„Befreiung für Deutschland“

ARD-Kommentator rechnete mit Seehofer ab - jetzt rechtfertigt er sich: „Vielleicht würde ich ...“

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Kai Gniffke rechnet beim ARD mit Horst Seehofer ab.

ARD-Mann Kai Gniffke hat in den Tagesthemen mit Innenminister Horst Seehofer abgerechnet. Die Kritik war enorm. Nun rechtfertigt er sich.

Update 12. Oktober 2018:

Am Montag überraschte der Ministerpräsident alle mit einer ungewöhnlichen Aktion und trotzt den Rücktritts-Gerüchten.

Update 6. Juli 2018:

Er hatte Seehofers Rücktritt in den Tagesthemen kommentiert, obwohl der noch gar nichts verkündet hatte. Nun rechtfertigt sich NDR-Mann Kai Gniffke für seinen ARD-Auftritt in der Zeit. „Nicht selten, wenn ich etwas öffentlich mache, gibt es einen Shitstorm. Menschen sollen sich reiben können an einem Kommentar, dafür ist er da. Widerspruch ist auch eine erwünschte Folge“, sagt er der Zeitung.

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Und weiter: „Es gibt ja zwei Ebenen der Kritik. Es gibt diejenigen, die pro Seehofer sind und sich inhaltlich aufregen. Dann gibt es diejenigen, die kritisieren, ich hätte einen Rücktritt kommentiert, der gar nicht stattgefunden hat. Was in meinen Augen nicht der Fall war. Zu dem Zeitpunkt war bestätigt, dass Seehofer seinen Rücktritt von allen Ämtern – als Bundesinnenminister und als Parteivorsitzender – angeboten hat.“ Wenn Leute sagen würden, er hätte einen Rücktritt kommentiert, sage er: „Ich habe die Entwicklung des Abends kommentiert.“

ARD-Kommentator Gniffke: „Vielleicht würde ich noch einen Satz dazusagen“

Eines stellt er auch klar: „Das war weder eine Abrechnung noch Hate-Speech. Dass sich Menschen aufregen, hat mit dem Thema (Anm. d. R.: „Asyl“) zu tun.“

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Würde der Chefredakteur von ARD-aktuell es wieder genauso machen? „Ja, vielleicht würde ich noch einen Satz dazusagen, gemäß: ‚Da ist noch nichts sicher, aber wenn ...‘ Und dann würde ich genau den Text wieder wählen. Wir haben in der Sendung immer wieder darauf hingewiesen, dass noch nichts feststeht. Das ist vielleicht die Lehre, die ich daraus ziehe: Bei so einem Thema, bei dem ich weiß, dass die Emotionen hochgehen werden, muss ich noch stärker berücksichtigen, dass der Konjunktiv überhört werden kann.“

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Der Original-Text vom 3. Juli 2018

München - Sonntagabend, 2. Juli, gegen 22:45 Uhr: Die CSU-Vorstände tagen in München, als die große Überraschung inoffiziell nach außen dringt: Innenminister und CSU-Vorsitzender Horst Seehofer will von seinen Ämtern zurücktreten. Noch ist es nicht offiziell bestätigt, da strahlt die ARD in den Tagesthemen um ca. 23.00 Uhr schon einen Kommentar von Kai Gniffke aus, der sich gewaschen hat. Der Kommentator rechnet mit Horst Seehofer aufs Schärfste ab.

Seehofer und Söder machen „Politik nach ihrem persönlichen Hormonhaushalt“

Gniffke bezeichnet den Rücktritt Horst Seehofers als „Befreiung für Deutschland“. Er hebt jedoch auch Seehofers große Verdienste als Minister und Landesvater hervor und hätte dem CSU-Politiker einen besseren Abgang gewünscht. Jedoch müsse die CSU akzeptieren, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel „mehr rausgehandelt hat, als alle erwartet hatten.“

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Gniffke kritisiert die CSU, dass diese hätte erkennen müssen, dass es nicht schlau sei, sich nach der Einigung in Brüssel mit Österreich, Italien und allen anderen EU-Ländern mit Merkel anzulegen und sie mit einem nationalen Alleingang zu brüskieren. Griffke ist völlig schleierhaft, warum die CSU nicht die Gunst der Stunde nutzte und stolz darauf verwiesen hat, dass der Druck aus München den Erfolg aus Brüssel ermöglichte. Stattdessen machen Seehofer und Söder „Politik nach ihrem persönlichen Hormonhaushalt.“

ARD-Mann Gniffke hofft auf ein „Ende der bajuwarischen Profilneurosen“ 

ARD-Kommentator Kai Gniffke forderte, dass jemand den Herren erkläre, dass man „mit dem Schicksal der viertgrößten Volkswirtschaft der Erde nicht Fußball spielen kann“. Den Markus Söder halte Gniffke „ja für klug“, stellte jedoch auch fest, dass dieser „noch keine Wahl gewonnen“ habe. Deshalb müsse er doch sehen, dass „er mit seinem Verbalradikalismus auf dem besten Wege ist, die Landtagswahl in Bayern zu vergeigen.“ Angesichts seines überschaubaren Beliebtheitsgrades in der eigenen Partei wünsche er ihm danach jedoch „viel Glück“.

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Gniffke hofft, dass die Union und Deutschland nun wieder zur Besinnung komme. Das Thema „Flüchtlinge“ sei zweifellos wichtig, doch unser Land habe ein paar Aufgaben mehr zu erledigen. Was er nun erwarte, sei eine handlungsfähige Regierung und ein Ende der bajuwarischen Profileneurosen. Nach dem gestrigen Tag werde das jedoch ein Kraftakt.

Asylstreit - Horst Seehofer und Angela Merkel.

Die Reaktionen im Netz zum Kommentar von Kai Gniffke fallen sehr kontrovers aus. Seehofer wird hart kritisiert, bekommt aber auch Unterstützung. Für seine Partei sieht es weniger gut aus. Viele Kommentare handeln von der Auflösung der Koalition mit der CDU und einem „absurden Theater der CSU“. Auch die ARD und Kommentator Kai Gniffke werden im Netz hart kritisiert. Sie bekommen jedoch auch Zuspruch.

ARD-Tagesthemen-Kommentar: So reagiert das Netz auf die Abrechnung

Ein User bezeichnet den Kommentar von Gniffke sogar als „geistigen Dünnpfiff“. Ein anderer bezeichnet den Kommentar als „hochnäsig, arrogant und meinungsdiktaktorisch“.

Die WDR-Journalistin Damla Hekimoğlu zeigt sich belustigt vom ARD-Kommentator:

Zu der CSU hat Katharina Schulze, bayerische Abgeordnete der Grünen, eine klare Meinung. Sie spricht von einem absurdem Theater. „Alle sagen irgendwas und es gibt keine klare Kommunikation. Chaostruppe.“

Ein User vergleicht die Zukunft Deutschlands sogar mit der Videospiel-Reihe „Fallout“. „Postapokalyptische Zustände, die Welt wird nicht mehr sein, wie sie einmal war.“

Noch-Innenminister Horst Seehofer wird auch kritisiert. Eine Userin beschreibt die derzeitige Situation Seehofers mit dem bekannten Gedankenexperiment von Erwin Schrödinger: „Schrödingers Seehofer...im Moment ist er gleichzeitig zurückgetreten und nicht zurückgetreten.“

Es gibt auf Twitter auch Lob zum Kommentar von Kai Gniffke:

Was sagt Kai-Gniffke selbst dazu?

Auf Merkur-Nachfrage sah Gniffke am Montag keine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht. Seehofer habe seinen Rücktritt eben angeboten. „Insofern war es journalistisch mindestens gerechtfertig, dieses Rücktrittsangebot zu kommentieren“. Außerdem habe er im ersten Satz seines Beitrags wörtlich gesagt, der Rücktritt Horst Seehofers „wäre“ eine Befreiung für Deutschland: „Da sein Rücktrittsangebot nach wie vor im Raum steht, halten wir diese Kommentierung auch im Nachhinein für gerechtfertigt“, sagte er vor Seehofers Rücktritt vom Rücktritt.

Auch die Auffassung, die Kommentierung eines solchen Ereignisses durch den Chef einer Nachrichtensendung nähre den Vorwurf der Parteilichkeit, teilt Gniffke nicht: „Der Chefredakteur ist der journalistische und organisatorische Leiter des Hauses. Warum sollte sich gerade der erste Journalist einer Redaktion bestimmter journalistischer Darstellungsformen enthalten?“

Wie reagiert die ARD auf den Tagesthemen-Kommentar?

Die ARD sprang Gniffke am Montag bei. Die Meldung vom Sonntagabend, wonach Seehofer zurücktrete, sei keine Falschmeldung gewesen, sondern zu diesem Zeitpunkt zutreffend, schrieb der Leiter der erst vor einem Jahr gegründeten Redaktion „Faktenfinder“, Patrick Gensing: „Der CSU-Chef hatte dies angekündigt, wie er später selbst bestätigte.“

Die Reaktionen aus der Presselandschaft ließen nicht auf sich warten

Mit seinen „unsäglichen“ Worten habe Gniffke dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk „den Boden unter den Füßen weggezogen“, so die „FAZ“ unter der Überschrift „Verrückter Hormonhaushalt in der ARD“. Grund hierfür sei die Parteilichkeit der Berichterstatter. Ein Gniffke oder eine (Tina, Red.) Hassel wüssten nichts anderes mehr zu verlautbaren als ihr „Tremolo vom ,Merkel muss bleiben‘“. Sie hätten dabei sogar ihre journalistische Neugier verloren, „stattdessen kolportieren sie lieber ihren eigenen Irrsinn“.

Von einer „journalistischen Kernschmelze“ sprach der „Cicero“ und konstatierte, der „Tagesthemen“-Kommentar habe „auf Desinformation beruht“ und sogar „die Grenze zur Hassrede touchiert“. „Focus“-Journalist Marc Etzold schließlich diagnostizierte via Twitter „ein völliges Versagen von Journalismus“.

Neue Meldung vom 20. August

Kritik an der aktuellen Berichterstattung musste nun die Tagesschau erfahren. Der Chefredakteur erklärt deshalb, warum über die Messerattacke in Offenburg nicht berichtet wurde.

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