Vierte Welle

Corona-Streit um Inzidenz: Jens Spahn widerspricht RKI-Chef Lothar Wieler

Streit um die Wichtigkeit der Corona-Inzidenz. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn widerspricht den Aussagen von Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Update vom 29. Juli, 8.49 Uhr: In der Debatte um die Inzidenz als Hauptrichtwert in der Corona-Pandemie hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dem Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, widersprochen. „Mit steigender Impfrate verliert die Inzidenz an Aussagekraft“, sagte Jens Spahn der Bild. Daher brauche es „zwingend weitere Kennzahlen, um die Lage zu bewerten“, etwa die Zahl der neu aufgenommenen Covid-Patienten im Krankenhaus.

Ganz auf die Inzidenz verzichten will der Bundesgesundheitsminister jedoch nicht: Bei Weitem seien nicht ausreichend Menschen in Deutschland geimpft, „um ganz auf den Blick auf die Inzidenz verzichten zu können“. RKI-Chef Lothar Wieler hatte am Montag in einer Bund-Länder-Schalte eine Niedrig-Inzidenz-Strategie gefordert und vor einer vierten Welle gewarnt.

Pläne aus dem RKI, auch andere Kriterien für die Corona-Politik zu berücksichtigen, spielten laut Bild bei seinem Vortrag keine Rolle. Stattdessen beharrte Wieler darauf, die Inzidenz bleibe „wichtig, um die Situation in Deutschland zu bewerten und frühzeitig Maßnahmen zur Kontrolle zu initiieren“.

Corona-Streit um Inzidenz: RKI widerspricht Jens Spahn und Länderchefs

[Erstmeldung vom 28. Juli] Hamm - Noch sind die Zahlen der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland verhältnismäßig niedrig. Die Entwicklung der zuletzt stetig steigenden Inzidenz gibt Wissenschaftlern und Experten aber Anlass zur Sorge. Auch beim Robert-Koch-Institut (RKI), das mit einem neuen Papier nun für Zündstoff für die Ministerpräsidenten sorgen könnte. (News zum Coronavirus)

Sars-CoV-2Medizinische Bezeichnung des Virus
Covid-19Bezeichnung für die durch das Virus ausgelöste Krankheit
Coronaviren/CoronaBezeichnung für eine Familie von Erregern. Es gibt unterschiedliche Corona-Stämme

Corona-Zoff um Inzidenz: RKI-Chef widerspricht Jens Spahn

So soll etwa die Inzidenz nach Ansicht des RKI weiterhin der Leitindikator für die Infektionsdynamik bleiben. Das geht aus besagtem Papier hervor, dass RKI-Chef Lothar Wieler bei einer Schaltkonferenz mit den Chefs der Staatskanzleien der Länder präsentierte.

Inzidenz ist Leitindikator für Infektionsdynamik (hohe Inzidenzen haben zahlreiche Auswirkungen)“, heißt es in dem Papier, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt und über das zuerst die Bild und The Pioneer berichtet hatten. 

Der Behörde zufolge bleibe die 7-Tage-Inzidenz wichtig, um die Corona-Situation in Deutschland zu bewerten und frühzeitig Regeln und Maßnahmen zur Kontrolle zu initiieren. Genau deshalb soll es nach Informationen der Bild in der Schalte zu größeren Diskussionen gekommen sein, weil viele Länder von der Inzidenz als wichtigstem Kriterium abkommen wollen.

Zoff um Inzidenz: Jens Spahn und Ministerpräsidenten plädieren auch für andere Indikatoren

Damit widerspricht Lothar Wieler unter anderem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der hatte bereits vor einigen Tagen erklärt, dass der Inzidenzwert an Aussagekraft verliere. Schließlich seien inzwischen genügend Bürger geimpft - nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums vom Mittwoch (28. Juli) hätten mittlerweile mehr als die Hälfte der Bürger (41,8 Millionen Menschen oder 50,2 Prozent der Gesamtbevölkerung) den vollständigen Corona-Schutz. Im RKI-Papier heißt es dagegen: Hohe Impfquoten alleine seien nicht ausreichend, die vierte Welle flach zu halten.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der für ein vorgezogenes Bund-Länder-Treffen plädierte, schlug via Augsburger Allgemeinen zum Beispiel eine verbindliche Formel aus Inzidenzwert, Impfquote und belegten Krankenhausbetten vor. Zumal mittlerweile auch die Frage weitgehend geklärt ist, wie ansteckend Corona-Geimpfte noch sind.

Derweil heißt es zur aktuellen Lage in dem RKI-Papier, dass die Inzidenzen seit rund drei Wochen wieder stiegen, der Anteil der Hospitalisierungen seit rund zwei Wochen. Kurzum: „Die vierte Welle hat begonnen.“ Das Robert-Koch-Institut sei für „Basisschutz-Maßnahmen, um die vierte Welle so zu senken, dass die Patientenzahlen in Krankenhäusern nicht zu hoch würden. Als Maßnahmen nennt das Papier eine Reduzierung der Kontakte sowie eine Reduktion der Mobilität.

Länder nicht mit RKI-Papier von Lothar Wieder einverstanden - Corona-Gipfel soll Kurs bestimmen

Nach Angaben der Bild ließ Lothar Wieler in dem RKI-Papier die durchaus vorhandenen Corona-Daten einfach weg. Als Exempel habe der RKI-Chef demnach die Entwicklung aus Großbritannien gezeigt - Tenor: starker Anstieg der Fälle. Es seien jedoch die Zahlen des 22. Juli gewesen, obwohl sein Papier auf den 26. Juli datiert sei. In dieser Zeit gingen die Infektionszahlen in Großbritannien wieder nach unten.

Die Vertreter der Länder seien dem Bericht zufolge nicht mit dem vom RKI-Chef vorgeschlagenen Corona-Kurs einverstanden. Die meisten Teilnehmer seien dagegen, die Inzidenz als alleinigen Maßstab im Kampf gegen die Pandemie zu betrachten. Weil mit steigenden Werten nicht mit steigenden Krankenhaus-Einweisungen einhergehen, müsste nicht sofort mit strengeren Corona-Regeln wie noch in der ersten Welle reagiert werden. Eine endgültige Antwort über den weiteren Kurs soll es möglichst nach dem nächsten Corona-Gipfel zwischen den Ministerpräsidenten und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am 10. August geben.

Rubriklistenbild: © Carsten Koall/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare