Strippenzieher des Breitscheidplatz-Attentats

Geheimdelegation jagt offenbar Amris Terror-Mentor 

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Die Fahndungsfotos des Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri.

Bevor er seinen tödlichen Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt verübte, pflegte Anis Amri in Italien dubiose Kontakte. Offenbar gab es aber auch einen Haupt-Hintermann in Nordafrika.

Rom - Mehr als ein Jahr nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt sind in Italien mehrere mutmaßliche Komplizen des Terroristen Anis Amri festgenommen worden. Fünf Verdächtige kamen am Donnerstag in der Region um Rom und der nahe gelegenen Stadt Latina in Untersuchungshaft. Die Ermittler haben aber keine Hinweise darauf, dass sie dem Tunesier Amri bei seinem Anschlag direkt geholfen haben oder der Attentäter sie auf seiner Flucht in Italien aufsuchen wollte.

Amri war am 19. Dezember 2016 mit einem Lastwagen am Breitscheidplatz in eine Menschenmenge gerast. Bei dem bislang schwersten islamistischen Anschlag in Deutschland waren zwölf Menschen getötet und fast 100 verletzt worden. Er wurde kurz darauf vor Heiligabend auf der Flucht bei Mailand erschossen. Der gebürtige Tunesier war einst mit einem Flüchtlingsboot in Sizilien angekommen. Er saß in Italien etwa vier Jahre in einem Gefängnis, wo er sich radikalisiert haben soll. In der Gegend um Latina lebte er, bevor er im Juli 2015 nach Deutschland reiste.

Amri erhielt wohl gefälschte Dokumente von vier Tunesiern

Vier Tunesier bildeten den Ermittlern zufolge ein Netzwerk. Es sei sehr wahrscheinlich, dass Amri sich bei ihnen gefälschte Dokumente für seinen Aufenthalt in Deutschland beschafft habe, sagte der Chef der Polizeieinheit Digos in Rom, Giampietro Lionetti. Ihnen wird Begünstigung illegaler Einwanderung und Dokumentenfälschung vorgeworfen.

Bei dem fünften handelt es sich um den einzigen Terrorverdächtigen. Der Mann, der sich als Palästinenser ausgibt, aber den Ermittlern zufolge ebenfalls Tunesier sein könnte, soll Anschläge geplant und dazu aufgerufen haben, Ungläubigen „die Kehle und die Genitalien abzuschneiden“. „Sehr intensiv“ und nahezu zwanghaft habe er im Internet nach allen möglichen Informationen über Waffen gesucht und wie diese beschafft werden könnten, sagte Ermittler Luca Montella. Der 37-Jährige habe indirekt Kontakt zu Amri gehalten. Er saß bereits wegen Drogendelikten im Gefängnis.

Tunesischer Islamist soll Terror-Pate von Amri gewesen sein

Drei weitere Tunesier, denen die Ermittler direkten Kontakt zu Amri nachgewiesen haben, wurden bereits im Januar und März 2017 wegen Gefährdung der Staatssicherheit ausgewiesen. Weder sie noch die fünf Verdächtigen hätten Amri aber direkt dabei geholfen, den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche zu verüben, sagte Ermittler Walter Dian. „Es gibt keinen Hinweis, der uns - auch nicht im geringsten - zu solch einem Schluss kommen lässt.“ Außerdem soll Amri Kontakt zu einem französischen Islamisten gehabt haben.

Nach einem Bericht des Magazins Focus fahndet Generalbundesanwalt Peter Frank vielmehr nach einem tunesischen Islamisten, der eine führende Rolle bei dem Berliner Anschlag gespielt haben soll. Das Bundeskriminalamt habe offenbar klare Hinweise, dass der 33-jährige Mahir D. Amri von Nordafrika aus gesteuert hat. Er soll der eigentliche Drahtzieher des Attentats vom 19. Dezember 2016 sein. Dies erfuhr der Focus aus Justizkreisen.

Geheimdelegation jagt offenbar Mahir D. - sein Bruder lebt in Berlin

Schon im Februar 2016 soll Amri Kontakte mit Terroristen des IS in Libyen gehabt haben und immer wieder davon gesprochen haben „Ungläubige“ zu töten. Der mutmaßliche Strippenzieher des Attentats vom Berliner Breitscheidplatz hatte regelmäßig mit Amri geschattet und diesen immer wieder in Momenten des Zweifels gelobt und bestätigt haben - so schreibt es der Focus. Um den Terror-Paten zu fassen flog laut Focus eine hochrangige Delegation von Spezialisten des Bundeskriminalamts und der Bundesanwaltschaft nach Tunis um Informationen über Mahir D. zu sammeln und ihn zu fassen. Die Dienstreise soll so geheim gewesen sein, dass nicht einmal das Bundesamt für Verfassungsschutz mit eingeweiht worden war. Die tunesischen Behörden sollen den Deutschen außerdem ihre Hilfe zugesagt haben.

Doch ein Nordafrika-Kenner des Bundesnachrichtendienstes meinte zu Focus: „Pustekuchen.“ Der ganze Polizeiapparat in Tunesien ist von den Muslimbrüdern unterwandert. Die werden den Deutschen überhaupt nicht dabei helfen, einen Bruder zu fangen.“ Außerdem hat Amris mutmaßlicher Terror-Pate familiäre Kontakte nach Berlin. Sein Bruder betreibt in der Hauptstadt ein arabisches Restaurant und stand offenbar während der Fußball-Weltmeisterschaft vor vier Jahren unter Beobachtung des Staatsschutzes als Gefährder und potenzieller Attentäter.

Was wollte Amri nach seinem Anschlag in Italien?

In Italien wird seit langem ermittelt, welche Kontakte Amri dort hatte und warum er nach dem Berliner Anschlag zurückkehrte. Es gebe keine Hinweise darauf, dass Amri auf seiner Flucht zu einem der Verdächtigen oder bereits ausgewiesenen Tunesier wollte, sagte Dian. Die Mailänder Staatsanwaltschaft hatte Ende letzten Jahres ihre eigenen Ermittlungen beendet und erklärt, Amri habe zumindest in der norditalienischen Region Lombardei kein Netzwerk gehabt.

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Bei der jetzigen, groß angelegten Anti-Terror-Operation „Mosaico“ gab es auch in den Städten Viterbo, Matera, Neapel und Caserta Durchsuchungen.

„Es gibt keine konkrete Bedrohungslage“

Der Fall alarmiert die Italiener kurz vor Ostern besonders: In den vergangenen Tagen gab es in dem Land mehrere Anti-Terror-Aktionen. Das Innenministerium erhöhte daraufhin noch einmal die Sicherheitsvorkehrungen. „Es gibt aber seit einiger Zeit keine konkrete Bedrohungslage“, betonte Lionetti. Die Osterfeierlichkeiten erforderten erhöhte Wachsamkeit. Besonders die Gegend um den Petersplatz und das Kolosseum in Rom wird noch strenger überwacht. Dort finden die Osterfeierlichkeiten mit Papst Franziskus statt.

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Am Mittwoch wurde ein mutmaßliches Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Turin gefasst. Der Mann mit marokkanischen Wurzeln soll sich unter anderem informiert haben, wie man mit einem Lastwagen einen Anschlag verüben könnte. Zuvor wurde ein Haftbefehl gegen ein anderes mutmaßliches IS-Mitglied in Foggia in Apulien vollstreckt, das Kinder zu Selbstmordattentaten aufgerufen haben soll. Am Freitag dann nahm die Polizei im norditalienischen Fossano einen Marokkaner fest, weil er unter anderem Terrorpropaganda im Netz verbreitet haben soll.

dpa/sdm

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