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Letzte Generation: Wenn die Regierung diese Bedingungen erfüllt, „gehen wir von der Straße“

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Von: Moritz Serif

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Carla Hinrichs, von der „Letzte Generation“, findet RAF-Vergleiche absurd. Unser jetziges Leben werde es in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr geben.

Berlin – Carla Hinrichs, Pressesprecherin der „Letzte Generation“, ist bereit für ihren Klima-Protest ins Gefängnis zu gehen. Die Vorstellung sei nicht schön und beängstigend. Eine viel größere Angst habe sie jedoch davor, dass sich die Menschen in Zukunft um Ressourcen wie Wasser streiten. Dann seien Kriege möglich, die in einer Katastrophe münden könnten. Der Menschheit drohe die Vernichtung, wenn sich die Erde noch weiter erwärmt.

Hinrichs fordert die Regierung daher erneut zum Handeln auf und spricht darüber, unter welchen Bedingungen die Organisation ihre Proteste vorerst einstellen würde. Außerdem äußert sie sich im Interview mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA über jüngste RAF-Vergleiche aus der Politik und über die Idee von einem sogenannten grünen Wachstum.

Die öffentliche Debatte dreht sich bislang um Ihre Protestform. Lassen Sie uns lieber über die drohende Klimakatastrophe sprechen. Welche Folgen für den Planeten und unser Leben hat es, wenn das 1,5-Grad-Ziel in den kommenden drei Jahren gerissen wird? 

Carla Hinrichs: Alle wollen über unseren Protest reden, doch niemand fragt, weshalb junge Menschen überhaupt in den Widerstand gehen. Warum sie bereit sind, ins Gefängnis zu gehen. Dabei ist es relativ einfach, zu recherchieren, was die Wissenschaft sagt. Wenn sich die Erde weiter erhitzt, drohen bereits 2050 zwei Drittel aller Ernten auszufallen. Dort wo viel produziert wird, wird es zu heiß, um Lebensmittel anzubauen. 

Wozu führt es, wenn Ernten ausfallen?

Ernteausfälle bedeuten massiven Hunger. Menschen werden fliehen. Es wird massenhafte Fluchtbewegungen geben. Die Weichen für dieses Szenario sind bereits gestellt, weil wir das 1,5-Grad-Ziel verfehlen werden. Voraussichtlich landen wir sogar bei einer Erderhitzung von zwei bis vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. Bereits bei einer Erhöhung um drei Grad drohen Kriege um Ressourcen. Diese könnten in einen Weltkrieg münden. 

Das passiert, wenn sich die Erde um zwei bis drei Grad erwärmt

Wenn sich die Erde um zwei bis drei Grad erwärmt, drohen extreme, Hitzewellen, die wiederum zu Hitzetoten und Ernteausfällen führen können. Kriege um Ressourcen und weltweite Hungerkrisen werden wahrscheinlicher. Das Artensterben nimmt noch weiter zu. Die Waldbrandgefahr steigt erheblich - aber auch die Wahrscheinlichkeit für Extremniederschläge, wie sie sich im Ahrtal 2021 ereignet haben. Solche Vorkommnisse werden sich häufen. Eisschichten werden schmelzen, wodurch der Meeresspiegel ansteigen wird. Ganze Staaten könnten dann von den Wassermassen verschluckt werden. Massenhafte Fluchtbewegungen kommen auf die Weltgemeinschaft zu.

Welche Forderungen stellt die „Letzte Generation“?

Wir fordern Maßnahmen, die nicht länger warten können. Das 9-Euro-Ticket muss fortgesetzt werden. Außerdem muss der Staat ein Tempolimit von 100 Km/h auf Autobahnen einführen. Damit können wir massiv CO2 einsparen und den ersten Schritt vom Umstieg auf die Bahn ermöglichen. Es ist im Grunde total einfach. Wenn CO2 eingespart werden soll, um unsere Lebensgrundlagen zu schützen, kann man nicht auf der Autobahn herum rasen. Deutschland ist eines der wenigen Länder auf der Welt, in denen das noch möglich ist, trotz des Notfalls. 

„Letzte Generation“: ‚Dann gehen wir von der Straße und unterbrechen unseren Protest‘

Angenommen, die Bundesregierung erfüllt Ihre Forderungen und die entsprechenden Gesetze treten in Kraft.

Dann gehen wir von der Straße und unterbrechen unseren Protest. Unsere Forderungen wären erfüllt. Wenn die Regierung den Notstand nicht in den Griff bekommt, gehen wir auf die Straße zurück.

Carla Hinrichs Letzte Generation
Carla Hinrichs, Pressesprecherin der „Letzte Generation“. © Marlene Charlotte Limburg

Verschärften Sie Ihre Proteste, wenn die jetzigen Forderungen nicht erfüllt werden?

Unser Protest wird stets friedlich bleiben. Nur so können wir erfolgreich sein.

Haben Sie die Sorge, dass die Menschen weniger Lust auf Klimaschutz haben, wenn die „Letzte Generation“ ihnen die Proteste aufzwingt?

Nein. Die Menschen wollen leben und werden sich emotional mit der Krise verbinden und verstehen, was die drohende Klimakatastrophe für sie und ihre Kinder bedeuten wird. Ich kann mir keine Mutter vorstellen, die angesichts Ernteausfällen sagt: „Ich bin so genervt von den Menschen, die sich auf die Straße kleben, dass ich möchte, dass mein Kind nichts zu Essen auf dem Teller haben wird“.

Und was würden Sie den Menschen antworten, die sagen, Deutschland habe nur einen geringen Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß? 

Die Klimakrise ist eine globale Krise. Deutschland hat einen historisch großen CO2-Ausstoß und steht damit besonders in der Verantwortung. Außerdem sind wir nicht die einzigen, die gerade in großen Industrienationen auf die Straße gehen. Weltweit gibt es inzwischen elf Gruppen, die ähnlich wie wir Widerstand gegen das Versagen ihrer Regierung leisten. Zum Beispiel in England, den USA, Kanada und Frankreich.

„Letzte Generation über RAF-Vergleiche und Habeck“: ‚Das finde ich absurd‘

Politiker bezeichnen die „Letzte Generation“ als Terroristen und stellen RAF-Vergleiche an. Habeck sagte, Sie seien eine radikalisierte Minderheit.

Das finde ich absurd. Es stellt uns so dar, als ob wir eine Mindermeinung vertreten. In Wahrheit treten wir an, um unsere Verfassung zu schützen. Für das Recht auf Leben, auch für zukünftige Generationen. Das ergibt sich aus den Grundrechten unserer Verfassung. Das ist keine Mindermeinung, sondern die Basis unserer Gesellschaft. Die Mehrheit in der Bevölkerung will Klimaschutz. Mehrheiten reichen aber offensichtlich nicht aus, da es nicht umgesetzt wird.

Die Bundesregierung, darunter auch Wirtschaftsminister Robert Habeck, haben einen Gas-Deal mit Katar abgeschlossen. Spätestens ab 2040 soll der Gasverbrauch heruntergehen. Was halten Sie davon?

Es ist absurd, dass die Bundesregierung neue fossile Deals eingeht, obwohl es nachhaltigere Lösungen gibt. Davon abgesehen können wir es uns nicht mehr leisten, mit Privatjets zum Feiern nach Mallorca zu fliegen. Die Gesellschaft muss sich einschränken, denn wir befinden uns in einer Krise.

Robert Habeck
Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, spricht. © Kay Nietfeld/dpa

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Welche Energiequelle hätte die Bundesregierung stattdessen erschließen können?

Wir müssen den Ausbau erneuerbarer Energien vorantrieben und uns eingestehen, dass es grünes Wachstum auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen nicht gibt. Die taz-Journalistin Ulrike Herrmann schlägt beispielsweise eine Überlebenswirtschaft vor. Das heißt, die Wirtschaft müsste zu einer bedarfsgerechten umgebaut werden. Das Streben nach immer mehr Wachstum bringt uns in die Katastrophe.

Das hätte aber zur Folge, dass wir einen massiven Wirtschaftseinbruch hätten. Wir müssten uns darauf einstellen, dass unser derzeitiger Wohlstand auf Dauer nicht haltbar wäre.

Das steht bereits fest. Unser jetziges Leben wird es in den nächsten Jahrzehnten so nicht mehr geben. Auch unseren Wohlstand. Nun müssen wir uns überlegen, wie wir das noch bestmöglich erhalten. Beispielsweise durch eine bedarfsgerechte Produktion. Nicht jeder muss fünf Toaster besitzen. Im globalen Süden können die Menschen bereits jetzt kaum noch Lebensmittel anbauen. Überflutungen häufen sich. Auf lange Sicht drohen Kriege bis hin zur Vernichtung des Menschen.

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