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„Entscheidung liegt bei Regierung“: Chinas Kommunisten wollen Wiedergeburt des Dalai Lama bestimmen

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Von: Sven Hauberg

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Was passiert, wenn der Dalai Lama stirbt? Chinas Kommunisten wollen selbst über die Wiedergeburt des tibetischen Religionsführers bestimmen. Deutschland kritisiert das Vorhaben.

München/Dharamsala/Peking – Ein bisschen schwach sah er aus, als er sich Ende Dezember durch die Menschenmassen schob, die ins nordindische Bodhgaya gekommen waren, um ihn reden zu hören: In einer Art Papamobil wurde der Dalai Lama durch die Veranstaltungshalle gefahren, später stütze ihn ein Helfer, damit er den Gläubigen die Khatag, den tibetischen Gebetsschal, um den Hals legen konnte. Als er dann aber zu den Menschen über den Buddha sprach, der in Bodhgaya einst die Erleuchtung erlangt haben soll, da wirkte der Dalai Lama so lebhaft und schelmisch, wie man ihn kennt.

Das geistige Oberhaupt der tibetischen Buddhisten wird im Juli 88 Jahre alt. Da stellt sich die Frage, was passiert, wenn er eines Tages stirbt. Tibetische Buddhisten glauben, dass spirituelle Würdenträger wie der Dalai Lama nach ihrem Tod wiedergeboren werden – und dass es möglich ist, ihre Wiedergeburt zu finden. Chinas Kommunistische Partei, die seit sieben Jahrzehnten über Tibet herrscht, hält solche Vorstellungen für Aberglauben, beharrt aber stets darauf, dass sie allein darüber zu bestimmen habe, wer nächster Dalai Lama wird. „Die höchste Autorität in der Frage der Nachfolge des Dalai Lama liegt nicht bei irgendjemandem, sondern bei der Zentralregierung“, zitierte Anfang Januar die staatlich kontrollierte Global Times einen hochrangigen chinesischen Politiker.

China behauptet, dass Tibet schon immer ein Teil Chinas gewesen sei und deshalb auch die Regierung in Peking über die Angelegenheiten Tibets bestimmen könne – was Völkerrechtler zurückweisen. Schließlich war Tibet zumindest für einige Jahrzehnte faktisch ein unabhängiges Land, als es 1950 von Chinas Volksbefreiungsarmee besetzt wurde.

Ende Dezember trat der Dalai Lama im nordindischen Bodhgaya vor seine Anhänger.
Ende Dezember trat der Dalai Lama im nordindischen Bodhgaya vor seine Anhänger. © Sanjay Kumar/afp

„Was nach dem Tod des Dalai Lama geschieht, ist eine große Herausforderung“

„Was nach dem Tod des Dalai Lama geschieht, ist eine große Herausforderung für die Tibeter, insbesondere wenn der chinesisch-tibetische Konflikt nicht gelöst wird“, sagte Anfang Januar Penpa Tsering, das politische Oberhaupt der Exil-Tibeter, der indischen Nachrichtenagentur PTI. Tsering glaubt, dass die Regierung in Peking sich seit Jahren darauf vorbereite, sich in die Nachfolge des 14. Dalai Lama einzumischen. Auch der Dalai Lama warnt seit vielen Jahren, dass die Suche nach seiner Reinkarnation politisch missbraucht werden könne. Es sei „unangebracht“, dass über seine Wiedergeburt ausgerechnet „chinesische Kommunisten, die sogar die Idee vergangener und zukünftiger Leben ausdrücklich ablehnen“, bestimmen wollen, erklärte er vor einigen Jahren.

Der Dalai Lama

Der Dalai Lama ist das geistige Oberhaupt der Tibeter. Bis zur Besetzung Tibets durch China 1950 war er auch ihr weltliches Oberhaupt. Der heutige 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso kam 1935 zur Welt, zwei Jahre nach dem Tod des 13. Dalai Lama, und wurde wenig später als dessen Wiedergeburt bestätigt. Zuvor hatte ihn ein Suchteam, das Visionen und anderen geheimnisvollen Zeichen nachgegangen war, in einem kleinen Dorf im Osten Tibets entdeckt. 1959 floh der Dalai Lama ins nordindische Dharamsala, wo er noch heute lebt.

Tatsächlich erließ die chinesische Religionsbehörde im Jahr 2007 eine Verordnung zum „Umgang mit Reinkarnationen lebender Buddhas im tibetischen Buddhismus“ – ein erstaunlicher Schritt für ein kommunistisches Land. Chinas Führung wolle mit der Verordnung sicherstellen, dass eine Peking-freundliche Person neuer Dalai Lama wird, sagt Kai Müller, Deutschland-Geschäftsführer der International Campaign for Tibet (ICT), im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. „Ich kann mir allerdings schwer vorstellen, dass diese Person anerkannt werden würde.“

Bundesregierung fordert: „Religionsgemeinschaften sollen ihre Angelegenheiten autonom regeln“

Müller verweist auf den Panchen Lama, der zweitwichtigste Geistliche im tibetischen Buddhismus. Seit dem Tod des 10. Panchen Lama im Jahr 1989 gibt es zwei Nachfolger: einen von Peking eingesetzten und einen, der vom Dalai Lama anerkannt wurde – und der seit Jahrzehnten verschwunden ist. Der Peking-treue Panchen Lama werde von den Tibetern nicht akzeptiert, sagt Müller. Er glaubt, dass es einem Dalai Lama von Pekings Gnaden eines Tages auch so ergehen würde.

Der Dalai Lama erklärte bereits, er könne nur in einem „freien Land“ wiedergeboren werden, möglicherweise auch im Körper eines Erwachsenen, egal welchen Geschlechts. Vielleicht werde er aber auch gar nicht wiedergeboren, wenn tibetische Buddhisten und die Tibeter das so wollten. „Der Dalai Lama passt den Glauben an, ist aber nicht beliebig“, sagt ICT-Geschäftsführer Müller. „Ihm geht es hauptsächlich darum klarzumachen, dass es nicht der chinesischen Regierung obliegt, über seinen Nachfolger zu bestimmen. Sondern nur ihm selbst und den tibetischen Buddhisten.“

Ähnlich sieht das die deutsche Regierung. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es auf Anfrage unserer Redaktion: „Die Bundesregierung vertritt die Auffassung, dass Religionsgemeinschaften ihre eigenen Angelegenheiten autonom regeln dürfen. Dies beinhaltet das Recht, ihre religiösen Würdenträger selbst zu bestimmen.“ In der China-Strategie, die derzeit unter Federführung von Außenministerin Annalena Baerbock entsteht, werde die Frage der Menschenrechte „eine wichtige Rolle spielen“.

Dalai Lama: „China will unsere einzigartigen tibetischen Kulturtraditionen ausrotten“

Die chinesische Regierung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping besteht allerdings darauf, dass die Wiedergeburt des Dalai Lama mithilfe der sogenannten Goldenen Urne bestimmt wird – einer Art Losverfahren, das erstmals unter den Qing-Kaisern im 18. Jahrhundert eingeführt wurde, als China und Tibet politisch und kulturell eng miteinander verbunden waren. Bei dem Verfahren werden die Namen mehrerer Kinder, die als Wiedergeburt eines verstorbenen Lamas infrage kommen, in ein goldenes Gefäß gegeben. Im Rahmen einer religiösen Zeremonie wird ein Name daraus gezogen – der laut der Verordnung von 2007 von der chinesischen Regierung bestätigt werden muss.

Auch der Pekingtreue Panchen Lama wurde so „gefunden“. Doch der jetzige Dalai Lama lehnt das ab, weil weder er noch sein Vorgänger so bestimmt worden seien. Er spricht von einer „unangemessenen Methode“, die das Ziel habe, „unsere einzigartigen tibetischen Kulturtraditionen auszurotten“.

Dass Pekings atheistische Kommunisten sich derart verbissen mit der Wiedergeburt des Dalai Lama beschäftigen, liegt für Kai Müller am Einfluss des Dalai Lama in und außerhalb Tibets. Der 87-Jährige ist auch international ein Symbol des friedlichen Widerstands der Tibeter gegen die chinesische Besatzungsmacht. In seiner Heimat werde der Dalai Lama noch immer sehr verehrt, trotz aller Schmähkampagnen der chinesischen Regierung, sagt Müller – er sei ein „Stachel im Fleisch der Kommunistischen Partei“.

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