„Viele Westdeutsche verstehen schwer ...“

Klare Ansage: Ungewöhnliches Merkel-Interview zu Mauerfall

In einem Interview zum Mauerfall spricht Angela Merkel als Ostdeutsche - auch zum wachsenden Zuspruch für die AfD äußert sich die Kanzlerin. Und richtet einen Appell an die Bürger.

  • 30 Jahre Mauerfall: Angela Merkel gibt dem Spiegel ein ausführliches Interview.
  • Die Kanzlerin äußert sich zu „DDR-Romantik“: „Auch in einer Diktatur gibt es gelungenes Leben“.
  • Zum Thema AfD-Aufschwung hält sie sich bedeckt - geht jedoch auf Distanz zu den Linken.

Berlin - Am 9. November jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Anlässlich des Jubiläums hat Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Spiegel ein ausführliches Interview gegeben. Darin spricht Deutschlands Regierungschefin neben ihrer eigenen Situation vor der Wende auch die Beziehungen zwischen West- und Ostdeutschland im Jahre 2019 an - und die Wahlerfolge der AfD. 

Angela Merkel: „In der DDR war bei weitem nicht alles schlecht“

Das Leben in der früheren DDR sei weitem nicht nur schlecht gewesen, macht Merkel in dem Gespräch deutlich. Die Kanzlerin spricht auch den Argwohn an, mit dem viele westdeutsche Bürger dem Ostteil der Republik gegenüberstehen: „Grundsätzlich gibt es beim Blick auf die DDR eines, was viele Westdeutsche so schwer verstehen: dass es auch in einer Diktatur gelungenes Leben geben konnte. Dass wir also Freunde und Familien hatten, mit denen wir trotz des Staates Geburtstage und Weihnachten feierten oder Traurigkeit teilten, natürlich immer in einer gewissen Wachsamkeit vor dem Staat.“

Auf die Frage, was aus ihr geworden wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre, erläutert Merkel ihren einstigen „Traum“: "In der DDR gingen die Frauen mit 60 in Rente, ich hätte mir also schon vor fünf Jahren meinen Reisepass abgeholt und wäre nach Amerika gereist." 

Befragt zum Aufschwung der Alternative für Deutschland- speziell im Osten der Republik - äußert sich die Kanzlerin diplomatisch: "Wir leben in Freiheit, die Menschen können sich entsprechend äußern und wählen." „Enttäuscht“ sei sie über das Wahlverhalten der Ostdeutschen nicht, erklärt Merkel - und verweist darauf, dass sie mit ihrer Arbeit schließlich allen Menschen in Deutschland zu dienen habe.

AfD-Aufschwung in Ostdeutschland: Merkels Appell im Wortlaut

Merkel appelliert jedoch an die Bürger in Bundesländern wie Thüringen, wo die AfD jüngst bei der Landtagswahl 2019 einen großen Erfolg feierte: „Man muss klar sagen: Auch wenn man mit dem öffentlichen Nahverkehr, der ärztlichen Versorgung, dem staatlichen Handeln insgesamt oder dem eigenen Leben nicht zufrieden ist, folgt daraus kein Recht auf Hass und Verachtung für andere Menschen oder gar Gewalt. Gegenüber solchem Verhalten kann es keine Toleranz geben.“

Die Meinungsfreiheit dürfe nicht gefährdet werden, betont Merkel: So müsse zum Beispiel AfD-Gründer Bernd Lucke eine Vorlesung an der Universität Hamburg halten können, was „der Staat notfalls auch durchsetzen“ soll. Aber: „Man muss damit rechnen, Gegenwind und gepfefferte Gegenargumente zu bekommen. Meinungsfreiheit schließt Widerspruchsfreiheit ein. Ich ermuntere jeden, seine oder ihre Meinung zu sagen, Nachfragen muss man dann aber auch aushalten“, appelliert die Bundeskanzlerin an das deutsche Volk.

Mit Blick auf die Linke macht Merkel eine klaren Ansage: Eine Koalition zwischen der CDU und der Nachfolge-Partei der früheren SED hält die Unionspolitikerin nicht für möglich: „Eine ehrliche Aufarbeitung ihrer Geschichte in der DDR hat die Linke bis heute nicht geliefert, gleichzeitig ist sie programmatisch Welten von dem entfernt, wofür die CDU steht. Deshalb gibt es ja eine Beschlusslage, wonach die CDU mit der Linkspartei nicht zusammenarbeitet.“, sagt Merkel mit Blick auf mögliche Koalitionsverhandlungen in Thüringen.

Merkel war zuletzt auch in der internationalen Presse schwer in die Kritik geraten. Streit könnte auch mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer drohen. Es geht um Huawei und China. Bei Markus Lanz schoss Oskar Lafontaine wegen ihrer DDR-Vergangenheit gegen Angela Merkel. Der ZDF-Moderator wurde daraufhin parteiisch - und verteidigte die Bundeskanzlerin.

PF

Rubriklistenbild: © dpa / Michael Kappeler

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