Deutschland - das Altersheim der EU

Berlin - In der EU stehen die Deutschen oft an der Spitze - auch bei weniger erfreulicher Statistik. Sie werden immer älter, sind zu dick und bekommen zu wenig Kinder. Doch das Jahrbuch des Europäischen Statistikamtes hat auch gute Nachrichten zu bieten.

Europa altert - und die Deutschen noch ein bisschen schneller. Deutschland ist zum Altersheim unter den 27 EU-Staaten geworden. Jeder fünfte Deutsche ist ein Senior oder “Silver Ager“ - wie die Werbung sie gerne schmeichelnd nennt - von 65 Jahren oder älter. Das sind doppelt so viele wie 1950. Das Angenehme daran: Ein neugeborenes Mädchen kann sich rechnerisch auf 82 Jahre und sieben Monate Lebenszeit freuen, ein Junge auf 77,6 Jahre. Im Schnitt sind Bundesbürger 43,7 Jahre alt.

Das alles verrät das neue Jahrbuch des Europäischen Statistikamtes Eurostat, das auf 692 Seiten ein Bild der Europäer zeichnet. Es liefert pünktlich zum Jahreswechsel gute Nachrichten: Die Lebenserwartung für Europäer steigt jedes Jahr um zwei bis drei Monate. Und auf der grünen Insel Irland lebt die jüngste Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 33,8 Jahren.

Dass die Deutschen so rasant altern, ist kein Wunder, wo sie doch europaweit Schlusslicht beim Kinderkriegen und nebenbei Heiratsmuffel sind. Zwar werden sie gesünder alt als früher, doch beim Übergewicht sind sie auch ganz vorne mit dabei.

Der Trend des Alterns dürfte sich in den kommenden Jahrzehnten noch verschärfen, schreiben die Statistiker. Denn in der Bundesrepublik liegt die Geburtenrate mit 1,38 Kindern pro Frau nach wie vor am unteren Ende in Europa und die Einwanderungsbilanz ist ins Minus gerutscht. Im Vergleich zu 1950 erblicken fast nur noch halb soviele Babys das Licht der Welt. “Bis 2060 wird sich die Zahl der Senioren über 65 EU-weit nahezu verdoppeln, die Zahl der über 80-Jährigen fast verdreifachen“, lautet die Zukunftsprognose des Jahrbuchs.

Die Probleme für die Rentenkassen, die Pflege der Senioren und die Wirtschaft sind hinlänglich bekannt. Als Gegenmittel fordert EU-Sozialkommissar Laszlo Andor einen Politikwechsel: “Wir müssen dafür sorgen, dass Eltern Familie und Beruf besser miteinander in Einklang bringen können.“ Außerdem müssten die Bürger länger arbeiten. In diesem Punkt ist Deutschland ein Vorbild für Europa, die Rente mit 67 ist bereits beschlossen.

Das Gute am Altwerden ist, dass ein Europäer von 65 Jahren heute im Schnitt immerhin noch mehr als 8 gesunde Jahre vor sich hat, die er ohne große gesundheitliche Einschränkungen erlebt. Die EU hat 2012 daher zum “Europäischen Jahr des aktiven Alterns“ ausgerufen.

Das ändert sich zum Jahreswechsel

Rente, Pflege, Reisen, Steuern, Strom - das ändert sich zum Jahreswechsel

Den Bund fürs Leben schließen dagegen immer weniger Deutsche. 2009 registrierten die Standesämter nur 4,6 Hochzeiten auf tausend Einwohner. Das war deutlich weniger als der EU-Schnitt. Und obwohl die Deutschen seltener “Ja, ich will“ sagen, lassen sie sich häufiger scheiden als Durchschnittseuropäer und kommen auf 2,3 Scheidungen pro tausend Einwohner. Die Gründe dafür nennen die Statistiker nicht, sie konstatieren nur lapidar: “Ehen sind heute weniger stabil.“

Die Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Da scheint es den Deutschen durchaus zu schmecken - und viele werden zu dick. Fast jede sechste deutsche Frau über 18 Jahren ist demnach stark übergewichtig (adipös), bei den Männern sind es noch etwas mehr. Ganz vorne liegen Malta und Großbritannien. Der Anteil steigt in allen 27 EU-Ländern mit dem Alter. Bester Schutz gegen Speckrollen scheint eine gute Bildung zu sein: “Es gibt ein klares Muster: Der Anteil verringert sich mit steigendem Bildungsniveau“, schreiben die Statistiker.

Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs sind die häufigsten Todesursachen in Europa. Sicher geht es dagegen auf Deutschlands Straßen zu: Bei Autounfällen sterben etwa 50 Menschen pro eine Million Einwohner. Das ist der fünftletzte Platz in der EU - obwohl es im Gegensatz zu vielen anderen EU-Ländern kein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen gibt. Wie die Statistik zeigt, passieren die meisten tödlichen Unfälle auf Landstraßen.

dpa

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