Luftalarm in Jerusalem

Israel will 75.000 Reservisten mobilisieren

Tel Aviv - Wieder heulen die Sirenen. Den zweiten Tag in Folge wird der Großraum Tel Aviv und erstmals auch Jerusalem mit Raketen aus dem Gazastreifen angegriffen. Jetzt will Israel bis zu 75.000 Reservisten zu den Waffen rufen.

Verteidigungsminister Ehud Barak habe entsprechende Pläne der Streitkräfte gebilligt und dem Kabinett zur Genehmigung weitergeleitet, berichtete die Zeitung „Jerusalem Post“ am Freitag. Bisher wurden 16.000 Reservisten einberufen.

Zuvor war nach weiteren palästinensischen Raketenangriffen auf Tel Aviv erstmals eine Gaza-Rakete bei Jerusalem eingeschlagen. In beiden Städten heulten die Luftalarm-Sirenen. Eine israelische Bodenoffensive im Gazastreifen wurde immer wahrscheinlicher. Großbritannien warnte Israel vor den enormen Risiken einer Invasion. Weltweit mehrten sich Aufrufe zur Mäßigung. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kündigte an, „in Kürze“ in die Region zu reisen.

Laut israelischem Rundfunk wurde Jerusalem von einer Explosion erschüttert. Die Rakete sei außerhalb der Stadt eingeschlagen, sagte die Sprecherin der Streitkräfte, Avital Leibovich. Opfer gab es Medienberichten zufolge nicht. Jerusalem ist Christen, Juden und Muslimen heilig.

Israel rief wegen des Konflikts 16 000 Reservisten zu den Waffen, wie der israelische Rundfunk berichtete. Auch Panzer und anderes schweres Gerät seien auf dem Weg zu dem dicht besiedelten Palästinensergebiet am Mittelmeer.

Die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas bekannte sich zu dem Raketenangriff auf Tel Aviv vom Freitag. Schon am Donnerstag hatten sich die Hamas und die militante Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad zu zwei Raketenangriffen auf die israelische Metropole bekannt.

Hessens Innenminister Boris Rhein erlebte in einem Hotel in Tel Aviv einen Angriff hautnah mit. „Es war schon dramatisch auch für uns“, sagte er dem Privatsender Hit Radio FFH (Bad Vilbel). „Das ist schon eine sehr beklemmende Situation.“ Rhein hatte an einem Treffen mit Terror-Experten teilgenommen.

Zuletzt schlugen wieder Dutzende Raketen aus dem Gazastreifen in Israel ein. Mindestens eine Rakete explodierte im Großraum Tel Aviv. Verletzt wurde niemand, aber für Israel stelle dies eine „dramatische Eskalation“ dar, hieß es aus der Stadtverwaltung von Tel Aviv. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland sprach von einer „neuen Dimension“ der Bedrohung.

Die israelischen Streitkräfte bombardieren seit Tagen den Gazastreifen, während militante Palästinenser israelische Städte mit Raketen beschießen. Auf beiden Seiten starben bis Freitagabend 27 Menschen, 24 Palästinenser und 3 Israelis. Etwa 200 Palästinenser wurden verletzt.

Eine von Israel verkündete Feuerpause während des Besuchs des ägyptischen Ministerpräsidenten Hischam Kandil im Gazastreifen wurde von Anfang an von beiden Seiten missachtet. Ägypten stehe unverbrüchlich an der Seite der Palästinenser, sagte Kandil. Die Opfer der israelischen Angriffe bezeichnete er als „Märtyrer“. Kandil konnte gerade noch verkünden, dass sich sein Land um eine langfristige Waffenruhe bemühe, bevor er vorzeitig abreiste.

Anders als bei früheren Auseinandersetzungen zwischen den Konfliktparteien stellte sich das neue Ägypten demonstrativ hinter die Hamas. Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi hatte Kandil in den Gazastreifen geschickt, um Druck auf Israel auszuüben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Guido Westerwelle machten die Hamas für die Eskalation der Gewalt verantwortlich. „Verantwortlich für den Ausbruch der Gewalt ist die Hamas durch ihre Raketenabschüsse. Es gibt für die Gewalt keinerlei Rechtfertigung, zumal die israelische Zivilbevölkerung massiv betroffen ist“, sagte Merkel. Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton gab der Hamas die Schuld an der Eskalation.

Russland rief Israel zur Zurückhaltung auf. Alles müsse zur Beruhigung der Situation getan werden. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu nannte die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Mit Massakern und Attentaten lasse sich im Nahen Osten kein Frieden erreichen, zitierten ihn türkische Medien.

In mehreren Ländern der Region kam es nach den Freitagsgebeten zu Protesten gegen Israel. Im Iran strömten Zehntausende auf die Straßen und riefen „Tod für Israel“ und „Tod für Amerika“. Im libanesischen Flüchtlingslager Ain el-Hilweh skandierten Demonstranten: „Hamas, bombardier Tel Aviv!“ Auch in Kairo demonstrierten Tausende gegen die israelischen Luftschläge.

Die neue Runde der Gewalt hatte am Samstag begonnen, als ein israelischer Jeep von einer Rakete aus dem Gazastreifen getroffen wurde. Die Lage verschärfte sich dramatisch, als Israel am Mittwoch den Militärchef der Hamas, Achmed al-Dschabari, tötete.

Hier tötet Israel den Hamas-Militärchef

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dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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