Proteste beim G20-Gipfel: "Wir wollen nur Frieden"

+
Gewaltakte überschatteten die friedlichen Proteste zum G20-Gipfel.

Toronto - Gewaltakte überschatteten die friedlichen Proteste zum G20-Gipfel. Ein massives Sicherheitsaufgebot hielt die Demonstranten fern von der großen Politik.

Am Ende kommt es doch zu Gewalt: Ein paar Dutzend Militante brechen vom Protestzug los, werfen Scheiben ein, stecken drei Polizeiautos in Brand und bringen damit die sonst völlig friedliche Demonstration in Misskredit. Es herrscht Ausnahmezustand im Finanzviertel der kanadischen Wirtschaftsmetropole Toronto, während die Staats- und Regierungschefs der 20 großen Volkswirtschaften am Samstag zu ihrem Gipfel zusammenkommen.

Die Spannung in der Luft ist zu spüren, als die Flammen aus den Polizeiwagen schlagen und schwarzer Rauch zwischen den Hochhäusern aufsteigt. Drei Dutzend Polizisten in voller Schutzmontur, mit Helmen, Schildern und Knüppeln blockieren die Straße. Der martialische Auftritt soll abschreckend wirken. “Wir sind doch nur friedlich!“, beschwört ein langhaariger Demonstrant, wirft sich vor der gerüsteten Staatsgewalt auf die Knie, reckt die Arme in die Höhe und legt sich der Länge nach auf den Boden: “Frieden!“

Schwarze Vermummte mit Tröten

Von hinten pusten ein paar schwarz Vermummte in ihre Tröten, schreien die Polizisten von weitem an. Immer mehr Schaulustige wollen das Feuer sehen. Eine Gruppe versprengter Demonstranten stimmt in Sprechchöre ein: “Lasst Frieden regnen!“ Einem Polizisten wird das zu bunt. Er schiebt sich durch die dichte Polizistenreihe, hebt drohend seine Tränengaspistole, brüllt die Menge an: “Verzieht euch!“

Nichts passiert, die Eskalation bleibt zum Glück aus. Von hinten rücken in Zweierreihe weitere Sicherheitskräfte zur Verstärkung an. Die Feuerwehr löscht die Polizeiautos, die in Toronto auf dem Kotflügel den Leitspruch “Dienen und Schützen“ tragen. Der Spuk ist nach einer halben Stunde vorüber. Der eigentliche Protestzug hat nichts davon mitbekommen und ist längst am Queens-Park angekommen.

In der großen Grünanlage, wo das Provinzparlament von Ontario steht, unterhält Countrymusik mehrere tausend Demonstranten. Es herrscht Volksfeststimmung, obwohl ihnen nicht wirklich zum Feiern ist. Es geht um die Ungerechtigkeiten in der Welt: “Indien ist keine Demokratie“, “Befreit Kaschmir“ oder “Beseitigt die Diktatur in Äthiopien“ steht auf Plakaten. Es geht weiter mit: “Tamilen wollen Gerechtigkeit“ oder “Freiheit für Vietnam“. Umweltschützer warnen, das wir nur die eine Erde haben: “Es gibt keinen Planeten B“.

Gruben- und Stahlarbeiter demonstrieren gegen die Übernahme kanadischer Unternehmen durch ausländische Konzerne. “Das ist der Ausverkauf“, sagt ein 54-jähriger Kumpel. Ihr Arbeitgeber war vom brasilianischen Stahlkonzern Vale aufgekauft worden. “Jetzt senken sie die Löhne, wollen die Pensionen kürzen“, klagt seine Frau. Seit zwölf Monaten haben sie die Arbeit niedergelegt. Der Konzern hat Streikbrecher eingestellt.

Gipfel kostet fast eine Milliarde Euro

Es gibt großen Ärger über die enormen Kosten der beiden Gipfel der G8 und G20 in Höhe von umgerechnet fast einer Milliarde Euro. “Nicht in unserem Namen, nicht mit unserem Geld“, werden die Staatsführer nicht gerade willkommen geheißen. “So viel Geld für 20 Leute ausgeben, wo wir es hier so nötig hätten“, sagt ein 42-jähriger Zimmermann. “Die Leute verlieren ihre Arbeit, hier sterben Obdachlose auf der Straße, werden soziale Programme gekürzt.“

Er ist von der Demokratie desillusioniert. “Die Regierenden sollten für die Menschen sprechen und aufhören, ihnen zu sagen, was sie tun sollen.“ Politiker seien ohnehin “nur Schauspieler“, sagt der Zimmermann. “Die großen Kapitalisten, die Banker und Industriellen, sagen denen doch, was sie tun sollen.“ Süßer Geruch liegt in der Luft. Eine Gruppe verteilt Marihuana-Zigaretten, obwohl der Konsum in Kanada verboten ist. “Hier rauchen jetzt 100 Leute Pot - völlig unbehelligt, weil die Bullen viel zu beschäftigt sind“, sagt ein großer Kerl nicht ohne Stolz. Seine Genossen schwenken rot-weiße Fahnen mit Marihuana-Blatt. Was sie von den G20 wollen? “Die weltweite Aufhebung des Verbots von Marihuana.“

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare