China auf dem Weg zur Militärmacht

Peking - Seit zwei Jahrzehnten modernisiert China seine Streitkräfte. Der Aufstieg zur Wirtschaftsmacht spült Milliarden in die Taschen der Militärs. Die Aufrüstung löst in den USA und anderswo Unbehagen aus.

China lässt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch die Muskeln spielen. Die frisch gekürte zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt entwickelt sich zum Rivalen der USA im Pazifik. Der Arm der chinesischen Streitkräfte wird länger: China entwickelt Flugzeugträger, modernisiert seine Unterseeboote, stationiert neue Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper. Um für die moderne Kriegsführung im 21. Jahrhundert gewappnet zu sein, kann es sogar gegnerische Satelliten im Weltall abschießen.

Auch haben Hacker aus China wiederholt ihre Kunstfertigkeiten bewiesen, in Computernetzwerke einzudringen. An Schreckensszenarien mangelt es so wenig wie an Konfliktherden. Zwar haben sich die Spannungen mit Taiwan wegen der Aussöhnung des neuen taiwanesischen Präsidenten Ma Ying-jeou verringert, doch streitet China mit verschiedenen Nachbarn um ungelöste Territorialansprüche oder Rohstoffvorkommen auf hoher See. Auch gibt es Zwischenfälle mit amerikanischen Schiffen oder Flugzeugen, die vorwitzig in Chinas Vorgarten spionieren. Für Empörung in China sorgen auch die gerade laufenden Manöver der USA im Gelben Meer oder in der Japanischen See.

Ihr eigenes Land empfinden Chinesen auch keineswegs so stark wie es vielen in der Welt heute schon erscheint. “Auf der einen Seite überholt China mit seiner Wirtschaftsleistung Japan, auf der anderen Seite halten die USA großangelegte Militärübungen vor unserer Küste, aber wir können offenbar nichts dagegen tun“, sagt Professor Shi Yinhong von der Volksuniversität (Renmin Daxue) in Peking. “Das ist das wahre China.“ Der strategische Einfluss Chinas hinkt aus seiner Sicht noch weit hinter seiner wirtschaftlichen Stärke her. Dieses weit verbreitete Gefühl von Schwäche ist ein starkes Motiv hinter der Aufrüstung der Volksbefreiungsarmee. China sieht sich der Supermacht USA unterlegen.

Den Amerikanern wird unterstellt, eine Politik zur “Eindämmung“ gegenüber der Regionalmacht zu verfolgen. Die USA bauten ihre Präsenz im Pazifik noch weiter aus. “Die Amerikaner wollen uns klein halten“, lautet der Vorwurf. Auch will China für das Ringen um strategische Rohstoffe und die Sicherung von Handelswegen gewappnet sein. Nicht zuletzt nütze militärische Macht doch auch der Diplomatie - all das ist in offiziellen Dokumenten nachzulesen. Mit ihrer Einschätzung, was die USA von Chinas militärischer Stärke halten, hat sich das Pentagon in diesem Jahr besonders viel Mühe gegeben. Präsident Barack Obama will kein chinesisches Porzellan zerschlagen.

Das alte Schreckgespenst einer “Bedrohung durch China“ erscheint in dem Dokument nur noch verschwommen, fiel Professor Shi Yinhong als besonders löblich auf. “Verglichen mit früheren Pentagon-Berichten sind der Ton und die Worte vorsichtiger und gemäßigt.“ Tatsächlich strecken die USA eher die Hand aus. Der Bericht ist ein Appell an die Führung in Peking, die aus Verärgerung über die US-Waffenlieferungen an Taiwan eingefrorenen Militärkontakte mit den USA wieder aufzunehmen. China müsse sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch öffnen, mehr Transparenz zeigen.

Nur so könnten Misstrauen und Angst in der Welt vor dem aufstrebenden China zerstreut und gefährliche Fehleinschätzungen verhindert werden. Der Bericht attestiert hier sogar “bescheidene“ Fortschritte. Doch herrsche noch viel Unsicherheit, wie China seine militärische Macht einzusetzen gedenke, heißt es weiter. So mag mehr Offenheit sicher im eigenen Interesse Chinas liegen, doch gehörte Transparenz noch nie zu den Stärken der kommunistischen Führer in Peking - von ihren Generälen einmal ganz zu schweigen.

dpa

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