982 von einem im Kreis Böblingen lebenden Motorradfahrer gekauft worden.

Durch eine Annonce im “Wochenblatt“ sei er auf die Maschine vom Typ Suzuki GS 750 (Baujahr 1977) aufmerksam geworden, die dort “spottbillig“ angeboten worden sei. Er hatte sich nach eigenen Angaben kürzlich bei der Polizei gemeldet, als er hörte, dass der Buback-Mord “immer noch nicht aufgeklärt“ sei. Buback und seine beiden Begleiter waren von dem Motorrad aus mit insgesamt mindestens 15 Schüssen getötet worden. Ungeklärt ist bis heute, welches RAF-Mitglied der Todesschütze war. Die Bundesanwaltschaft wirft der 58-jährigen Becker vor, maßgeblich an der Entscheidung für den Mordanschlag, an dessen Planung und Vorbereitung sowie der Verbreitung der Bekennerschreiben mitgewirkt zu haben. Die Bundesanwaltschaft geht - im Gegensatz zu Michael Buback - nicht davon aus, dass Becker geschossen hat. Becker hat bislang im hoch gesicherten Gerichtsgebäude von Stuttgart-Stammheim die Aussage verweigert und zu den Tatvorwürfen geschwiegen.

Ein 67-jähriger früherer Bankkaufmann berichtete als Tatortzeuge, er habe Schüsse gehört und dann aus dem Fenster seines Büros in 70 bis 80 Metern Entfernung ein Motorrad in schnellem Tempo wegfahren sehen. Darauf hätten zwei Personen in gebeugter Haltung gesessen. Als ihn Nebenkläger Michael Buback fragte, ob er sagen könne, wie groß die beiden Personen auf dem Motorrad waren oder ob sie unterschiedlich groß waren, sagte der Zeuge, das zu beantworten sei “an den Haaren herbeigezogen“ und “ein Unding“. Hintergrund der Frage ist, dass Verena Becker eine zierliche Frau ist. Der Mann hatte in einem Gebäude der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) gearbeitet, dass sich direkt an der Karlsruher Kreuzung befindet, an der der Mordanschlag geschah. Der Zeuge zeigte sich “überrascht“ davon, dass er “heute intensiver“ vernommen werde als das vor 33 Jahren der Fall gewesen sei. Damals sei er nach zehn Minuten Verhör “wieder draußen“ gewesen. Ein weiterer Tatortzeuge, ein 56-jähriger Versicherungsangestellter, sagte, er habe mehrere knallartige Geräusche gehört und zunächst gedacht, jemand habe “einen Schabernack gemacht“.

Er habe zwei Personen auf dem Motorrad gesehen. In einer früheren Vernehmung nach der Tat hatte er gesagt: “Zu den Personen auf dem Motorrad kann ich nur sagen, dass sie nicht klein waren.“ Dazu sagte er jetzt, dass er sich heute nicht mehr an die Größe der Motorradfahrer erinnern könne. Ein dritter unmittelbarer Augenzeuge betonte, er könne nicht sagen, ob es sich bei den Personen auf dem Motorrad um Männer oder Frauen handelte. Der Serbe stand mit seinem Opel Ascona direkt neben dem Dienstwagen Bubacks an der Karlsruher Kreuzung, als die tödlichen Schüsse fielen. Zudem wurde klar, dass der schlecht deutsch sprechende Mann nach dem Attentat ohne Dolmetscher vernommen wurde. “Ich weiß überhaupt nicht, was in der Zeugenaussage - wenn ich etwas unterschrieben habe - drinsteht“, sagte der Serbe. Für Aufsehen sorgte zudem eine Passage in einer Pressemitteilung des baden-württembergischen Innenministeriums von 7. April 1977, wonach es sich bei dem Beifahrer auf dem Motorrad “möglicherweise um eine Frau“ gehandelt habe. Ein Verteidiger Beckers betonte, dass nach den Aussagen der drei Tatortzeugen “diese Behauptung nicht mehr aufgestellt werden kann“.

dapd

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