Das ist seine Taktik

Duelle? Merkel lässt Steinbrück abblitzen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück werden vor der Wahl im September wohl zum TV-Duell aufeinandertreffen

Berlin - Für Peer Steinbrück beginnt nach einem verpatzten Start nun Phase zwei seiner Kanzlerkandidatur. Der SPD-Politiker verriet nun, wie er Kanzlerin Merkel im Duell packen will - und forderte sie heraus.

Manchmal ist Peer Steinbrück wie Lucky Luke. Er zieht schneller als sein Schatten. Schießt sein loses Mundwerk drauf los, müssen er und die SPD die Worte hinterher oftmals wieder mühsam einfangen. Wie die Aussagen zur Angemessenheit des Kanzlergehalts und zum Frauenbonus der Kanzlerin. Nun aber, nach dem rot-grünen Wahlsieg in Niedersachsen, hat der SPD-Kanzlerkandidat offenbar verstanden, dass die Worte desjenigen, der Bundeskanzler werden will, eine andere Resonanz haben. Der 66-Jährige ist vorsichtiger geworden, aber auch entspannter. Die Kritik-Karawane ist weitergezogen zu FDP-Spitzenmann Rainer Brüderle.

Nach quälenden Wochen der Selbstverteidigung hat Steinbrück nun vor Journalisten im Willy-Brandt-Haus skizziert, wie er sich das Duell mit der Kanzlerin vorstellt. Er würde gerne mindestens zweimal mit gezücktem rhetorischen Colt zum High Noon erscheinen. Doch er fürchtet, dass Angela Merkel wie schon 2009 einen Sphinx-Wahlkampf machen könnte: schwer zu greifen, Themen der SPD kopierend und nur ein Duell gewährend. Deshalb kam es 2009 zu einer „4:2-Lösung“ mit vier Fragestellern und zwei Kandidaten. Das Aufeinandertreffen mit Frank-Walter Steinmeier am 13. September 2009 war recht ereignisarm, mit leichten Vorteilen für Steinmeier, was die SPD aber auch nicht vor dem 23-Prozent-Debakel bei der Bundestagswahl bewahren konnte.

Und Steinbrück behält recht: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ mitteilen, dass sie keinen Anlass für zwei Fernsehduelle mit ihrem SPD-Herausforderer Peer Steinbrück im Bundestagswahlkampf sieht. „Die Bundeskanzlerin sieht keinen Grund, von ihrer Tradition der Jahre 2005 und 2009, jeweils eine TV-Debatte zu führen, abzuweichen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Alles Weitere wird zu gegebener Zeit geklärt werden können.“

Peer Steinbrück: Klare Kante und loses Mundwerk

Peer Steinbrück: Klare Kante und loses Mundwerk

Die einzige Wahl, die Peer Steinbrück bisher bestreiten musste, hat er verloren. Mit 65 Jahren wagt er von der Hinterbank nochmals den großen Sprung.

Steinbrück tritt als Kanzlerkandidat der SPD gegen Angela Merkel an.

In diesem Jahr sind gleich drei Steinbrück-Biografien erschienen. Die beiden Journalisten Eckart Lohse und Markus Wehner bezeichnen Steinbrück als einen der „zweifellos interessantesten Politiker dieser Jahre“.

Eine Gefahr für ihn ist immer sein loses Mundwerk.

Als Bundesfinanzminister (2005 bis 2009) bewegte er durch unbedachte Äußerungen schon mal die Märkte. Der Schweiz drohte er, selbstbewusst wie er nun mal ist, in Sachen Schwarzgeld mit der Kavallerie.

Geboren am 10. Januar 1947 in Hamburg, wächst er in einem eher konservativen Elternhaus auf, erst 1969 schwenkt der Vater wegen Willy Brandt auf die SPD um.

Seinen eigenen trockenen Humor führt er auf seine Großmutter zurück - jüngst antwortete er einem Journalisten auf Fragen, ob er dieses oder jenes ausschließe: „Steinbrück schließt nicht aus, dass er Hundefutter isst“.

Als Schüler hatte er Flausen im Kopf. Neben Griechisch und Latein ist ausgerechnet Mathe ein Problem. Zweimal bleibt er sitzen. Statt zu lernen, schießt er Lehrern lieber aus dem Paternoster heraus mit einem Blasröhrchen Erbsen auf die Beine.

Das Ende der Schulzeit empfindet er als Befreiung. Seine Klassenarbeiten verbrennt Steinbrück nach dem Abi im Ofen.

Zum Studium der Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften geht er nach Kiel.

Seine politische Karriere beginnt 1974 im Bundesbauministerium und führt ihn in das Forschungsministerium und als Referent in das Bonner Bundeskanzleramt.

Dort regiert Helmut Schmidt, der ihn geeignet hält für den Job des Regierungschefs. Von 1986 bis 1990 leitet er das Büro von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Anschließend ist Steinbrück bis 1998 in Kiel, unter anderem als Wirtschaftsminister.

Dann kehrt er nach Nordrhein-Westfalen zurück. Nach Stationen als Wirtschafts- und Finanzminister wird er 2002 als Nachfolger des nach Berlin gewechselten Wolfgang Clement Ministerpräsident.

2005 wird Steinbrück trotz der Wahlniederlage gegen die CDU zum Finanzminister in Berlin berufen.

Im Oktober 2008 verkündet er mit Angela Merkel die berühmte Garantie für alle deutschen Spareinlagen. Eines macht er heute klar: Sollte er nicht Kanzler werden, geht er auf keinen Fall nochmals als Juniorpartner in ein Kabinett Merkel III.

Verheiratet ist er mit einer Lehrerin (links im Bild Ehefrau Gertrud). Sie haben drei erwachsene Kinder. Steinbrück ist ein Schnellleser und begeisterter Cineast. Und Peer Steinbrück ist leidenschaftlicher Sammler von Schiffsmodellen.

Dass der bald 66-Jährige so richtig will und die bisher unangreifbare Merkel mit Hilfe der Partei stellen möchte, wurde zuletzt beim Zukunftskongress der SPD-Fraktion sichtbar. Er hielt eine für ihn überraschend sozialdemokratische Rede.

Die nervösen Reaktionen der Union auf sein Papier zur Bändigung der Finanzmärkte zeigten, dass er hier für die SPD einen möglichen Wahlkampfschlager gefunden hat.

Mit seiner „klaren Kante“ ist er sicher der Kandidat, der Merkel am gefährlichsten werden wird.

Steinbrücks große Stärke ist das blitzschnelle Denken, sein Wortwitz, ein TV-Duell könnte ihn im direkten Vergleich mit Merkel nach vorn bringen. Aber eine flapsige Bemerkung könnte wiederum auch alles vermasseln. 2005 als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident nutzten ihm jedenfalls die Duelle mit CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers - damals ließ er sich als Regierungschef auch auf zwei ein. Umfragen ergaben nach dem zweiten Duell, dass Steinbrück deutlich an Zustimmung gewann, statt zuvor 37 sprachen sich nun 47 Prozent für ihn als Ministerpräsidenten aus, Rüttgers verlor an Zustimmung. Doch am Ende war Steinbrück gegen den Bundestrend machtlos, Rot-Grün verlor.

Merkel behandelt Steinbrück bisher wie Luft. Der fürchtet, dass Merkel präsidial lieber auf Gipfeln und roten Teppichen glänzen wolle, statt sich der inhaltlichen Debatte zu stellen. Der frühere Bundesfinanzminister will daher frühzeitig Merkel dazu treiben, dass sie nicht ihre Strategie vom Wahlkampf 2009 wiederholen kann.

Es hat sich für Merkels damalige Taktik unter Wahlforschern das sperrige Wort der asymmetrischen Mobilisierung herauskristallisiert. Durch das Ausweichen vor kontroversen Themen, inhaltlichen Verwischungen und vagen Positionierungen soll ein Duell vermieden werden. So soll der Wähler des politischen Gegners von den Wahlurnen ferngehalten werden.

Merkels Frisur im Wandel der Zeit

Merkels Frisur im Wandel der Zeit

Da schmunzelt die Kanzlerin: Angela Merkel schaut 2006 in Dresden auf dem CDU-Bundesparteitag auf ein Foto von ihr aus dem Jahr 1990. Merkels Frisur hat sich im Laufe der Jahre gewandelt: Von Prinz Eisenherz zur modischen "Mutti" der  CDU. 

1998 als Umweltministerin im Bundestag: Damals noch mit einem altbackenen Topfschnitt.

1999: Merkel denkt gar nicht daran, sich modischen Trends zu beugen. Mit einem unvorteilhaften Foto der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel sucht die Partei zwei Jahre später per Anzeige (Foto) Werbefachleute für den Bundestagswahlkampf 2002.

2000: Die frischgewählte CDU-Vorsitzende ist zumindest in einer Hinsicht konservativ: Nämlich was ihre Frisur angeht.

2001: Der Autovermieter Sixt wirbt mit Merkel: Links wird sie bei normalem Haarschopf gefragt, ob sie Lust auf eine neue Frisur habe. Rechts stehen ihr die Haare zu Berge. "Mieten Sie sich ein Cabrio", rät Sixt. Die CDU-Chefin nimmt die Werbung gelassen. "Das ist ein interessanter Vorschlag für Haar-Styling", kommentiert Merkel.

2002: Wie lautete die CDU-Annonce noch mal? "Machen Sie mehr aus Ihrem Typ!" Zumindest nicht zur Bundestagswahl 2002.

2003: Es verbietet sich, der CDU-Vorsitzenden einfach einen Satz in den Mund zu legen. Trotzdem sieht Merkel aus, als ob sie sich gerade fragt: "Soll ich mir nicht mal eine andere Frisur zulegen?"

2004: Merkel mit etwas mehr Make-up. Aber sie bleibt ihrem Prinz-Eisenherz-Look treu.

2005 markiert gleich zwei historische Zäsuren: Frau Merkel ist jetzt auch Frau Kanzlerin und nimmt zudem Abschied von der Topffrisur.

2006: Merkel tritt nun mit einem Bobschnitt auf. Der wird fortan immer dynamischer.

2007: Wir wissen auch, wer hinter Merkels neuem Look steckt. Nämlich der Berliner Straf-Friseur Udo Walz.

2008: Fällt Ihnen was auf? Auch Merkels Kostüme werden im Laufe der Jahre bunter, feiner und edler.

2009: Die Kanzlerin läuft beim Klimagipfel in Kopenhagen auf. Mittlerweile ist durchgesickert: Ihre Blazer schneidet ihr eine Hamburger Modedesignerin. Für das Make-up sorgt eine Visagistin. In Sachen Frisur setzt die Kanzlerin weiter auf Udo Walz .

2010: Im Laufe von zehn Jahren ist Merkel zumindest optisch eine ganz andere Erscheinung geworden.

„Frau Merkel versucht jetzt wieder einen Neustart mit der Lohnuntergrenze und plötzlich spielt auch das Thema Mieten eine Rolle“, sagt Steinbrück. Und nun diskutierten auch CDU/CSU plötzlich über ein Trennbankensystem. Er hatte schon vor seiner Nominierung vorgeschlagen, dass das Investmentbanking vom Privatkundengeschäft getrennt werden müsse, damit nicht immer der Steuerzahler bei Schieflagen von Banken mit Milliardensummen haften muss.

„Zu unserer Freude hecheln sie uns hinterher“, sagt er mit Blick auf die Union. Aber eine Lohnuntergrenze sei etwas anderes als ein Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde, die Lebensleistungsrente bringe nur minimale Aufstockungen, während die SPD für langjährige Einzahler eine Solidarrente von 850 Euro wolle. Und eine Flexi-Quote sei eben keine verbindliche Frauen-Quote. „Da werden viele Etiketten auf Flaschen geklebt, in denen nichts drin ist“, sagt Steinbrück. Egal, was am Ende rauskommt, eines steht für ihn fest: Er will Rot-Grün und geht in keine große Koalition mehr unter Merkel.

Steinbrück: Kritik interessiert mich „nicht die Bohne“

Kalt erwischt hat die SPD aber der Vorschlag von Umweltminister Peter Altmaier (CDU) für eine „Strompreis-Sicherung“. Womöglich versucht die SPD über einen Antrag zur Senkung der Stromsteuer im Bundesrat, die schwarz-gelbe Koalition unter Druck zu setzen, denn anders als die Union will die FDP diese Steuer auch senken. Die SPD glaubt insgesamt, dass die Europapolitik nicht so stark den Wahlkampf dominieren wird - sondern soziale Themen wie Mindestlöhne, Renten, Strompreise und in Städten stark steigende Mieten.

Steinbrück sagt, seit 15 Jahren gebe es eine Umverteilung „stramm von unten nach oben“ - aber elf Jahre davon hat die SPD mitregiert. Ihn interessiere es „nicht die Bohne“, dass er als teurer Kandidat bezeichnet werde, weil die SPD milliardenschwere Wohltaten in Aussicht stellt. Es muss sich aber noch zeigen, dass er der richtige Kandidat für dieses Programm ist, mit dem auch im Linken-Reservoir gewildert werden soll. „Wenn ganze Stadtteile abstürzen, hat das Folgekosten“, betont er. Das wolle er im Wahlkampf auch wohlhabenden Menschen in Hamburg-Blankenese oder München klarmachen.

dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Bundestagswahl
Kommentare zu diesem Artikel