Merkel bittet Angehörige um Verzeihung

Berlin - Mit einer Schweigeminute gedachte Deutschland der Opfer der Neonazi-Mordserie. Zuvor hatte ein Vater in einem bewegenden Auftritt bei der Gedenkfeier erzählt, wie sein Sohn in seinen Armen starb.

In einem bewegenden Auftritt hat der Vater des 2006 von Rechtsextremisten ermordeten Halit Yozgat die Gedenkfeier für die zehn Neonazi-Opfer gewürdigt. Er schilderte bei der Feier im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt vor 1200 Gästen, wie sein Sohn in seinen Armen starb.

Er dankte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für ihre Rede und dem am vorigen Freitag zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff dafür, dass er diese Veranstaltung möglich gemacht habe. “Wir sind seine Gäste. Wir bewundern ihn“, sagte Yozgat.

Er dankte für das Angebot finanzieller Unterstützung, betonte aber, Geld wolle seine Familie nicht annehmen. Sie bitte um seelischen Beistand. Statt materieller Entschädigung habe er drei Wünsche. “Unser erster Wunsch ist, dass die Mörder gefasst werden.“ Auch die Hintermänner müssten aufgedeckt werden. Das Vertrauen seiner Familie in die deutsche Justiz sei groß.

Deutschland gedenkt der Opfer der Neonazi-Mordserie

Deutschland gedenkt der Opfer der Neonazi-Mordserie

Der zweite Wunsch sei, dass die Holländische Straße, in der sein Sohn in Kassel geboren wurde und dort in seinem Internetcafé starb, nach ihm benannt werde. Als dritten Wunsch äußerte Yozgat, dass im Gedenken an die insgesamt zehn ermordeten Menschen ein Preis ausgelobt und eine Stiftung gegründet werde. Sämtliche Einnahmen und Spenden sollten krebskranke Menschen bekommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich bei Angehörigen der von Neonazis ermordeten Menschen für falsche Verdächtigungen der Ermittlungsbehörden entschuldigt. “Dafür bitte ich Sie um Verzeihung“, sagte die Kanzlerin am Donnerstag in Berlin bei der zentralen Gedenkveranstaltung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Die Ermittler waren bei der Mordserie in einigen Fällen zunächst unter anderem von Straftaten im Drogen-Milieu ausgegangen und hatten Ermordete und Angehörige verdächtigt, darin verstrickt zu sein. Die Kanzlerin sagte, es sei besonders beklemmend, dass Angehörige zu Unrecht unter Verdacht gestanden hätten.

Die zum Teil mehr als zehn Jahre von den Behörden unentdeckten Verbrechen seien “beispiellos für unser Land“, sagte die Kanzlerin. Sie verlas die Namen der Getöteten. Zu Beginn ihrer Rede bat sie um schweigendes Gedenken: “Mit diesem Schweigen ehren wir die Opfer der Mordserie.“ Mit Blick auf die Täter und deren Morde sagte sie: “Sie sind eine Schande für unser Land.“

Die rechte Terrorzelle - Chronologie der Ereignisse in Bildern

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Merkel forderte die Deutschen eindringlich zu mehr Wachsamkeit gegenüber Rechtsextremismus auf. Intoleranz und Rassismus äußerten sich keinesfalls erst in Gewalt. Gefährlich seien nicht nur Extremisten, warnte Merkel. Oft stünden Gleichgültigkeit und Unachtsamkeit am Anfang eines Prozesses einer schleichenden Verrohrung des Geistes. Überall in der Gesellschaft sollten die Bürger ein feines Gespür für Bemerkungen entwickeln: “Aus Worten können Taten werden“, mahnte Merkel. Der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung müsse täglich geführt werden.

Zu einem Video der Rechtsextremisten, in dem diese die ermordeten Menschen verhöhnten und dabei Elemente der Zeichentrickserie “Paulchen Panther“ verwendeten, sagte Merkel, etwas Menschenverachtenderes, Perfideres und Infameres habe sie in ihrer Arbeit noch nicht gesehen. “Es ist ein schlimmer Zustand erreicht, wenn Neonazis junge Menschen mit Kameradschaftsabenden einfangen können, weil sich niemand sonst um sie kümmert.“

Mit einer Schweigeminute wurde in Berlin und zahlreichen anderen deutschen Städten der zehn Opfer der rechtsextremistischen Mordserie gedacht. Viele Institutionen folgten einem Aufruf des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und ließen die Arbeit am Donnerstag um 12.00 Uhr kurz ruhen. In Berlin stoppten Busse und Straßenbahnen an Haltestellen, U- und S-Bahnen verharrten an Bahnsteigen. Auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg unterbrach seine Programme für eine Minute.

dpa

 

Rubriklistenbild: © dpa

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