Gedenktag

Japan begeht 10. Jahrestag der Fukushima-Katastrophe

Kaiser Naruhito
1 von 12
Japans Kaiser Naruhito und Kaiserin Masako bei der nationalen Gedenkfeier in Tokio.
Schweigeminute
2 von 12
Schweigeminute mit Blick auf das Meer in Iwaki, Präfektur Fukushima.
Flutwelle
3 von 12
Meterhohe Wellen überfluteten am 11. März 2011 einen Deich in der Nähe der Mündung des Hei-Flusses bei Miyako.
Atomkraftwerk Fukushima 1
4 von 12
Ein Bild, das um die Welt ging: Ein Video-Screenshot vom 12.03.2011 zeigt eine Explosion auf dem Gelände des havarierten Atomkraftwerks Fukushima 1.
Fukushima Daiichi
5 von 12
Blick auf das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi im Februar 2021. Zu sehen sind die zahlreichen Behälter in denen kontaminiertes Wasser aufbewahrt wird.
Zerstörter Reaktor
6 von 12
Die zerstörten Reaktorgebäude Nr. 1 (r) und Nr. 2.
Absperrung
7 von 12
Absperrung in der Nähe des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi. Das Gebiet dahinter bleibt auch zehn Jahre nach dem Erdbeben im März 2011 gesperrt.
Zestörte Häuser
8 von 12
Vor zehn Jahren: Häuser in Iwaki, die durch die Tsunami-Fluten nach dem Tohoku-Erdbeben in der Präfektur Fukushima zerstört wurden.
Verwüstet
9 von 12
Dieses Satellitenbild zeigt das Ausmaß der Zerstörung des schweren Erdbebens in Ishinomaki.

Tausende Menschen fielen vor zehn Jahren einem verheerenden Tsunami zum Opfer. Heute betont der Staat die Fortschritte beim Wiederaufbau. Doch für viele Überlebende ist der noch lange nicht beendet.

Fukushima (dpa) - Mit stillem Gedenken, Gebeten, Blumen und auch vielen Tränen haben Menschen in Japan der Opfer der verheerenden Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vor zehn Jahren gedacht.

Um 14.46 Uhr Ortszeit (6.46 Uhr MEZ) legten sie bei einer staatlichen Gedenkzeremonie in Tokio sowie an vielen anderen Orten eine Schweigeminute ein. Zu dem Zeitpunkt hatte am 11. März 2011 das Erdbeben die Region Tohoku im Nordosten Japans erschüttert.

Eine gigantische Flutwelle bäumte sich damals an der Pazifikküste auf und walzte alles nieder: Ganze Städte, Dörfer und riesige Anbauflächen versanken in den Wasser- und Schlammmassen. Rund 20.000 Menschen riss die Flut in den Tod. In Fukushima kam es in der Folge im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu einem Super-Gau. Er wurde in aller Welt zum Sinnbild der «3/11» genannten Dreifach-Katastrophe als Folge von Erdbeben, Tsunami und Atomunfall - auch wenn keiner der Todesfälle auf die radioaktive Strahlung zurückgeführt wird.

Seinen drei toten Kindern im Himmel sage er noch immer, wie leid es ihm tue, «dass ich euch nicht beschützen konnte», sagte ein 52 Jahre alter Zimmermann im japanischen Fernsehen. Auf seinem Grundstück in der mit rund 3000 Todesopfern am schwersten betroffenen Hafenstadt Ishinomaki baute er drei Jahre nach dem Tsunami ein hölzernes Klettergerüst für die Kinder im Ort. Er wünsche sich, dass ihr Lächeln den Himmel erreichen möge, erzählte er dem Sender NHK. Man wolle die Erinnerung aufrechterhalten, «damit ein solches Opfer nie wieder erbracht werden muss», sagte Bürgermeister Hiroshi Kameyama am Donnerstag bei der feierlichen Enthüllung eines neuen Mahnmals.

Rund 2500 der Opfer werden offiziell weiter als vermisst geführt. Polizisten, die Küstenwache und Freiwillige setzten die regelmäßige Suche nach ihren Überresten am zehnten Jahrestag der Katastrophe fort, denn für Japaner können die Seelen nicht eher ruhen.

Auch ausländische Politiker und Prominente gedachten der Katastrophe in Japan. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron würdigte «den Geist des Widerstands und der Standhaftigkeit» des japanischen Volkes. Die Sängerin Lady Gaga sagte, die «Widerstandsfähigkeit» der Japaner biete «Hoffnung im globalen Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie».

Der Wiederaufbau trete jetzt in die letzte Phase, erklärte der japanische Ministerpräsident Yoshihide Suga während der Gedenkfeier im Nationaltheater von Tokio, die wegen der Corona-Pandemie kleiner ausfiel. Es war die letzte zentrale staatliche Gedenkfeier in dieser Form. Der Staat werde die Unterstützung für die Katastrophenregion fortsetzen und bemühe sich um schnelle Rückkehr der Bewohner in den vom Super-Gau betroffenen Gebieten, sagte Suga. 32 Billionen Yen (248 Milliarden Euro) hat die Regierung in den Wiederaufbau gesteckt. So wurden entlang der Nordostküste des Landes auf über 430 Kilometer Länge monströse Betonmauern von bis zu 15 Metern Höhe hochgezogen.

Kritiker sprechen von einer gigantischen Festung, die die Sicht auf das Meer versperre und die Landschaft verschandelt habe. Die Mauern würden zudem das Risiko bergen, dass Wasser nicht zurückfließen könne, sollte ein erneuter Tsunami über sie hinwegschwappen.

Heute leben von den 470.000 Menschen, die zwischenzeitlich wegen der Dreifach-Katastrophe fliehen mussten, noch immer rund 41 000 Menschen entwurzelt, die meisten davon aus Fukushima. Denn noch immer sind dort manche Gegenden um die Atomruine wegen Strahlung eine Sperrzone.

Zwar sind die meisten Anordnungen für eine Evakuierung inzwischen aufgehoben, doch viele frühere Bewohner zögern, angesichts mangelnder Arbeitsplätze und bestehender Sorgen über Strahlen zurückzukehren. Die Katastrophe hat die Abwanderung aus der Region, die schon vor der Katastrophe im Zuge einer Überalterung einsetzte, noch beschleunigt.

Ungeachtet dessen soll in zwei Wochen in Fukushima der Fackellauf für die im Sommer geplanten Olympischen Spiele beginnen. Die Regierung will die Spiele nutzen, um der Welt den Wiederaufbau zu zeigen. Doch für viele Überlebende ist der noch lange nicht beendet. Rund 2000 Betroffene sind weiterhin in Behelfsunterkünften untergebracht.

Kaiser Naruhito sagte bei der Gedenkveranstaltung in Tokio, dass sein Herz angesichts der Opfer schmerze. Er rief jeden Bürger dazu auf, den Überlebenden beizustehen, damit sie möglichst schnell wieder ein friedliches Alltagsleben führen können. Niemand dürfe «in dieser schwierigen Situation» alleingelassen werden, mahnte der Monarch. Experten berichten von Depressionen und Selbstmorden in Fukushima und warnen vor gesellschaftlicher Stigmatisierung und Diskriminierung.

Inzwischen berichtete der japanische Fernsehsender NHK von weiteren Problemen in der Atomruine Fukushima. Der Wasserpegel im Untergeschoss des zerstörten Reaktors 3 sei aus noch ungeklärter Ursache gestiegen.

Dies deutet auf mögliche neue Schäden durch ein schweres Erdbeben hin, das erst kürzlich die Unglücksregion erschütterte. Rund 4000 Arbeiter sind weiterhin tagtäglich in der Atomruine mit Bergungsarbeiten beschäftigt. Bis zu 40 Jahre wird es nach amtlichen Angaben dauern, bis die Anlage stillgelegt ist, doch halten Kritiker diesen Zeitrahmen für viel zu optimistisch.

Noch immer weiß niemand, wo genau sich der geschmolzene Brennstoff befindet, geschweige denn, wie man ihn dort herausholen kann. Hinzu kommt die Frage, was mit den inzwischen über eine Million Tonnen gefiltertes Wassers aus den zerstörten Reaktoren geschehen soll, das in 1000 riesigen Tanks auf dem Gelände gelagert ist. Laut dem Betreiberkonzern Tepco werden die Tanks im Herbst 2022 voll sein.

Rund 14 Millionen Tonnen an radioaktivem Abraum wie Erdboden, Bäumen und Sträuchern, der bei der vom Staat großflächig in der Präfektur Fukushima angeordneten Dekontaminierung angefallen war, lagert in Bergen von Plastiksäcken in Sammelstellen. Sie werden nun in ein Zwischenlager transportiert, das in Ortschaften in unmittelbarer Nähe der Atomruine errichtet wurde. Die Regierung hat zugesagt, die Säcke in 30 Jahren aus der Präfektur herauszuschaffen. Doch wo der verstrahlte Abraum am Ende landen soll, steht noch nicht fest.

© dpa-infocom, dpa:210311-99-772726/10

Rubriklistenbild: © Behrouz Mehri

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare