In Libyen: Peinliche britische Wüsten-Panne

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Peinliche Panne in Libyens Wüste: Großbritanniens Außenminister William Hague ist in Erklärungsnot.

London - Es klingt nach Hollywood, ist aber tatsächlich eine peinliche diplomatische Panne: Großbritannien ist beim Versuch, Agenten nach Libyen einzuschleusen, kurios gescheitert.

Die Szene erinnert fatal an eine der vielen Armee-Persiflagen im britischen Fernsehen: Eine Spezialeinheit der britischen Streitkräfte fliegt mit einem Hubschrauber voller Waffen und einem Paket falscher Pässe ins libysche Kampfgebiet - und wird von den eigenen Verbündeten festgenommen. Ein Kriegsschiff der Marine Ihrer Majestät - zufällig gerade ganz in Nähe - muss die geschlagenen Helden an Bord nehmen und nach der völlig missglückten “diplomatischen Mission“ in die Heimat zurückschippern.

Sogar die Wüstensöhne in Libyen schütteln über die Briten den Kopf. “Wenn es eine offizielle Delegation war, wieso kommen sie dann mit dem Kampfhubschrauber“, fragt einer der Rebellen und erinnert die Eindringlinge: “Es gibt Regeln für so etwas. Zum Beispiel, dass man eine Landeerlaubnis einholt.“ Den Aufständischen haben die Briten mit ihrem stümperhaften Auftritt einen Bärendienst erwiesen. In der heimischen Presse ist “Beschämend!“ der häufigste Kommentar. Der Glaube daran, dass die Revolution in Libyen ausschließlich libysche Wurzeln hat, werde unterminiert, schreibt der “Guardian“.

Diktator Muammar al-Gaddafi schlachtet die Geschichte schon genüsslich für seine Zwecke aus. Ein Sprecher der Aufständischen sprach mit dem britischen Botschafter in Libyen, Richard Northern. Ein Mitschnitt des Telefonats erreichte - auf welchem Weg auch immer - das libysche Staatsfernsehen. So konnten Freund und Feind in ganz Libyen und darüber hinaus mithören, wie der britische Botschafter ein “Missverständnis“ zugegeben musste.

Großbritanniens Außenminister William Hague hatte derweil in London Mühe, die für Briten sprichwörtliche “steife Oberlippe“ zu wahren. Die Schwierigkeiten seien “zufriedenstellend“ gelöst worden, sagte er erkennbar angefressen. Am Montag hat die Downing Street bestätigt, dass der Außenminister von den Plänen zu der Mission gewusst hatte. An Bord des Hubschraubers waren, neben einem Diplomaten und sechs Mitgliedern einer Militär-Sondereinheit, auch zwei Agenten des Auslands-Geheimdienstes MI 6, schreibt der “Guardian“.

Warum sich das hochdekorierte britische Sonderkommando von einem Häuflein Wüsten-Rebellen vorführen ließ, ist eine Frage an die Militärs. Die Politik muss hingegen beantworten, was die Truppe dort eigentlich zu suchen hatte. Die Delegation hätte “Kontakte zu den Aufständischen“ herstellen sollen, heißt es offiziell. Offen bleibt jedoch, warum dazu Kampfhubschrauber voller Munition, Waffen und gefälschte Pässe aus vier unterschiedlichen Ländern im Gepäck nötig waren.

Für Premierminister David Cameron und seine Regierung ist es im Umgang mit der Libyen-Krise nicht die erste Peinlichkeit. Vergangene Woche war der seit knapp einem Jahr amtierende Regierungschef vorgeprescht und brachte als erster ein militärisches Eingreifen des Westens in Libyen ins Spiel. Seine erfahreneren Kollegen auf beiden Seiten des Atlantiks zeigten ihm die Kalte Schulter. Für einen Alleingang fehlt der einstigen Weltmacht von der Insel mangels Geld ohnehin die militärische Potenz.

Alternativ wollte Cameron die Rebellen im Kampf gegen Gaddafi mit Waffen ausrüsten - ähnlich, wie es der Westen bei den Taliban in den 1980er Jahren im Kampf gegen die Sowjets praktiziert hatte. Ähnliche Pläne sollen die Amerikaner mit Hilfe von Saudi-Arabien haben, wie der “Independent“ am Montag berichtet. Cameron war von seinem Vorschlag wenige Stunden nach Bekanntgabe zumindest öffentlich wieder abgerückt und hatte gesagt, es gehe zunächst einmal darum, “die Leute besser kennenzulernen“.

Das erste Rendezvous in der Wüste ging schon mal gehörig in die Hose. BBC-Sicherheitsexperte Frank Gardner verglich die Aktion in der libyschen Wüste mit der Agentenparodie Johnny English - Untertitel: “Der Spion, der es versiebte“.

Michael Donhauser

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