„Geschichte im TV ist keine Wissenschaft“

„Geschichte im TV ist keine Wissenschaft“ 

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Michael Kloft

Michael Kloft hat als erster den bunten Krieg gezeigt. 1996 entstand der Zweiteiler „Welche Farbe hat der Krieg“, bei dem Kloft erstmals farbige Aufnahmen aus den USA verwendete. Wir haben mit dem Filmemacher gesprochen.

Fotos aus der Dokumentation

Herr Kloft, ist ein Krieg in Farbe ein anderer als Krieg in schwarz-weiß?

Michael Kloft: Ja, die Zuschauer nehmen den Unterschied wahr - vor allem die jüngeren. Für die Älteren, die Erinnerungen an den Krieg haben, sind die Bilder noch präsent und ohnehin farbig. Aber für die Jüngeren rückt das Geschehen durch die Farbe näher. Die Geschehnisse wirken weniger abgeschlossen, man wird hineingezogen und findet sich besser zurecht.

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In „Der Krieg“ ist die Farbe künstlich hinzugefügt worden. Ist das legitim?

Kloft: Ich bin ein Gegner dieses Verfahrens - zumal es schlecht gemacht war. Die Bilder haben Natürlichkeit eingebüßt und sahen wie geschminkt aus. Ich halte das für eine unnötige Irreführung der Zuschauer, denn es gibt genug farbige Originalaufnahmen.

Kommen wir durch die Einfärbung den Geschehnissen näher?

Kloft: Bilder sind immer nur Ausschnitte, Authentizität gibt es nicht. Aber in der Dokumentation wurden viele Propagandabilder der Nazis verwendet, oft ohne Quellenangabe. Das heißt, dass unser Bild der Geschehnisse von der Nazi-Sicht geprägt wird. Das ist ein später Sieg für Joseph Goebbels.

Benutzen Sie in Ihren Dokumentationen nicht auch Propagandafilme?

Kloft: Ja, aber ich mache sie kenntlich. Filmbilder sind Dokumente, genau wie Schriftstücke, und man sollte sie ernst nehmen. Es darf nicht passieren, dass Bilder nur als Unterlage für einen Text verwendet werden. Aber genauso war es bei „der Krieg.“

Von den Bildern des Krieges im TV wird man völlig überwältigt. Was macht das mit unserem Geschichtsbewusstsein?

Kloft: Im Fernsehen ist Geschichte etwas anderes als in Fachbüchern. Da muss sie auch konsumierbar sein und die Menschen mitreißen. Wenn Geschichtsfernsehen gut gemacht ist, will man Sachen erfahren, die man vorher nicht wissen wollte. Und man wird unmittelbar berührt.

Fehlt die kritische Distanz, wenn Krieg auch unterhält?

Kloft: Es ist ein schmaler Grat, aber ich bin ein Gegner des Erziehungsfernsehens. Geschichte im TV ist keine Wissenschaft und sollte auch nicht den Anspruch haben. Ich will Geschichten so erzählen, dass sie richtig und gleichzeitig spannend sind.

Sie haben sich für Ihre Filme eins der heikelsten Themen überhaupt ausgesucht. Warum?

Kloft: Ich will wissen, wie es möglich war, dass so etwas passiert. Und ich denke, dass sich viele Menschen diese Frage stellen. Es ist nicht nur das Grauen, das die Zuschauer fesselt. Ich habe den Eindruck, dass das Thema ist noch nicht auserzählt ist.

Die beiden nächsten Folgen zeigt die ARD am 8. und 15. März, jeweis um 21 Uhr.

Von Saskia Trebing

Zur Person: Michael Kloft (48) ist Politikwissenschafter und hat sich schon während des Studiums mit dem Dritten Reich beschäftigt. Seit 1995 dreht er Dokumentationen für „Spiegel TV“, inzwischen wurden über 20 seiner Filme über die Nazi-Zeit gezeigt. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Hitlers Hehler“ und „Der Tramp und der Diktator“ über Hitler und Charlie Chaplin. Kloft lebt in Hamburg.

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