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Angst vor China: Taiwan rüstet auf - starkes Militär soll Invasion praktisch unmöglich machen

Taiwanische Soldaten in Uniform und mit schwerem Gerät während des Hankang-Manövers
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Taiwanische Soldaten: Das Hankang-Manöver trainierte Mitte September die Verteidigung der Küste gegen Angriffe aus China.

Taiwan kauft angesichts wachsender Spannungen mit der Volksrepublik China modernes Kriegsgerät. Taipeh will eine Invasion fast unmöglich machen und setzt auf Abschreckung.

  • Die Regierung in Taipeh kauft neues Kriegsgerät und lässt sogar wieder eigene Systeme entwickeln.
  • Die Entwicklung ist verständlich: Unter Xi Jinping gibt die Volksrepublik immer deutlichere Signale der Stärke ab. 
  • Aufrüstung wirkt zwar wie Eskalation, könnte aber einer eigenen austarierten Logik folgen.
  • Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 13.9.2021.

Taipeh/Berlin - Der „Flugzeugträger-Killer“ ist ein heimisches Produkt, er stammt aus der taiwanischen Werft Lung Teh Shipbuilding. Das ist Grund genug für Taiwans* Präsidentin Tsai Ing-wen, zur Indienststellung des neuen Kriegsschiffs Anfang September in die kleine Hafenstadt Su’ao an der Ostküste der Insel zu reisen und eine kurze Rede zur Verteidigungsfähigkeit ihres Landes zu halten. „Wir sind auf bestem Weg, im Bereich der nationalen Verteidigung unabhängig zu werden“, zitieren Nachrichtenagenturen die Präsidentin. Das sind starke Worte. Nach allgemeiner Wahrnehmung hängt die Sicherheit Taiwans vor allem vom Schutz durch die USA* ab. Doch Tsai will die Eigenständigkeit nun zumindest deutlich stärken.

Diese Tendenz zur Zweigleisigkeit mit mehr Anbindung an den großen Bündnispartner und zugleich mehr Eigenentwicklungen spricht auch aus dem Bericht zur Verteidigungsfähigkeit Taiwans der Regierung in Taipeh, der nur alle vier Jahre erscheint. Aus dem zweiten „Quadrennial Defense Review (QDR)“ gehen mehrere interessante Fakten hervor:

  • Taiwan versucht aktiv, sich an die veränderten Fähigkeiten der Volksbefreiungsarmee anzupassen.
  • Der Fokus liegt auf der Abwehr einer Invasion schon weit vor der Küste, unter anderem durch den Einsatz von Lenkwaffen und Drohnen.
  • Wenn sich die Landetruppen nicht abhalten lassen, soll Infanterie ihren Vormarsch aufhalten.
  • Statt großer Truppenkontingente will Taiwan bewegliche und technisierte Einheiten aufstellen. Daraus leiten sich die Prioritäten bei der Beschaffung ab.
  • Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei der Fähigkeit zu Langstreckenschlägen, um herannahende Schiffe abzuwehren. Außerdem soll die Möglichkeit gegeben sein, chinesische Truppen schon vor ihrem Abmarsch noch auf dem Festland an ihren Vorbereitungen zu hindern. Schon ab diesem Jahr will Taiwan daher neue Raketensysteme anschaffen und weiterentwickeln, die „langstreckentauglich, treffgenau und mobil“ sind.
  • Die Integration in die US-Streitkräfte vertieft sich weiter. Die Systeme sind durchweg kompatibel: Feuerleitrechner arbeiten auf derselben Plattform, Computersysteme haben Schnittstellen, Ersatzteile sind austauschbar, das Gerät ist von Übungen vertraut usw.
  • Die Verteidigungsfähigkeiten werden „asymmetrisch“ sein. Chinas Volksbefreiungsarmee* wird zahlenmäßig zwar immer die Überlegenheit behalten. Es ist aber gar nicht das Ziel, sie komplett auszuschalten – sondern nur, sie an der Anlandung von Soldaten zu hindern.

Analysten zufolge macht Taiwan sich nun an die Umsetzung der Schlussfolgerungen aus dem Verteidigungsbericht. „Im Jahr 2021 hat Taiwan angefangen, die Militär-Hardware zu beschaffen, die der QDR verlangt“, schreibt Thomas J. Shattuk vom Foreign Policy Research Institute in Philadelphia. „Taiwan muss seine militärischen Fähigkeiten schon heute aufbauen, nicht erst 2025.“ Denn die immer bessere Ausstattung der Volksbefreiungsarmee schafft eine Abwehrlücke, die mit jedem Jahr größer wird. Verteidigungsminister Chiu Kuo-cheng hat daher entsprechende Forschungsaufträge an das National Chung-Shan Institute of Science and Technology vergeben.

Taiwan: Tarn-Korvette mit Raketen zur Schiffsabwehr

Die neue Korvette mit dem Spitznamen „Flugzeugträger-Killer“ ist ein wichtiger Baustein des neuen Konzepts. Offiziell handelt es sich um die so genannte Tuo-Chiang-Klasse von Kriegsschiffen. Diese sind mit 60 Metern Länge kleiner als Fregatten, aber bis oben hin voll mit moderner Technik. Das keilförmige Schiff versteckt sich durch seine Form vor Radar. Vor allem aber ist es mit Anti-Schiffs-Raketen vom Typ Hsing Feng III ausgestattet, die sich auch von Flugzeugträgerverbänden nur schwer abwehren lassen. Die von Tsai Ing-wen kürzlich in Dienst gestellte Ta Chiang ist das zweite Exemplar dieser Klasse. Vier weitere sollen folgen.

Die Tendenz zur Aufrüstung ist verständlich. Taiwan in seiner heutigen politischen Form ist akut in seiner Existenz bedroht. Die Volksrepublik spricht der Insel den Status als unabhängiger Staat ab. Peking behandelt Taiwan nicht nur rhetorisch, sondern auch in praktischen Belangen als Teil ihres Gebiets.

Die Sorgen werden durch Militärmanöver und routinemäßige Provokationen verstärkt, die China – entsprechend seinen wachsenden militärischen Fähigkeiten – mit immer besserem Gerät ausführt. Eine aktuelle Studie des militärnahen US-Thinktanks Project 2049 beschäftigt sich mit der Frage, wie eine Invasion Taiwans in der Praxis aussehen könnte. Die Autoren unterstellen, dass die chinesische Armee Tausende von zivilen Schiffen in den Dienst ziehen will, um Millionen von Soldaten nach Taiwan zu transportieren.

Taiwan: Invasion aus Festlandchina fast unmöglich machen

Die Zahlen zeigen aber auch, wie schwierig und letztlich unwahrscheinlich so eine Invasion ist. Ginge es um den bloßen Sieg gegen ein feindliches Land, wäre der Fall klar: Die Volksbefreiungsarmee hätte mit Bomben und Raketen schnell die militärische Hoheit. Doch ein Angriff mit schweren Geschützen verbietet sich: Die Bewohner der Insel gelten nach Lesart der Volksrepublik als eigene Bürger. Sie stehen nach dieser Logik genauso unter dem Schutz der kommunistischen Regierung wie die Bewohner des Festlands. Zumindest den Zivilisten sollte also nur wenig passieren.

Eine Eroberung muss daher mit Fußsoldaten erfolgen – Straße für Straße, Haus für Haus. Und das in einem Ort, in dem fast alle erwachsenen Männer Wehrdienst geleistet haben und kaum jemand unter chinesischer Herrschaft leben will. Allein das Vorhaben, die Häfen Taiwans unter Kontrolle zu bringen, dürfte die Admiralität der Volksbefreiungsarmee vor erhebliche Probleme stellen. Da hilft es nichts, dass die chinesischen Truppen die taiwanische Luftwaffe und große Teile der dortigen Marine vergleichsweise schnell ausschalten könnten.

Ein taiwanischer Panzer übt während des diesjährigen Hankang-Manövers die Verteidigung der Küste.

Taiwan: Die Logik der Abschreckung

Präsidentin Tsai und Taiwans Verbündete wissen zugleich, dass sie es China* keinesfalls einfach machen dürfen. Zeichen von Schwäche würden das bestehende Gleichgewicht genauso stören wie übertriebene Drohgebärden. Eine Lücke in der taiwanischen Abwehr würde Xi geradezu zwingen, die Gelegenheit zu nutzen. Schließlich drängen einige Hardliner in Volk und Führung durchaus darauf, die vermeintliche Schande der Spaltung zu korrigieren.

Ein Gleichgewicht der Kräfte ist also auch für diejenigen wichtig, die auf der Seite der Volksrepublik zwar mit dem Säbel rasseln, einen echten Krieg aber vermeiden wollen. Da China jedoch ungefähr im Gleichschritt mit seiner technischen und wirtschaftlichen Entwicklung aufrüstet, braucht auch Taiwan mehr und modernere Waffen. Analysten fällt daher schon länger eine gewisse Verbindung zwischen dem Anstieg des chinesischen Verteidigungsetats und US-Waffenlieferungen an Taiwan auf.

Die Indienststellung der neuen Tarn-Korvette Ta Chiang ist nach dieser Logik nur folgerichtig. Schließlich lässt China mehrere eigene Flugzeugträger auf Kiel legen. Derzeit befindet sich das dritte und bislang größte der Schiffe im Bau. Wenn die Gegenseite einen neuen Flugzeugträger auffährt, schickt Tsai eben einen neuen Flugzeugträger-Killer aufs Wasser.

China und Taiwan: Die Weltpolitik gefährdet das empfindliche Gleichgewicht

Das heißt leider nicht, dass ein sonderlich stabiles Gleichgewicht besteht. Derzeit ist weltpolitisch zu viel in Bewegung, und das betrifft auch Taiwan:

  • China selbst gibt den Kraftmeier; die Zeit außenpolitischer Zurückhaltung ist unter Präsident Xi Jinping* definitiv vorbei.
  • Das Verhältnis USA-China* hängt im Keller, seit den US-Amerikanern die Realitäten des ungleichen Handels klargeworden sind.
  • Die USA ziehen sich sowohl unter Donald Trump als auch unter Joe Biden nach innen zurück, wie auch der Abmarsch aus Afghanistan zeigt*.
  • In den USA herrscht in wichtigen Kreisen die Vorstellung, dass Xi Jinping auf die erzwungene Wiedervereinigung drängt. Das erzeugt dort wiederum Nervosität – und die ist bei einem heiklen Status Quo nie ein guter Ratgeber.

Doch selbst die Falken vom amerikanischen RAND-Forschungsinstitut rufen nicht zu einer übermäßigen Aufrüstung auf. Auch sie raten dazu, bei Chinas steigenden Fähigkeiten mitzuziehen – nicht etwa, sie zu übertreffen.

Glaubwürdige Drohungen erhalten vorerst den Frieden

Will es sich verteidigen können, muss Taiwan jetzt folgende Punkte glaubwürdig machen können:

  • Ein Angriff auf die Insel wäre keinesfalls ein einfacher, glorreicher Sieg, sondern schmutzig und damit außen- und innenpolitisch kostspielig.
  • Die Invasion würde nicht schnell gehen, sondern sich sicher in die Länge ziehen. Eine geräuschlose, plötzliche Landnahme wie die Annexion der Krim durch Russland 2014 muss ausgeschlossen sein.
  • Die Chance für ein absolutes Debakel mit einem fortgesetzten Krieg gegen die USA und ihre Bündnispartner Japan und Südkorea plus internationale Sanktionen muss hoch sein.

Bisher sind alle drei Punkte gegeben. Auch Japan* hat in den vergangenen Wochen seine Solidaritätsbekundungen heraufgefahren. Verteidigungsminister Nobuo Kishi hat klargemacht, dass die Sicherheit Taiwans zu Japans ureigenen Interessen gehöre. So klare Worte spricht Tokio meist in Abstimmung mit Washington.

All das lässt Spekulationen von Analysten in Amerika und Taiwan über Xi als Angreifer erst einmal unrealistisch erscheinen. Auch der starke Mann kann seiner Partei gegenüber die Logik eines Angriffs nicht überzeugend darstellen. Voraussetzung ist aber, dass die Drohkulisse glaubwürdig bleibt. Dazu dienen die neuen Killer-Schiffe, Lenkraketen und Drohnen.

Von Finn Mayer-Kuckuk

Seit Mai 2021 ist Finn Mayer-Kuckuk Redaktionsleiter des Briefing-Formats China.Table. Zuvor war er Hauptstadtkorrespondent in der Bundespressekonferenz in Berlin und China-Korrespondent unter anderem für das Handelsblatt und die DuMont-Gruppe. Er berichtet unter anderem über das Zusammenspiel der chinesischen mit der deutschen Wirtschaft, Digitalisierung und IT sowie über China-Trends in der deutschen Hauptstadt.

Dieser Artikel erschien am 13.9.2021 im Newsletter China.Table Professional Briefing– im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Hinweis: In Analysen zu Taiwan verwendet China.Table die dort ortsübliche Umschrift statt der sonst auf Merkur.de benutzten offiziellen Umschrift der Volksrepublik, Pinyin.

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