Israel: Netanjahu schwebt wieder auf Wolke 7

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Benjamin Netanjahu.

Tel Aviv - Im März flüchtete Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu noch wortlos durch den Hinterausgang aus dem Weißen Haus. Nach der Charmeoffensive von US-Präsident Barack Obama sieht Netanjahu jetzt die Beziehungen zum wichtigsten Verbündeten wieder “repariert“.

Soviel geballtes Lob aus dem Mund des US- Präsidenten klang für den israelischen Regierungschef ungewohnt. “Ich vertraue Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, seit ich ihn das erste Mal getroffen habe. Das war noch vor meiner Wahl zum Präsidenten“, sagte Obama. “Ich denke, er ist bereit, Risiken für den Frieden einzugehen.“

Und selbst beim Dauerstreitthema, dem israelischen Siedlungsbau, gab sich der Präsident als netter Gastgeber. Er würdigte die “Zurückhaltung“ der israelischen Regierung während der vergangenen Monate. Das waren völlig neue Töne für Netanjahu, dem bis dahin in den Ohren klang, wie die US-Regierung bei jeder passenden Gelegenheit die Siedlungspolitik Israels kritisiert hatte.

Also, alles wieder im Lot? Keineswegs. Da ist zum einen der Halbsatz Obamas, dass es “weiterhin Spannungen und Probleme gibt, die nicht gelöst worden sind“. Und israelische Kommentatoren verweisen darauf, dass niemand wisse, ob und wie es in dem Vier-Augen-Gespräch zwischen Obama und Netanjahu zur Sache gegangen sei. Ein Kommentator des Fernsehsenders Channel 10 bremst auch die Euphorie des Netanjahu- Trosses: “Nach den vergangenen Katastrophen ist es keine Herausforderung, einen atemberaubenden Erfolg zu erreichen.“ Obama und Netanjahu seien wie zwei Boxer, die beschlossen hätten, eine Pause einzulegen, kommentierte die rechtsgerichtete Zeitung “Makor Rischon Hatzofe“.

Beide hätten großes Interesse an einem erfolgreichen Treffen gehabt, schreibt die Tageszeitung “Jediot Achronot“. Netanjahu wollte die Krise mit der US-Regierung beilegen. Und Obama wiederum stecke in einer schwierigen Situation vor den Teilwahlen zum US-Kongress im November. Obama sei beschuldigt worden, auf Distanz zu seinem Freund Israel zu gehen, und das habe ihm geschadet. Andere Kommentatoren erinnern, dass amerikanische Juden traditionell zum Wählerstamm und zu den Sponsoren der Demokratischen Partei gehören.

Dass sich beide Politiker das nächste Mal in Israel treffen, scheint in Jerusalem ausgemachte Sache. Obama hat eine Einladung Netanjahus akzeptiert. Möglich wäre ein öffentlichkeitswirksamer Besuch noch vor der Teilwahl zum Kongress im November. Der US- Präsident könnte dann auch versuchen, viele skeptische Israelis davon zu überzeugen, dass die USA ihr Verhältnis zur muslimischen Welt nicht auf Kosten Israels verbessern wollen.

dpa

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