So lief der Angriff auf Osamas Versteck

Islamabad - Bei einer gehemein Operation in Islamabad ist Terror-Chef Osama bin Laden getötet worden. Die Leiche wurde bereits bestattet.

Jahrelang jagten ihn Spezialeinheiten, dann kam das Ende von Osama bin Laden in einer Blitzaktion, die gerade mal knapp 40 Minuten dauerte. US-Regierungsbeamte gaben in der Nacht zum Montag einen Einblick in die dramatische Operation, bei der eine Eliteeinheit den Al-Kaida-Chef mit einem Kopfschuss tötete. Was sie schildern, klingt wie ein Thriller - mit akribischer Schnüffelarbeit verschiedener US-Geheimdienste, wichtigen Tipps von Terrorgefangenen und Bin-Laden-Vertrauten, die unwissentlich die Jäger auf die richtige Fährte brachten.

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Am Sonntagnachmittag Washingtoner Zeit - kurz nach Mitternacht Ortszeit in Pakistan - war es dann so weit: Nach intensiver Vorbereitung auf die “komplexe und besonders gefährliche Operation“ begann der Angriff des US-Elitekommandos Navy-Seals. Die Soldaten kamen mit zwei Hubschraubern. Bin Laden setzte sich zur Wehr. Bei dem Feuergefecht wurden drei weitere Männer getötet. Darunter sind nach Vermutungen der US-Stellen Bin Ladens erwachsener Sohn und zwei Brüder, die als Kuriere gearbeitet hatten und eine wichtige Spur zu dem Terror-Chef waren.

Auch mehrere Kinder und Frauen hielten sich auf dem Anwesen auf, eine der Frauen wurde von einem der männlichen Al-Kaida-Kämpfer als menschliches Schutzschild benutzt und starb, zwei weitere Frauen erlitten Verletzungen. Keiner der Amerikaner kam zu Schaden, aber das Kommando verlor einen ihrer Hubschrauber. Das Team flog nach der Operation gemeinsam mit einem Helikopter aus. Den zurück gebliebenen Hubschrauber zerstörten die US-Soldaten vorher.

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Die Operation des Elitekommandos war seit langem vorbereitet worden. Von dem Moment an, da Bin Laden als eine Bedrohung identifiziert worden sei, habe der Geheimdienst CIA systematisch Informationen über den inneren Zirkel um den Terroristenführer gesammelt, schilderten die Beamten, die anonym bleiben wollten, in Washington. Das dürfte also schon lange vor den Anschlägen vom 11. September 2001 gewesen sein. Gefangen genommene Terrorverdächtige in der Zeit danach hätten die CIA auf Personen hingewiesen, die möglicherweise Bin Laden und dessen Vize, Aiman al-Sawahiri, nach deren Flucht nach Afghanistan direkt unterstützt hätten. Später erweckte ein Bin-Laden-Kurier die besondere Aufmerksamkeit der Geheimdienstler. Gefangene identifizierten ihn als einen Schützling von Chalid Scheich Mohammed, dem mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September, und als einen von wenigen Al-Kaida-Kurieren, denen Bin Laden traute. Sie deuteten auch an, dass dieser Mann mit Bin Laden zusammenleben und als ein Bodyguard für ihn fungieren könnte. Und sogar einen Namen lieferten sie - aber es war leider nur ein Deckname.

So gelang es den Agenten erst vor vier Jahren, die Identität des Kuriers herauszufinden. Vor zwei Jahren machten sie nach diesen Informationen dann Gebiete in Pakistan aus, in denen der Kurier zusammen mit einem Bruder operierte. Aber wo die Beiden wohnten, blieb immer noch im Dunkeln - dank der intensiven Sicherheitsvorkehrungen des Gespanns, die die US-Geheimdienstler immer stärker davon überzeugten: “Wir sind auf der richtigen Spur.“

Der Durchbruch kam nach den US-Angaben im vergangenen August, als der Unterschlupf gefunden wurde. Es war ein Anwesen in einem Vorort von Abbottabad, etwa 60 Kilometer Luftlinie nördlich von Islamabad. “Wir waren geschockt von dem, was wir sahen - ein außergewöhnliches, einzigartiges Anwesen“, schildert ein Regierungsbeamter die Situation.

Es ging um einen Gebäudekomplex auf einem großen Grundstück, gerade mal sechs Jahre alt - vielleicht eigens für Bin Laden gebaut, mutmaßen die Geheimdienstler heute. Die Schutzvorkehrungen sind enorm, bis zu fünfeinhalb Meter hohe Mauern mit Stacheldraht umgeben das Anwesen. Zugang gibt es nur durch zwei bewachte Tore. Die Einwohner verbrennen ihre Abfälle - vermutlich weil sie keine Spuren hinterlassen wollen.

Das Hauptgebäude umfasst drei Stockwerke und hat nur wenige Fenster, das Anwesen ist nach Schätzungen eine Million Dollar (etwa 670 000 Euro) wert, sehr viel nach pakistanischen Maßstäben. Und es gibt keine Erklärung dafür, wie sich die Kurier-Brüder das leisten können. Den Geheimdienstlern ist nun endgültig klar: Es handelt sich um ein maßgeschneidertes Versteck für einen bedeutenden Menschen.

Und dann finden sie heraus, dass neben den Familien der Brüder dort noch eine dritte Familie wohnt, eine, die in der Größe und Zusammensetzung der von Bin Laden entspricht. “Unsere beste Einschätzung, auf der Basis von vielen Berichten aus verschiedenen Quellen, war, dass Bin Laden dort mit mehreren Familienmitgliedern lebte, darunter seine jüngste Frau.“ Alles, so schildern die Beamten weiter, habe gepasst und mit dem übereingestimmt, wie man sich Bin Ladens Versteck vorgestellt habe. Und dann kam das grüne Licht für den Sondereinsatz der Navy-Seals.

Bestattung nach islamischem Brauch

Der Leichnam des getöteten Al-Kaida-Führers Osama bin Laden ist auf See bestattet worden. Das berichtet der Sender CNN am Montag unter Berufung auf US-Regierungskreise. Ein Beamter hatte zuvor vor Journalisten erklärt, es werde sichergestellt, dass der Umgang mit der Leiche “im Einklang mit islamischen Praktiken und islamischer Tradition“ stehe. Das sei “etwas, dass wir sehr ernst nehmen, und deshalb wird das in einer angemessenen Weise gehandhabt“.

Die Bestattung von Muslimen erfolgt nach strengen Regeln. Sie soll nach Angaben der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen innerhalb von 24 Stunden nach dem Tod stattfinden. Vorgeschrieben ist demnach eine rituelle Waschung des vollständig entkleideten Leichnams. Dieser soll von muslimischen Männern auf den Schultern zum Grab getragen werden. Möglich ist auch eine fahrbare Bahre, die von verschiedenen Menschen abwechselnd gezogen wird.

Der Leichnam soll in Tüchern bestattet werden und im Grab auf der rechten Körperseite liegen. Er muss in Richtung Mekka blicken. Das Grab soll so schlicht wie möglich gestaltet werden und darf zeitlich nicht befristet sein.

ap/dpa

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