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Hinter dem Glitzer der Paraden: Warum Brasilien das Land ist, das die meisten queeren Menschen tötet

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Von: Lisa Kuner

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Eine „Gay Parade“ in Sao Paulo - „Brasilien ohne Homophobie“ steht auf der Flagge.
Eine „Gay Parade“ in Sao Paulo - „Brasilien ohne Homophobie“ steht auf der Flagge. © Marcos Hirakawa/www.imago-images.de

Brasilien feiert sich als Regebogennation. Doch immer wieder gibt es Hassverbrechen gegen queere Menschen. Warum? Politikerin und Aktivistin Robeyoncé Lima gibt IPPEN.MEDIA Antworten.

Pernambuco (Brasilien) – Überall Regenbogenflaggen, viel Glitzer, viel Haut – regelmäßig feiern Brasilianerinnen und Brasilianern auf Gay-Paraden ihre Offenheit. Die „São Paulo Gay Pride Parade“ ist sogar regelmäßig das größte LGBTIQ-Event der Welt. Vor der Pandemie hatte die Parade normalweise drei bis fünf Millionen Besucher und Besucherinnen. Auch die Ehe für alle ist in Brasilien* bereits seit 2013 möglich und die Hits der Dragqueen Pabllo Vittar landen immer wieder in den Charts.

Nach außen präsentiert sich Brasilien gerne als Land, indem Menschen unabhängig ihres Geschlechtes oder ihrer sexuellen Orientierung gleichberechtigt sind. „Aber die Realität ist viel komplizierter“, sagt Robeyoncé Lima. Sie ist Abgeordnete im Parlament des brasilianischen Bundestaats Pernambuco. Sie ist die erste trans Frau, die ins Parlament von Pernambuco gewählt wurde und übt ihr Mandat im Kollektiv mit mehreren anderen Politikerinnen aus. Lima gehört zur brasilianischen Partei Partido Socialismo e Liberdade (PSOL), einer sozialistischen, linken Partei. Als Anwältin und LGBT+-Aktivistin setzt sich die schwarze Frau schon seit vielen Jahren für queere Menschen in Brasilien ein.

Brasilien - nirgendwo auf der Welt werden mehr queere Menschen getötet

Doch Brasilien sei nicht nur das Land mit der größten Pride-Parade, sondern auch das Land in dem regelmäßig die meisten queeren Menschen getötet werden, fügt sie hinzu. „Bei den Pride-Paraden wird da oft ein zu einseitiges und zu positives Bild davon vermittelt, wie das Leben für queere Menschen in Brasilien ist.“

Das ist nicht nur der subjektive Eindruck Limas: Es ist gut belegt, dass Diskriminierung und Gewalt für viele queere Menschen in Brasilien Alltag sind. Immer wieder endet das tödlich. Laut einer Statistik der Nichtregierungsorganisation Gay da Bahia wird in Brasilien alle 19 Stunden eine queere Person ermordet. Besonders viel Gewalt trifft transsexuelle Menschen. Allein im Jahr 2021 wurden in Brasilien 140 Transsexuelle ermordet. Berichte der brasilianischen Vereinigung von Transvestiten und Transsexuellen (Antra) dokumentierten grausame, gewaltvolle Verbrechen.

Brasilien erlebt „Diskurs des Hasses“

Dazu kommt noch viel verbale Gewalt, immer wieder auch von öffentlicher Seite: „Es gibt einen wahnsinnigen Diskurs des Hasses“, sagt Lima. „In jedem Bereich meines Lebens werden ich als trans Frau diskriminiert“, erzählt sie. Immer wieder gibt es in Brasilien Schwierigkeiten damit, dass trans Menschen die Toiletten benutzen können, die sie möchten. Außerdem ist es für trans Personen noch immer mit hohen Hürden verbunden, ihren Namen zu ändern. „Nicht mal unsere Grundrechte werden uns garantiert“, sagt dazu Robeyoncé Lima.

Unter der Regierung Bolsonaro nehmen Hass und Homophobie zu

In den vergangenen Jahren habe sich die Lage weiter verschlechtert meint die Lima; die Regierung von Jair Bolsonaro* habe besonders viel Hass gegen queere Menschen gesät. Erst Anfang dieses Jahres behauptete er beispielsweise, dass die traditionelle Familie auf Vater, Mutter und Kind „heilig“ sei und dass queere Menschen in die Hölle kommen. Vor einiger Zeit hatte er gesagt, er wolle lieber einen toten als einen schwulen Sohn.

„Solche Aussagen von einem Präsidenten rufen noch mehr Gewalt gegen unsere Gemeinschaft hervor“, sagt Lima. Immer mehr queere Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, würden darum regelmäßig bedroht. Bekannt wurde der unter anderem Fall des Politikers Jean Wyllys, aufgrund der gefährlichen Lage in Brasilien verließ er das Land und lebt seit 2019 in Berlin. Lima nennt aber auch das Beispiel der lesbischen Stadträtin Marielle Franco, die 2018 in Rio de Janeiro ermordet wurde.

Brasilien: Queere Parlamentarierin will weiter kämpfen

Auch oder gerade, weil die Situation für queere Menschen so schwierig ist, will sich Lima weiter politisch einbringen. „Queere Menschen sind sehr unterrepräsentiert in unseren Parlamenten“, erklärt sie. Während rund zehn Prozent der brasilianischen Bevölkerung zu der LBGT+-Community gehören, sitzen vor allem im Bundesparlament nur sehr wenige queere Menschen.

Das führe auch dazu, dass viele Gesetzesinitiativen scheiterten, ist Lima überzeugt. „In Bezug auf die Rechte von queeren Menschen gibt es gerade auf gesetzlicher Ebene gar keine Fortschritte“, meint sie. „Die einzigen Verbesserungen, die wir erreichen, sind die, die wir vor Gerichten erstreiten.

Brasilien: Die Rolle der evangelikalen Kirchen

Eine besonders gewaltvolle Rhetorik gegenüber queeren Menschen legen oft die evangelikalen Kirchen in Brasilien an den Tag. Sie werden nicht müde, zu betonen, dass Homosexualität eine Sünde ist. Auch verweisen sie immer wieder auf klassische Rollenbilder für Männer und Frauen und verurteilen Abtreibungen.

Weil die evangelikalen Kirchen in Brasilien zunehmend an Macht und Einfluss gewinnen*, erreichen ihre ultra-konservativen Weltbilder auch immer mehr Menschen.

Gewalt gegen Frauen: Ein großes Problem in Brasilien

Während in Brasilien sowieso schon jede vierte Frau innerhalb eines Jahres irgendeine Form von verbaler oder körperlicher Gewalt erleidet, ist die Zahl bei trans Frauen noch höher: Drei von vier von ihnen litten im vergangenen Jahr unter Gewalt. Die Lebenserwartung einer trans Frau ist mit 35 Jahren bloß halb so groß wie die anderer Frauen in dem lateinamerikanischen Land. All das möchte die linke Politikerin Lima gerne ändern.

Im Parlament des Bundestaats Pernambuco konnte sie auch schon erste Erfolge erzielen. So erkennt der Bundestaat nun beispielsweise gleichgeschlechtliche Paare bei der Vergabe von Sozialwohnungen ebenfalls als Lebensgemeinschaften an. Andere Projekte konnte sie noch nicht realisieren: „Immer wieder werden queere Menschen von ihren Familien aus ihrem Zuhause geschmissen“, sagt Lima. „Darum versuchen wir schon lange Schutzhäuser speziell für queere Menschen einzurichten“. Das hat bisher aber noch nicht geklappt.

Auch Lima selbst erlebt immer wieder Anfeindungen: „Unsere Gesellschaft ist so transphob und frauenfeindlich“, sagt sie. „Auch in meiner politischen Arbeit spüre ich das beinahe jeden Tag“.

Trotz alldem zeigt sich Lima zuversichtlich. „Wir dürfen nicht aufgeben“, sagt sie. „Ich bin mir sicher, dass im Jahr 2022 die Chance besteht, dass sich das alles für uns zum Besseren wendet.“ Was dafür geschehen müsse, fügt sie auch gleich hinzu: Bei den Präsidentschaftswahlen Ende des Jahres müsse Bolsonaro abgewählt werden und mehr queere Menschen sollten sich in die Politik einbringen. „Dann bewegen wir uns vielleicht wieder zurück in Richtung Demokratie“, sagt sie.

Lisa Kuner

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