Im Ausschuss

Mysteriöse NSU-Listen: Zeugen gemeinsam befragt

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Eine Pistole wird vor eine Bilderwand mit den Porträts von Opfern der sogenannten Döner-Morde gehalten.

Berlin - Premiere im Untersuchungsausschuss: Zwei Zeugen, die widersprüchliche Angaben gemacht haben, werden erneut befragt. Und zwar zusammen.

Die erste direkte Gegenüberstellung von zwei Zeugen im Neonazi-Untersuchungsausschuss des Bundestages hat nicht die erhoffte Klärung gebracht. Dabei ging es am Freitag um Listen mit Adressen und Kontaktdaten, die im Januar 1998 zusammen mit Sprengstoff in einer Garage in Jena gefunden wurden. Die Adressen hätten direkt auf die Spur des späteren Neonazi-Trios führen können. Die zweite Liste war erst in dieser Woche überraschend aufgetaucht.

Weder der vernommene Beamte des Landeskriminalamtes, Jürgen Dressler, noch der des Bundeskriminalamtes, Michael Brümmendorf, konnten sich an die in einer Plastiktüte gefundene zweite Liste erinnern. Beide Beamte waren 1998 an den Ermittlungen beteiligt gewesen. Warum die erste „Garagenliste“ nicht ausreichend geprüft wurde, bliebe ebenso unklar.

Unterschiedliche Angaben über die erste Liste

Die mutmaßlichen Mitglieder des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) - Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe - waren Anfang 1998 untergetaucht. Sie sollen zwischen 2000 und 2007 zehn Morde begangen haben. Erst im November 2011 flog die Bande auf.

Dressler und Brümmendorf machten unterschiedliche Angaben darüber, was mit der ersten Adressenliste 1998 geschehen ist. Brümmendorf, der vom BKA für zwei Wochen nach Erfurt entsandt worden war, will die Liste gesehen, mit einem Vermerk versehen und an das LKA weitergeleitet haben. LKA-Mann Dressler konnte sich daran nicht erinnern, gab aber zu, dass die Listen nicht ausgewertet wurden. „Das war ein Fehler“, räumte Dressler ein.

Zettel wäre "Sechser im Lotto" gewesen

Zusammen mit der ersten Liste war in der Garage auch ein handschriftlicher Zettel mit weiteren Adressen gefunden worden. Keines der Dokumente wurde an die Zielfahnder weitergegeben. „Die Liste wäre wie ein Sechser im Lotto gewesen“, sagte der Grünen-Obmann im Ausschuss, Wolfgang Wieland. Wäre man dem untergetauchten Neonazi-Trio auf die Spur gekommen, hätte die Mordserie der kommenden Jahre verhindert werden können.

Für Empörung sorgte im Ausschuss die nicht-öffentliche Befragung eines brandenburgischen Verfassungsschützers am Donnerstagabend. Dabei ging es um einen V-Mann mit dem Decknamen „Piato“, der wegen versuchten Mordes an einem Nigerianer zu acht Jahn Haft verurteilt worden war, und möglicherweise mit Hilfe des Verfassungsschutzes früher freikam.

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Der vernommene Beamte konnte sich nach Angaben von Teilnehmern an nichts erinnern und ließ die Befragung nach einer Stunde wegen Erschöpfung abbrechen. Der Ausschuss-Vorsitzende Sebastian Edathy meinte, der Verfassungsschutz in Brandenburg habe in diesem Fall ein „verheerendes Bild“ abgegeben.

dpa

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