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Zwischen angeblicher „Schuldenfalle“ und Milliardeninvestitionen: Chinas umstrittene Rolle in Afrika

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Von: Sven Hauberg

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Ein chinesischer Ausbilder erklärt drei kenianischen Lokführerinnen ihren Arbeitsplatz.
Mit China in die Zukunft? Ein chinesischer Ausbilder erklärt drei kenianischen Lokführerinnen ihren Arbeitsplatz (Archivbild). © Sun Ruibo/Xinhua/Imago

China treibt Afrika in die Schuldenfalle – das ist immer wieder zu hören, auch im Wahlkampf in Kenia. Aber was ist dran an dieser Behauptung? Neue Studien zeichnen ein differenzierteres Bild.

München/Peking/Nairobi – Die Chinesen sollen mehr Avocados essen. So zumindest sieht man das in Kenia, Afrikas größtem Exporteur der Früchte. Noch ist das fettreiche Obst nur wenig bekannt in der Volksrepublik. Als sich Anfang August aber eine erste Ladung aus dem ostafrikanischen Land in Richtung Shanghai aufmachte, war das der chinesischen Staatszeitung Global Times sogar eine ausführliche Meldung wert, die sich wie ein Loblied auf die Beziehungen zwischen den beiden Ländern las. Was daran liegen könnte, dass in Kenia am Dienstag ein neuer Präsident gewählt werden soll – und China im Wahlkampf eine große, allerdings auch eher unrühmliche Rolle spielte.

Am 9. August sind die Bürger des ostafrikanischen Staats aufgerufen, einen Nachfolger für Amtsinhaber Uhuru Kenyatta zu bestimmen. An den Urnen haben sie die Wahl zwischen William Ruto, derzeit Kenyattas Stellvertreter, und dem ehemaligen Premierminister Raila Odinga. Ruto hatte sich im Wahlkampf mehrfach darüber beschwert, dass in seinem Land zu viele Chinesen lebten, die den Einheimischen die Jobs wegnähmen. „Wir haben genug Flughäfen, um sie dorthin zurückzuschicken, von wo sie herkommen“, schimpfte Ruto. Sein Gegenkandidat Odinga machte ein anderes Problem mit China aus: die hohen Schulden, die Kenia bei der Volksrepublik habe. Rund 6,4 Milliarden US-Dollar schuldet die kenianische Regierung den Chinesen, berichtete unlängst die Financial Times. Ausgegeben wurde das Geld unter anderem für eine 3,6 Milliarden US-Dollar teure Eisenbahnstrecke von Mombasa in die kenianische Hauptstadt Nairobi.

In Kenia scheint sich zu bewahrheiten, wovor Kritiker seit Jahren warnen: China, so heißt es, treibe afrikanische Staaten in die finanzielle Abhängigkeit. Aber gibt es diese „chinesische Schuldenfalle“ überhaupt? Mehrere Studien aus den letzten Monaten säen Zweifel an diesem allzu einfach erscheinenden Narrativ.

„Chinas Schuldenfalle“ – ein Mythos, den Trump befeuerte

Die Erzählung, die vor allem von der Regierung Donald Trumps weiterverbreitet wurde, geht so: China baut im Rahmen seiner „Neuen Seidenstraße“ in Afrika Tausende Kilometer an Schienenwegen und Straßen, errichtet Flughäfen und Krankenhäuser. Das Geld dafür leiht es den afrikanischen Staaten, die damit ein paar einheimische, vor allem aber chinesische Mitarbeiter bezahlen. Am Ende stehen überteuerte und überdimensionierte Flughäfen im Wüstensand, und die Regierungen finden sich in der „chinesischen Schuldenfalle“ wieder: Weil sie das Geld, das sie aus China bekommen haben, nicht zurückzahlen können, geraten sie in eine Abhängigkeit von Peking, aus der sie sich nur schwer wieder befreien können. Die Folge: China hat Zugriff auf kritische Infrastruktur oder sichert sich politischen Einfluss in den verschuldeten Ländern.

Doch ist das wirklich so? Offenbar nicht unbedingt. „Was die afrikanischen Staats- und Regierungschefs nachts wach hält, sind nicht die chinesischen Schuldenfallen. Es sind die Launen des Anleihemarktes“, sagen Nicolas Lippolis von der Universität Oxford und Harry Verhoeven von der Columbia University. In einer gemeinsamen Studie haben sie die Verbindlichkeiten afrikanischer Staaten untersucht. China sei zwar der größte bilaterale Kreditgeber der afrikanischen Staaten; entscheidend sei aber, dass sich die Schulden des Kontinents vor allem bei privaten westlichen Kreditgebern anhäuften.

„Es handelt sich um Anleihegläubiger aus London, Frankfurt und New York, die afrikanische Schulden aufkaufen. Dieses Segment ist in den letzten Jahren viel schneller gewachsen als die Verbindlichkeiten, die afrikanische Staaten anderen Gläubigern schulden“, heißt es in der Studie. Als Beispiel nennen die Autoren den Teil Afrikas südlich der Sahara. Ende 2019 hätten die dortigen Regierungen Schulden in Höhe von 78 Milliarden US-Dollar bei chinesischen Unternehmen gehabt, was aber nur acht Prozent der Gesamtschulden der Region entspreche.

China baut Straßen und Schienen in Afrika – und ist in Dutzenden Ländern aktiv

Eine Anfang Juli veröffentlichte Untersuchung der britischen Organisation Debt Justice hat Daten der Weltbank untersucht und dabei festgestellt, dass nur rund zwölf Prozent der afrikanischen Auslandsschulden bei chinesischen Kreditgebern liegen. Rund dreimal so viel – 35 Prozent – schulden die Staaten des Kontinents privaten Kreditgebern aus dem Westen. Diese würden zudem rund doppelt so hohe Zinsen verlangen wie die Chinesen. „Die westlichen Staats- und Regierungschefs machen China für die Schuldenkrisen in Afrika verantwortlich, doch das ist ein Ablenkungsmanöver. Die Wahrheit ist, dass ihre eigenen Banken, Vermögensverwalter und Ölhändler weitaus mehr Verantwortung tragen“, sagt Tim Jones von Debt Justice.

Mit dem Geld, das aus China nach Afrika strömt, will der Kontinent seine Infrastruktur auf Vordermann bringen. Was auch dringend notwendig ist: Viele Straßen und Eisenbahnen stammen noch aus Kolonialzeiten und wurden seit der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten sich selbst überlassen. In den 1950er- und 60er-Jahren unterstützten zwar Weltbank und Internationaler Währungsfonds afrikanische Infrastrukturprojekte finanziell; allerdings endeten die allermeisten Projekte bereits wenig später. Schon damals sprang bisweilen China ein. So finanzierte die Volksrepublik in den 70ern den Bau einer 1.800 Kilometer langen Eisenbahnstrecke von Tansania nach Sambia, die heute noch immer eine der Hauptschlagadern des Landes ist.

Im westafrikanischen Guinea wurde mit chinesischem Geld und Know-how ein Staudammprojekt errichtet.
Im westafrikanischen Guinea wurde mit chinesischem Geld und Know-how ein Staudammprojekt errichtet. © Sadak Souici/Imago

Aktuell ist China in mindestens 35 afrikanischen Ländern aktiv, wie eine Untersuchung von Bloomberg ergeben hat. Nicht jedes Projekt ist dabei so erfolgreich wie die Tansania-Sambia-Eisenbahn. Die kenianische Bahnstrecke zwischen Mombasa und Nairobi etwa machte in nur drei Jahren rund 200 Millionen Dollar Verlust. Die fast 600 Kilometer lange Eisenbahn wurde in nur vier Jahren von rund 25.000 kenianischen Arbeitern und unter Federführung der staatlichen China Road and Bridge Corporation erbaut. Präsidentschaftskandidat Odinga hatte den Deal als Premierminister einst eingefädelt, jetzt will er die Kredite mit China neu verhandeln. Dabei kann er auf die Unterstützung der kenianischen Bevölkerung zählen, die laut Afrobarometer überwiegend der Meinung ist, ihr Land habe zu hohe Schulden bei Peking.

Afrika blickt positiv auf China – und kritisch auf die EU

Anderswo in Afrika blickt man weniger kritisch auf China. Es sind vor allem die Effizienz und die Geschwindigkeit, mit der chinesische Firmen Infrastrukturprojekte in Afrika realisieren, die auf dem Kontinent für China-Begeisterung sorgen. Laut einer Studie der kenianischen Denkfabrik Inter Region Economic Network (IREN) und der Friedrich-Naumann-Stiftung von Ende Juli schätzt man auf dem Kontinent vor allem, dass China Projekte angeht, die einen wirklichen Nutzen für den Kontinent hätten.

„China konzentriert sich auf große, materielle Projekte, während sich Europa in Afrika auf kleinere und oft abstraktere Projekte konzentriert“, sagt James Shikwati vom IREN. Mehr als 1000 Entscheidungsträger aus 25 afrikanischen Ländern wurden für die Studie befragt. Peking, so der Tenor, wisse besser als die EU, was Afrika brauche. Allerdings sei die Qualität der Projekte, die mit europäischen Geldern finanziert würden, höher. China werde eher mit Korruption in Verbindung gebracht als die EU. Auch hätten die Europäer höhere Umwelt- und Arbeitsstandards als die Chinesen und würden vermehrt afrikanische Arbeitskräfte beschäftigen – und diese auch besser behandeln.

Tatsächlich haben Untersuchungen in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass viele chinesische Projekte in Afrika intransparent sind und dass Gelder bisweilen in den Taschen korrupter Herrscher verschwinden. Wer Finanzspritzen aus Peking erhalten will, muss zudem Chinas Linie im Taiwan-Konflikt unterstützen und darf möglichst keine Kritik äußern an den Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang. Auch China verteilt in Afrika nicht einfach Geldgeschenke, sondern verfolgt handfeste geopolitische Interessen. Doch während die Kolonialzeit das Verhältnis vieler afrikanischer Länder zu Europa noch immer belastet, gibt es im Verhältnis zu China diese Altlast nicht.

Afrikas Jugend hat ein positives China-Bild – die EU versucht gegenzusteuern

Unter Afrikas Jugend hat China sogar ein recht gutes Image. Einer Umfrage der südafrikanischen Ichikowitz Family Foundation zufolge glauben 76 Prozent der 18- bis 24-Jährigen aus 15 afrikanischen Ländern, dass Peking einen positiven Einfluss auf ihr Leben habe. Die USA kommen auf 72 Prozent. "Wir sehen, dass China die Pole-Position eingenommen hat, wir sehen die Anerkennung der Tatsache, dass China sich in Afrika zu einer Zeit engagiert, in der es nur sehr wenige andere tun", sagte Ivor Ichikowitz, Vorsitzender der Stiftung, in einem Interview mit Bloomberg. "In Afrika hat Amerika eine sehr begrenzte Rolle gespielt – eine peinlich unbedeutende Rolle in Bezug auf tatsächliche Investitionen, tatsächlichen Handel, tatsächlichen Aufbau von Infrastruktur."

Mit seiner „Build Back Better World“-Initiative will US-Präsident Joe Biden gegensteuern und Hunderte Milliarden in Infrastrukturprojekte weltweit investieren. Am 7. August brach zudem sein Außenminister Antony Blinken zu einer mehrtägigen Afrika-Reise auf, zudem kündigte das Weiße Haus Anfang der Woche an, die Zusammenarbeit mit Ländern in Subsahara-Afrika ausbauen und den Einfluss Chinas und Russlands in der Region zurückdrängen zu wollen.

Auch die EU hat erkannt, dass sie den afrikanischen Kontinent nicht den Chinesen überlassen sollte. „Global Gateway“ nennt sich das Programm, das Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im vergangenen Jahr vorgestellt hat. Bis 2027 sollen 300 Milliarden Euro dafür bereitgestellt werden. Auch der EU geht es mit ihrem Investitionsprogramm nach eigenem Bekunden darum, für die eigenen Werte zu werben. Wer Geld aus der „Global Gateway“-Initiative erhält, werde sich politisch auf die Seite der Europäer stellen, lautet das Kalkül. Zudem sollen sich die Infrastrukturhilfen an den „strategischen Interessen der EU“ orientieren.

Einer der ersten Kooperationspartner soll laut einem Bericht des Handelsblatts Namibia werden – ein Land, das zum Exporteur von grünem Wasserstoff werden könnten und über wichtige Mineralien verfügt. So zumindest lautet der Plan der EU. Noch allerdings ist aus der „Global Gateway“-Initiative kein einziger Euro in Richtung Afrika geflossen. (sh)

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