Bayreuther Professor: "Sind Betrüger aufgesessen"

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Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg

Hamburg - Karl-Theodor zu Guttenberg hat in der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit nach Einschätzung von Juristen aus Vorsatz gehandelt. SPD-Chef Gabriel bezeichnete Guttenberg unterdessen als Minister auf Abruf.

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Wie der “Spiegel“ am Samstag vorab berichtete, sehen mehrere namhafte Juristen die Beweise als erdrückend an. Der auf Streitereien um Examensarbeiten spezialisierte Rechtsanwalt Michael Hofferbert sagte dem Magazin: “Kein Richter wird einem Kandidaten glauben, der über hundert Seiten seiner Doktorarbeit abschreibt und hinterher behauptet, er habe dies versehentlich getan.“ Ähnlich bewerte der Kölner Strafrechtsprofessor Thomas Weigend den Fall. “Ich würde einem Kandidaten nicht glauben, der in einem Fall behauptet, dass es bloße Fahrlässigkeit war.“

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Der frühere Verfassungsrichter Winfried Hassemer sagte, selbst wenn der faktische Beweis nicht vorliege, seien Juristen gut darin geübt, “den Vorsatz aus den äußeren Umständen einer Tat zu schließen“. Guttenberg hat sich bisher stets gegen den Vorwurf des Vorsatzes verwahrt und lediglich “gravierende handwerkliche Fehler“ eingeräumt. Vor diesem Hintergrund hat ihm die Universität Bayreuth den akademischen Titel wieder entzogen.

Nachfolger von Doktorvater attackiert Guttenberg

Der Nachfolger des Doktorvaters von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat mit seiner scharfen Kritik in der Plagiatsaffäre nachgelegt. “Der Minister leidet unter Realitätsverlust“, sagte der Bayreuther Staatsrechtsprofessor Oliver Lepsius der “Süddeutschen Zeitung“ (Samstag). “Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat.“ Der Verteidigungsminister habe “planmäßig und systematisch“ wissenschaftliche Quellen zum Plagiat zusammengetragen und behaupte nicht zu wissen, was er tue. “Hier liegt die politische Dimension des Skandals.“ Guttenberg hatte “gravierende Fehler“ in seiner Dissertation eingeräumt, einen Vorsatz aber bestritten.

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Die Universität Bayreuth erkannte seinen Doktortitel ab. Lepsius ist Nachfolger von Guttenbergs inzwischen emeritiertem Doktorvater Peter Häberle. Der frühere Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ernst-Ludwig Winnacker, warnte vor einer Verharmlosung der Affäre und hält Guttenberg wissenschaftlich für erledigt. “Wir Forscher können niemanden einsperren, das kann nur ein Richter“, sagte Winnacker dem Nachrichtenmagazin “Der Spiegel“. “Aber die Strafe der Wissenschaft ist, dass man für immer am Pranger steht.“ Die Konsequenzen seien für ihn eindeutig: “Leute, die so etwas machen, sind in der Wissenschaft erledigt.“ Der Minister solle überlegen, “ob er sich noch vor seine Soldaten oder vor die Studenten der Bundeswehrhochschulen stellen und von Tugenden sprechen kann“.

SPD-Chef: Guttenberg ist Minister auf Abruf

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wirft Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) unterdessen vor, mit seinem Verbleib im Amt der Bundeswehr nachhaltig zu schaden. “Herr zu Guttenberg ist jetzt ein Minister auf Abruf, ein Minister von Merkels Gnaden. Er ist am Kabinettstisch auf das Mitleid des Finanzministers und der Kanzlerin angewiesen, wenn er etwas für die Bundeswehr durchsetzen will“, sagte Gabriel der “Bild am Sonntag“ laut Vorabbericht. Damit sei der Verteidigungsminister “zum Risiko für die Bundeswehr geworden“.

Gabriel sagte, eine sachliche Zusammenarbeit mit Guttenberg beim Afghanistan-Einsatz oder der Bundeswehrreform werde “sicher sehr, sehr schwer“. Auch sei für die SPD die Plagiatsaffäre nicht erledigt, weil Guttenbergs “sogenannte Entschuldigung“ schon wieder den Verdacht nahelege, “dass er lügt“. Der Verteidigungsminister behaupte, er habe unwissentlich Fehler gemacht. “Aber niemand kann ernsthaft glauben, dass jemand unwissentlich auf 286 von 396 Seiten seiner Doktorarbeit abschreibt.“

Guttenberg tue sich im Übrigen selbst keinen Gefallen, “an seinem Amt zu kleben“, sagte der SPD-Chef weiter. Würde er zurücktreten, könnte er in einigen Jahren seine Karriere fortsetzen. “So bleibt er für immer beschädigt und kann die so wichtigen Begriffe wie Ehre, Wahrhaftigkeit und Verantwortung nicht mehr in den Mund nehmen.“

dapd/dpa

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