Norwegen rätselt über Hintergründe

+
Teenager, die an dem Camp auf der Insel teilgenommen hatten und Augenzeugen des Massakers wurden, kommen bei einem Hotel an.

Oslo - Norwegen rätselt über die Hintergründe der Terror-Anschläge mit mehr als 90 Toten. Der mutmaßliche Täter hatte möglicherweise einen Helfer. Augenzeugen berichten, wie der kaltblütig der 32-Jährige vorging.

Eine idyllische Fjordinsel, ein Ferienparadies für Jugendliche verwandelt sich zu einer tödlichen Hölle. Das Regierungsviertel in Oslo gleicht einer Kriegszone. Norwegen hat mit dem Bombenanschlag im Herzen seiner Hauptstadt und dem entsetzlichen Massaker auf der kleinen Insel Utøya einen Schock erlebt, den die wenigsten am Samstag fassen konnten. Mehr als 90 Menschenleben hat ein vermutlich rechtsradikaler Norweger ausgelöscht.

Lesen Sie dazu auch:

Alle aktuellen Informationen im Live-Ticker

So stellte sich der Attentäter im Netz dar

Bomben-Terror in Oslo - Schüsse in Jugendlager

Video: Schwerer Bombenanschlag in Oslo

Oslo: Menschen nach Bombenexplosion eingeschlossen

“Unbegreiflich“ nannte auch Ministerpräsident Jens Stoltenberg diese “schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg“. Tatsächlich überstiegen das Ausmaß, die Heimtücke und auch die grenzenlose Brutalität der zwei Anschläge von Freitag alles bisher in Skandinavien Erlebte um ein Vielfaches: Ein Einzelner, möglicherweise mit einem Helfer, ließ erst im Regierungsviertel von Oslo eine gewaltige Bombe detonieren. Als sämtliche Kräfte für Rettungseinsätze und auch die polizeilichen Ressourcen hier in Aktion waren, schlugen der oder die Täter im 40 Kilometer entfernten Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF zu.

Die Polizei hatte nach den Schüssen auf Utoya zunächst nur von zehn Toten berichtet. Über Nacht mussten die Opferzahlen aber drastisch nach oben korrigiert werden. Es habe lange gedauert, die Insel abzusuchen, sagte Polizeichef Oystein Maeland. Die Zahl der Opfer könne noch weiter steigen, viele seien schwer verwundet. Mindestens ein unexplodierter Sprengsatz wurde auf der Insel gefunden.

"Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich.“

Die 15-jährige Teilnehmerin Elise sagte, sie habe Schüsse gehört und gedacht, sie sei sicher, als sie einen Mann in Polizeiuniform gesehen habe. Dieser habe die Jugendlichen zum Näherkommen aufgefordert und dann vor ihren Augen begonnen, sie zu erschießen. Einige der Opfer hätten versucht, sich tot zu stellen, der Täter habe aber viele nach einem ersten Schuss zusätzlich noch einmal in den Kopf geschossen, sagte der 21-jährige Dana Berzingi.

Eine andere Augenzeugin, Nicoline Bjerge Schie, berichtet, dass der 32-Jährige mehr als 45 Minuten auf die Jugendlichen geschossen hat. Die 22-Jährige sagte am Samstag in der Online-Ausgabe der Zeitung “Dagbladet“: “Die Schüsse kamen mit etwa zehn Sekunden Zwischenraum und über etwa eine Dreiviertelstunde.“

Die junge Frau hatte sich selbst mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt. Über ihre Eindrücke berichtete sie: “Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich.“

Anwohner und Touristen eilten Jugendlichen zu Hilfe

Seinen Hass gerade auf diese Partei hatte der mutmaßliche Täter auch in Internet-Beiträgen mehrfach nach außen getragen: Die AUF nannte er in Anlehnung an die Hitlerjugend höhnisch “Stoltenberg-Jugend“. Norwegens frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, für die meisten Norweger eine Landesmutter, war für ihn eine “Landesmörderin“.

Vielleicht auch weil die Meldung von der Bombendetonation das ganze Land, Behörden, die Regierung und die Polizei total in Beschlag nahm, konnten der oder die Täter auf der Insel 600 Jugendliche knapp eine dreiviertel Stunde wie Freiwild jagen und mindestens 81 töten.

“Hier zeigte sich das Schlechteste im Menschen, aber auch das Beste“, berichtete ein Augenzeuge im Rundfunksender NRK: Als die ersten Schüsse vom Festland aus zu hören waren, machten sich sofort alle möglichen Anwohner und Touristen mit ihren Booten auf den Weg, um möglichst viele der Jugendlichen trotz Kugelhagel aus dem Wasser zur holen: Die Teenager versuchten schwimmend zu fliehen und wurden auch dabei noch beschossen.

Parteivorsitzende kannte Opfer teilweise persönlich

“Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt“, fasste Stoltenberg seine Gefühle nach dem unfassbar schlimmen Tag zusammen. Für die 4,5 Millionen Norweger stand nicht zuletzt der Regierungschef nach den fast 100 Opfern und ihren Angehörigen im Blickpunkt.

Erst wurde seine eigene Regierungskanzlei bei der Bombenexplosion schwer beschädigt. Es war am Tag danach ebenso wenig nutzbar wie mehrere benachbarte Ministerien im Regierungsviertel. “Wir sind aber als Regierung voll funktionsfähig“ musste Stoltenberg versichern - Für das gerade jetzt während der Sommerferien betont friedliche und traditionelle stabile, gut funktionierende Skandinavien eine unwirklich klingende Versicherung.

Und dann galt die Attacke auf das Jugendlager eben auch noch jungen Aktiven aus der eigenen Partei des Ministerpräsidenten. Norwegen ist ein so kleines Land, dass “jeder jeden“ irgendwie kennt. Und so kannte der Parteivorsitzende etliche der Opfer bei dem Massaker und deren Familien persönlich.

32-Jähriger hat ausgeprägt “antiislamischer Einstellung“

Mit politischen Zuordnungen des Massakers und der Bombenattacke hielt sich die Osloer Regierung konsequent zurück. Erste Vermutungen in Medien über einen radikalislamistischen Hintergrund hatten sich relativ schnell als falsch erwiesen: Der am Ende festgenommene 32- jährige Norweger war äußerlich blond und innerlich nach Polizeiangaben ein Mann aus der rechtsradikalen Szene mit ausgeprägt “antiislamischer Einstellung“.

Die rechtsextreme Szene ist in den letzten Jahren in Norwegen eigentlich geschrumpft. Aufmerksam notiert wurde von den Medien, dass der mutmaßliche Täter bis 2007 zehn Jahre lang aktives Mitglied bei der rechtspopulistischen Fortschrittspartei war. Was ihn dann möglicherweise zum Massenmörder werden ließ, blieb auch am Tag nach dem schrecklichen Verbrechen unklar.

dpa/dapd

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare