Blutbad und Tote: Steht Libyen vor Bürgerkrieg?

Kairo - Die Unruhen in Libyen weiten sich aus. Bei Protesten in der Hauptstadt Tripolis sollen in der Nacht und am Montag über zahlreiche Menschen getötet worden sein.

Libyen steht offenbar kurz vor einem Bürgerkrieg: Am Montag haben sich die tagelangen gewaltsamen Massenproteste gegen den langjährigen Staatschef Muammar al Gaddafi auf die Hauptstadt Tripolis ausgeweitet.

Gebäude des Olympischen Komitees angezündet

Libysche Medien meldeten am Montag unter Berufung auf Augenzeugen, Aufständische hätten das Gebäudes des Olympischen Komitees in Tripolis angezündet. Das Komitee wird von Mohammed al-Gaddafi, einem Sohn des Staatschefs Muammar al-Gaddafi geleitet. Oppositionelle behaupteten, auch in mehreren Städten des Südens hätten sich Bürger der “Revolution gegen den Tyrannen Gaddafi“ angeschlossen.

Die zweitgrößte Stadt des Landes, die Hafenstadt Bengasi, scheint unterdessen in der Hand der Protestbewegung zu sein. Die Demonstranten setzten Regierungsgebäude und Polizeireviere in Brand und brachten das Sicherheitshauptquartier der Stadt, die Katiba, unter ihre Kontrolle. Auf dem Gerichtsgebäude der Stadt wurde Augenzeugen zufolge die Fahne der alten Monarchie gehisst. Teile der Sicherheitskräfte sollen sich der Protestbewegung angeschlossen haben.

Gewaltsame Proteste in Libyen

Blutige Proteste in Libyen

Anwohner befürchten eine weitere Eskalation der Gewalt, nachdem sich Regierungsgegner und -anhänger bewaffnet haben. Augenzeugen berichten von geplünderten Waffengeschäften und Arsenalen der Polizei. Angesichts der blutigen Unruhen wandte sich Gaddafis Sohn, Seif al-Islam, in der Nacht zum Montag erstmals an die Öffentlichkeit: In einer 40-minütigen, teilweise unzusammenhängenden Ansprache im Staatsfernsehen versprach er “historische“ Reformen, drohte aber zugleich damit, sein Vater werde “bis zum letzten Mann“ kämpfen.

Der Ölreichtum des Landes stehe auf dem Spiel, sagte er. Das Regime sei bereit, einige Restriktionen aufzuheben und eine Diskussion über die Verfassung zu beginnen. Er bot Veränderungen an einer Reihe von Gesetzen an, darunter die Medien- und die Strafgesetze.

Gaddafi bestätigte, dass die Demonstranten einige Militärstützpunkte, Panzer und Waffen unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Die Streitkräfte stünden aber weiter hinter seinem Vater, der sich im Land aufhalte. “Wir sind nicht Tunesien und Ägypten“, sagte er mit Blick auf die dortigen Volksaufstände. “Muammar Gaddafi, unser Führer, führt den Kampf in Tripolis und wir sind an seiner Seite. Wir werden bis zum letzten Mann, bis zur letzten Frau, bis zur letzten Kugel kämpfen.“ 

Schwere Auseinandersetzungen in Tripolis

Ferner räumte Gaddafi ein, dass die Streitkräfte während der Proteste gegen die Regierung Fehler gemacht hätten. Grund sei, dass die Soldaten nicht für den Umgang mit Demonstranten ausgebildet seien. Die jüngsten Angaben über mehr als 200 Tote bezeichnete er jedoch als übertrieben und gab die Zahl der Opfer mit 84 an. Während Gaddafi im Fernsehen an das Volk appellierte, kam es Augenzeugen zufolge zu den bisher schwersten Auseinandersetzungen in der Hauptstadt Tripolis. Heckenschützen hätten von den Dächern aus auf Regierungsgegner geschossen. Es habe erneut Opfer gegeben, genauere Angaben lagen nicht vor. 

EU ruft zu Ende der Gewalt auf

Die EU verurteilte das blutige Vorgehen der libyschen Regierung gegen die Protestbewegung und rief zu einem Ende der Gewalt auf. “Die EU fordert die Behörden zu Zurückhaltung und Ruhe auf. Sie sollen sich ab sofort weiterer Gewalt gegen friedliche Demonstranten enthalten“, hieß es in einer am Sonntagabend nach einem informellen Außenministertreffen in Brüssel verbreiteten Erklärung. Die US-Regierung zeigte sich tief besorgt über die blutigen Zusammenstöße in Libyen. Man habe deutliche Kritik am gewaltsamen Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten geäußert, sagte Außenamtssprecher Philip Crowley am Sonntag in Washington. In Gesprächen mit libyschen Regierungsvertretern, darunter Außenminister Musa Kusa, habe Washington “die Bedeutung der Grundrechte betont, darunter die Meinungs- und die Versammlungsfreiheit“.

Siemens zieht Mitarbeiter aus Libyen ab 

Wegen der Unruhen in Libyen zieht der Elektrokonzern Siemens Mitarbeiter aus dem Land ab. Der Konzern organisiere derzeit die Ausreise der ausländischen Mitarbeiter, die in Libyen beschäftigt seien, sagte ein Sprecher am Montag in München. Es handle sich um rund 100 Mitarbeiter. Siemens betreibe in Libyen etwa Umspannungswerke oder Schaltanlagen und erziele in dem Land einen Jahresumsatz von rund 160 Millionen Euro. 

dapd

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