Sarrazin legt nach und lehnt SPD-Austritt ab

Frankfurt/Main - Ungeachtet der heftigen Kritik an seinen vielfach als ausländerfeindlich empfundenen Äußerungen hat Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin am Samstag nachgelegt.

Der “Welt am Sonntag“ sagte er, muslimische Migranten integrierten sich überall in Europa schlechter als andere Einwanderergruppen. An anderer Stelle des Interviews sagte Sarrazin: “Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“ Zugleich lehnte der ehemalige Berliner Finanzsenator einen Austritt aus der SPD ab. Noch vor Bekanntwerden seiner jüngsten Äußerungen hatte es am Samstag weitere Kritik und Rücktrittsforderungen gegen Sarrazin von vielen Seiten gegeben.

Der Vorsitzende seines Berliner SPD-Kreisverbands Charlottenburg-Wilmersdorf, Christian Gaebler, sagte dem Nachrichtenmagazin “Der Spiegel“: “Das Maß ist voll.“ Wenn der Exsenator nicht freiwillig aus der SPD austrete, “bereiten wir ein Parteiausschlussverfahren vor“, wird Gaebler weiter zitiert. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel in der “Frankfurter Rundschau“ auf, ein Verfahren zur Absetzung Sarrazins als Bundesbank-Vorstand einzuleiten.

Pauschale Diskreditierung

Die türkischstämmige niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) warf ihm in “Bild am Sonntag“ vor, Migranten zu verletzen und pauschal zu diskreditieren. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), warf Sarrazin vor, er zeichne mit seiner pauschalen Polemik ein Zerrbild der Integration in Deutschland.

In dem neuen Interview der “Welt am Sonntag“ und der “Berliner Morgenpost“ vertrat das Bundesbank-Vorstandsmitglied die Ansicht, die Ursachen für die schlechte Integration von Muslimen seien nicht ethnisch, sondern lägen offenbar in der Kultur des Islams. In seinem neuen Buch mit dem Titel “Deutschland schafft sich ab“ rede er bewusst nicht von Türken oder Arabern, sondern von muslimischen Migranten.

Kulturelle Eigenart der Völker keine Legende

“Die kulturelle Eigenart der Völker ist keine Legende, sondern bestimmt die Wirklichkeit Europas“, wird Sarrazin zitiert. “Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“, sagte er weiter.

Den von SPD-Chef Sigmar Gabriel und vielen anderen Sozialdemokraten geforderten Parteiaustritt lehnte Sarrazin entschieden ab. “Bei der Armutsbekämpfung entwerfe ich doch genau ein Szenario, das den Arbeitslosen den Einstieg in die Arbeitswelt und sozialen Aufstieg ermöglichen soll. Das ist sehr sozialdemokratisch“, sagte er.

Sarrazin: Der Provokateur redet Klartext

In seinem Buch finde man auch nirgendwo die Forderung, “irgendjemanden, der schon hier ist, abzuschieben, wie das andere Parteien gelegentlich tun“. Im Gegenteil wolle er alle fördern.“

Der scheidende hessische Ministerpräsident Roland Koch nannte Sarrazins Thesen “eine sehr rückwärtsgewandte, pessimistische Beschreibung der Zustände, ohne sich eigentlich ernsthaft mit den Optionen und Chancen zur Lösung zu beschäftigen“. Im Hessischen Rundfunk sagte der CDU-Politiker: “Wer glaubt, dass die Biologie und die Erbanlagen nahezu alles sind, und dass sich Migranten oder sozial im Augenblick schwache Menschen sozusagen immer in diesen Gruppen bewegen werden, der gibt sie auf.“

Allerdings dürfe man das von dem Bundesbank-Vorstandsmitglied angesprochene Thema auch nicht tabuisieren. Der Bielefelder Soziologie-Professor Wilhelm Heitmeyer warf Sarrazin im Südwestrundfunk vor, er bediene mit seiner Wortwahl “eindeutig ein rechtspopulistisches Potenzial“.

Rubriklistenbild: © dpa

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