Arbeitsmarkt entwickelte sich stabil

Polens Wirtschaft kam besonders gut durch die Corona-Krise – Wieso eigentlich?

Menschen warten in Warschau in einer Schlange vor dem Rathaus, um ihre Impfung gegen das Coronavirus zu erhalten
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Menschen warten in Warschau in einer Schlange vor dem Rathaus, um ihre Impfung gegen das Coronavirus zu erhalten

Eine Vielzahl möglicher Gründe sorgte für die robuste wirtschaftliche Situation in Polen. Trotz der Corona-Pandemie.

Warschau – Die Corona-Pandemie erreichte Polen etwa zwei Monate später als den Rest Europas. Den ersten positiven Covid-19-Test gab es in Polen erst am 4. März 2020. Die Regierung führte anschließend schnell rigorose Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung der Pandemie ein. Dabei sollten eine Überbelastung des angeschlagenen polnischen Gesundheitssystems ebenso verhindert werden wie der Zusammenbruch der Wirtschaft.

Corona-Pandemie in Polen: Hohes Wachstum bei niedrigen Lohnkosten

Die aktuellen Zahlen für Juli 2021, die vom Polnischen Wirtschaftsinstitut (PIE) in Zusammenarbeit mit der Bank Gospodarstwa Krajowego (BGK) veröffentlicht wurden, zeigen, dass sich die Wirtschaft bereits jetzt weitestgehend von der Rezession, die im Frühjahr 2020 einsetzte, erholt hat. Der Konjunkturindex liegt mit 107,0 Punkten deutlich über dem Wert des Vormonats (102,8). Die Ökonomen verweisen in ihrer Analyse auch auf die Erhöhung der Produktion um 8,9 Prozent, die Zunahmen der Beschäftigung um 5 Prozent und die Steigerung der Investitionen um 6,7 Prozent. Das Angebot an Dienstleistungen nahm dabei besonders stark zu (+16,8 Prozent).

„Der MIK [Monatlicher Konjunturindex] im Beschäftigungsbereich hat seit Beginn der Messungen kontinuierlich zugenommen und hat in diesem Monat Rekordwerte erreicht. Gleichzeitig ist der Beschäftigungszuwachs nicht mit einer Erhöhung der Gehälter verbunden - nach Angaben der Unternehmen bleiben die Löhne eher unverändert”, erklärte die Analystin des PIE Anna Szymańska bei der Veröffentlichung der aktuellen Zahlen.

Polen: Corona-Hilfen und die Rolle der Zentralbank – Arbeitsmarkt konnte sich während Krise stabil entwickeln

Mitte März gab das Büro des polnischen Premiers Mateusz Morawiecki bekannt, dass bis zu diesem Zeitpunkt umgerechnet 45 Milliarden Euro zur Unterstützung der polnischen Wirtschaft in der Coronakrise geflossen sind. Die Coronahilfen umfassten in Polen das Kurzarbeitergeld, eine zeitlich begrenzte Stundung von Sozialversicherungsbeiträgen und direkte Hilfen für Unternehmen, von denen 1 Milliarde Zloty an Kleinunternehmen nicht zurückgezahlt werden musste. Die Coronahilfen haben nachweislich dazu geführt, dass es nicht zu Massenentlassungen gekommen ist und sich der Arbeitsmarkt während der Krise stabil entwickelte.

Nach Einschätzung der leitenden Ökonomin Beata Javorcik von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) hatte aber vor allem das Vorgehen der polnischen Zentralbank in der Coronakrise eine erhebliche Bedeutung. Die Zentralbank reagierte schnell und lockerte die Geldpolitik, wodurch der Zinssatz auf 0,10 % zurückging. Ferner wurde frühzeitig und entschieden mit dem Aufkaufen von Aktiva begonnen.

„Dies zeigt, dass die polnische Zentralbank die Erfahrungen anderer Zentralbanken während der globalen Finanzkrise gut genutzt hat”, sagte Javorcik im Gespräch mit den polnischen Medien.

Darüber hinaus verwies Javorcik darauf, dass die polnische Wirtschaft ausgesprochen vielfältig aufgestellt ist. Eine wirtschaftliche Vielfalt führt zu mehr Unabhängigkeit und Robustheit bei externen Krisen, die sich in der Regel sektorial stärker auswirken. Laut Javorcik haben alle die Volkswirtschaften die Krise besser überstanden, bei denen die Wirtschaftsleistung einen gewichtigen Anteil der industriellen Fertigung umfasst.

Corona-Pandemie in Deutschland: Gastronomie und Touristik spielt in Wirtschaft nur geringe Rolle

Der Wirtschaftsanalyst Paweł Śliwowski des PIE bestätigt gegenüber dem Merkur die Aussagen von Beata Javorcik und fügt hinzu, dass es in der Coronakrise die Tendenz gab, Ausgaben aus dem Dienstleistungssektor in den Gütersektor zu verlagern. Als Beispiel kann hier der Verzicht auf Friseurdienstleistungen dienen. Die Konsumenten haben stattdessen aber z.B. eine neue Couch oder eine neue Spülmaschine gekauft. Die stärker auf Güterproduktion denn auf Dienstleistungen ausgelegte polnische Wirtschaft hat davon besonders profitiert. Schließlich kommt hinzu, dass die Gastronomie und Touristik in der polnischen Wirtschaft eine geringe Rolle spielen.

Schließlich profitierte Polen auch in der Krise von den für die gesamte Region typischen „Greenfield Investitionen”, die in ganz Mittelosteuropa mit hohen Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen verbunden sind.

Festzustellen ist dabei, dass sich durch die Geldpolitik die Landeswährung im Vergleich zu anderen Währungen schwächer entwickelte. Dies führte wiederum zu einem Wettbewerbsvorteil für polnische Exporteure. Der Anteil der Industriegüter nahm im Ausfuhrportfolio Polens im letzten Jahr besonders deutlich zu. Polen* entwickelte sich zum wichtigen Zulieferer der Elektroautobranche. Elektromotoren und Batterien, Triebwerke oder Apparate für die Übertragung und den Empfang von Sprache zählten letztes Jahr zu den wachstumsstärksten Exportgütern. Dies hat besondere Auswirkungen auf den Export nach Deutschland. Die Summe der polnischen Güter und Dienstleistungen, die im Mai nach Deutschland verkauft wurden, lag rund 40 % höher als noch vor einem Jahr.

Polens Wirtschaft kam besonders gut durch die Corona-Krise – Wieso eigentlich?

Um die Vielzahl möglicher Gründe für die robuste wirtschaftliche Situation in Polen richtig gewichten zu können, muss auch betont werden, dass die Pandemie* Polen in einem Zeitpunkt der Hochkonjunktur erreichte. Das Wirtschaftswachstum lag 2019 bei 4 Prozent und auch der Export mit 235,8 Millionen Euro wuchs im Jahresvergleich um 5,5 Prozent und führte zu einem kleinen positiven Handelssaldo. Der polnische Arbeitsmarkt entwickelt sich schon seit mehreren Jahren ausgesprochen positiv. Kurz nach der Jahrhundertwende erreichte die Arbeitslosigkeit in Polen noch Maximalwerte von über 20 Prozent. Seit 2018 bewegt sich dieser Wert aber zwischen 5 bis 6,8 Prozent. Dementsprechend blieben auch in der Krise die bereits vorhandenen positiven wirtschaftlichen Entwicklungen stabil. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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