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Plagiatsjäger erhebt schwere Vorwürfe gegen Baerbock - Grüne sprechen von „Rufmord“

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Von: Fabian Müller

Ein Plagiatsgutachter wirft der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock vor, in ihrem Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ mehrere Passagen abgeschrieben zu haben.

Update vom 29. Juni, 16.42 Uhr: Die Grünen haben nun die Vorwürfe des Plagiatsjägers Stefan Weber scharf zurückgewiesen. Ein Parteisprecher sagte: „Das ist der Versuch von Rufmord.“ Weber versuche, „bösartig“ Baerbocks Ruf zu schädigen. Weber hatte sich bereits seit Mai auch mit Ungenauigkeiten im Lebenslauf Baerbocks befasst. „Bei den beschriebenen Passagen handelt es sich um allgemein zugängliche Fakten oder bekannte Grüne Positionen“, erklärte der Sprecher der Grünen. Baerbock habe den auf Medienrecht spezialisierten Rechtsanwalt Christian Schertz eingeschaltet.

Der bekannte Rechtsexperte Schertz erklärte in einer Stellungnahme: „Ich kann nicht im Ansatz eine Urheberrechtsverletzung erkennen, da es sich bei den wenigen in Bezug genommenen Passagen um nichts anderes handelt, als um die Wiedergabe allgemein bekannter Fakten sowie politischer Ansichten.“

Auch der Ullstein-Verlag, bei dem das Buch erschienen war, verwahrte sich gegen die Vorwürfe. „Das Manuskript von Annalena Baerbocks Buch ist im Verlag sorgfältig lektoriert worden“, so der Verlag in einer Stellungnahme. „Wir können keine Urheberrechtsverletzung erkennen.“ Auch aus anderen Bundestagsparteien kamen am Dienstag beschwichtigende Worte zum Eklat um Baerbock.

Annalena Baerbock: Schwere Plagiatsvorwürfe – Hat Grünen-Kandidatin bei ihrem Buch abgeschrieben?

Erstmeldung vom 29. Juni: München - Sollten die schweren Vorwürfe stimmen, wären die politischen Folgen kaum abzusehen. Der Plagiatsgutachter Stefan Weber will im am 21. Juni 2021 erschienenen Buch der Grünen*-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock* „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ gleich an mehreren Stellen schwere handwerkliche Fehler gefunden haben. Das schreibt Weber auf seiner Internetseite. Zuerst berichtete Focus Online.

Merkur.de hat einige der entsprechenden Originalquellen geprüft und kann die Übernahme einzelner Passagen bestätigen. Auf Seite 79 ihres Buches schrieb Baerbock beispielsweise:

Der Klimawandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen aus, etwa durch den extremwetterbedingten Ausfall von Zulieferern, durch Schäden an Straßen, Schienen und Gebäuden oder durch Rohstoffknappheit. Zwischen 2000 und 2019 beliefen sich die Gesamtschäden aus klimawandelbedingten Extremwetterereignissen weltweit auf 2,56 Billionen US-Dollar.  

Annalena Baerbock in „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“

Wie Weber schreibt, stammen diese Zeilen aber ursprünglich aus dem Blog „Klimawandel - Challenge Accepted“ des Verbands der Wirtschaft für Emissionshandel und Klimaschutz. Ein Teil der Textstelle wurde aus einem Eintrag vom 27. Januar 2021 fast wortwörtlich übernommen.

Der Klimawandel wirkt sich auf die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen aus: Sei es durch den extremwetterbedingten Ausfall von Zulieferern, Schäden an Verkehrsinfrastrukturen oder Gebäuden oder Änderungen der Beschaffenheit oder Verfügbarkeit von Rohstoffen. (...) Zwischen 2000 und 2019 beliefen sich die Gesamtschäden aus klimawandelbedingten Extremwetterereignissen (11.000 Ereignisse registriert) auf 2.560 Mrd. US-Dollar.

Blog „Klimawandel - Challenge Accepted“

Schwere Vorwürfe gegen Annalena Baerbock: Hat die Grünen-Politikerin abgeschrieben?

An anderer Stelle, auf Seite 174, schreibt Baerbock:

Insgesamt zehn Staaten traten an diesem Tag der Europäischen Union bei: die baltischen Staaten und ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen, außerdem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die frühere jugoslawische Teilrepublik Slowenien sowie die beiden Mittelmeerstaaten Malta und Zypern. Die EU wuchs von 15 auf 25 Mitglieder – und begrüßte damit rund 75 Millionen neue Unionsbürger*innen. 

Annalena Baerbock in „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“

Fast deckungsgleich ein Absatz auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung aus einem Artikel vom 30. April 2019:

Insgesamt zehn Staaten traten an diesem Tag der Europäischen Union bei: die baltischen Staaten und ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen, außerdem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die frühere jugoslawische Teilrepublik Slowenien sowie die beiden Mittelmeerstaaten Malta und Zypern. Die EU wuchs von 15 auf 25 Mitglieder – und begrüßte damit rund 75 Millionen neue Unionsbürgerinnen und – bürger.

Bundeszentrale für politische Bildung

Weber zitiert zahlreiche weitere Passagen, unter anderem soll Baerbock von Wikipedia, dem Nachrichtenmagazin Spiegel und aus dem Parteiprogramm der Grünen abgekupfert haben. Der Plagiatsgutachter schreibt auf seiner Website auch, es sei klar, dass ein Sachbuch keine Dissertation sei und im gesamten Buch „überhaupt keine Quellen angegeben“ werden. Dennoch sei das keine Legitimation für „schwerwiegende Textplagiate“. Diese seien ethisch nicht korrekt und wurden auch bereits mehrfach zurecht bemängelt, so Weber.

Baerbock selbst schweigt bislang zu den Vorwürfen. Ob die Grünen-Politikerin selbst oder der Mitarbeiter, der an der Produktion des Buches beteiligt war, plagiiert hat, ist unklar. (fmü) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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