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Afghanistan: Vergessene Bundeswehr-Fluglotsen flüchteten nach Pakistan – getrennt von Frauen und Kindern

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Von: Kathrin Braun

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Nach drei Monaten in Angst sind Deniz Ahmadi (li.) und Mohammad Rasol in Sicherheit. Unsere Reporterin Kathrin Braun hat sie in Pakistan besucht.
Nach drei Monaten in Angst sind Deniz Ahmadi (li.) und Mohammad Rasol in Sicherheit. Unsere Reporterin Kathrin Braun hat sie in Pakistan besucht. © Achim Frank Schmidt

Monatelang waren zwei Männer auf der Flucht. Beide arbeiteten in Afghanistan als Fluglotsen für die Bundeswehr – wurden aber nicht als Ortskräfte anerkannt. Jetzt dürfen sie nach Deutschland kommen.

Rawalpindi – Die Todesangst kam meistens mit dem Motorrad. „Damit waren die Taliban immer unterwegs“, erzählt Mohammad Rasol und zeigt auf ein verrostetes rotes Bike. Rasol steht am Straßenrand in Rawalpindi, einer Millionen-Stadt in Pakistan, nur zwanzig Minuten von der Hauptstadt Islamabad entfernt. Seit einer Woche ist er jetzt hier. „Sie haben auf den Straßen patrouilliert. Vermummt, mit einem Gewehr auf der Schulter.“

Auf dem roten Bike sitzt kein Terrorist, sondern eine vierköpfige pakistanische Familie. Es riecht nach Benzin, Rikscha-Abgase brennen in den Augen. Klappernde Auspuffe und hupende Taxis dröhnen durch den Raja-Basar in Rawalpindi. Neben Rasol steht sein Freund Deniz Ahmadi. „So viel wie hier war in Kabul lange nicht mehr los“, sagt er. In Kabul blieben die Menschen die meiste Zeit daheim, seit die Taliban in Afghanistan an der Macht sind.

Nach Taliban-Machtübernahme in Afghanistan: Die Fluglotsen hielten sich 90 Tage versteckt 

Drei Monate haben sich Rasol, 35, und Ahmadi, 29 (Namen geändert) vor den Taliban versteckt. Die beiden gehören zu den zehn afghanischen Fluglotsen, die zehn Jahre lang für die Bundeswehr im Tower von Masar-iScharif gearbeitet haben. Dort hatte die Bundeswehr ihren Hauptstandort. Bis zum Sommer. Rasol und Ahmadi hielten den Flughafen am Laufen, als die deutschen Truppen abzogen. Sie selbst aber wurden zurückgelassen.

Rasol und Ahmadi laufen über den Raja-Basar, der Pulsader Rawalpindis. In Afghanistan warten sie auf ihre Familien.
Rasol und Ahmadi laufen über den Raja-Basar, der Pulsader Rawalpindis. In Afghanistan warten sie auf ihre Familien. © Achim Frank Schmidt

Marktschreier, gefälschte Rolex-Uhren, frische Granatäpfel. Der Raja-Basar ist die Pulsader Rawalpindis. Rasol und Ahmadi fühlen sich hier nach langer Zeit wieder sicher. An den Trubel haben sie sich noch nicht gewöhnt. Generell an fremde Menschen. Die Fluglotsen quetschen sich durch die Massen. Rasol sieht ein sandfarbenes Kleid, bodenlang, mit goldenen Perlen bestickt. Er greift nach dem seidenen Stoff. „Wenn meine Frau nach Rawalpindi kommt, gehen wir zusammen auf den Basar“, sagt er. „Dann schenke ich ihr das.“ Rasols Frau ist noch in Masar-i-Scharif. Er musste sie zurücklassen. „Sie wollte mich erst nicht gehen lassen.“ Dann hätten die Taliban zwei Männer erschossen – direkt vor dem Fenster ihres Verstecks. „In dem Moment sagte sie zu mir: Verschwinde. So schnell wie möglich.“ 

Eigentlich wollten sie alle gemeinsam fliehen. Rasol, Ahmadi, ihre Frauen und Kinder. Beide haben zwei Söhne, sie sind im gleichen Alter, zwei und vier Jahre alt. Auch die anderen acht Kollegen aus dem Tower und ihre Familien sollten mitkommen. Für alle war klar, dass die Bundeswehr sie mit nach Deutschland nehmen würde, sollte der Einsatz enden. Dann kam die Ernüchterung.

Flucht vor Taliban: Die ehemaligen Ortskräfte kamen mit der „Kabuler Luftbrücke“ nach Pakistan

Das Verteidigungsministerium erkannte sie nicht als Ortskräfte* der Bundeswehr an, weil sie nur einen Werkvertrag und keinen richtigen Arbeitsvertrag hatten. Was folgte, war ein monatelanges Tauziehen. Sogar eine Klage reichten die Fluglotsen mithilfe eines deutschen Anwalts ein. Am 10. November dann die erlösende Nachricht: Sie wurden offiziell als Ortskräfte anerkannt. Aber nur Rasol und Ahmadi konnten das Land bisher verlassen. Sie sind die Einzigen aus ihrer Gruppe, die rechtzeitig Pakistan-Visa ergattern konnten. Für sich, nicht für die Familien. Denn plötzlich bremsten die pakistanischen Behörden die Vergabe an Afghanen. Rasol und Ahmadi haben sich die gleiche Lederjacke gekauft, Rasol trägt T-Shirt und Jeans, beide haben sich den Bart frisch getrimmt.

Noch eine Woche zuvor sind sie mit langen Bärten, Turban und traditioneller Kurta zum Flughafen Kabul gefahren. „Wir haben versucht, wie die Taliban auszusehen“, sagt Mohammad Rasol. Es hat funktioniert. Vor dem Abflug säuberten sie ihre Smartphones. Löschten Fotos, WhatsApp-Verläufe, Kontakte. Alles, was auf ihre Arbeit mit den Deutschen hindeuten könnte. Wenig später saßen sie in einem Flieger, den die deutsche Zivilorganisation „Kabul Luftbrücke“ gechartert hat. Sie landeten mit 146 anderen Geflüchteten in Islamabad. Von dort wurden wurden sie nach Rawalpindi gebracht.

Erst klopfen sie an die Tür, dann stürmen sie mit zehn, zwölf Mann die Wohnung. Sie durchsuchen alles. Vielleicht töten sie dich auch.

Deniz Ahmadi über seine Flucht vor den Taliban

Jetzt ist ihr neues Zuhause ein 15-Quadratmeter-Zimmer mit zwei Einzelbetten. Ihr Hotel liegt in der Nähe des Basars, direkt am Highway. In den Gängen wird geraucht, die Zimmer sind dunkel. „Das reicht uns völlig“, sagt Ahmadi. „Hauptsache, wir sind in Sicherheit.“ Draußen sitzen Familien auf Plastikstühlen und trinken pakistanischen Milchtee. Kinder spielen auf quietschenden Schaukeln und rostigen Rutschen. Alle Hotelgäste sind afghanische Geflüchtete, viele von ihnen sind mit demselben Flugzeug wie Ahmadi und Rasol in Pakistan gelandet. Sie wurden hier untergebracht, nur kurz, für ein paar Tage.

Von Afghanistan über Pakistan nach Deutschland: Rasol und Ahmadi warten auf ihre Familien

Rasol und Ahmadi verabschieden sich immer wieder von Menschen, die voller Vorfreude nach Deutschland fliegen. Sie selbst warten, bis ihre Familien nachkommen. Die Zeit drängt. Rasol und Ahmadi dürfen höchstens 60 Tage in Pakistan bleiben. Wenn ihre Familien dann nicht da sind, müssen sie ohne sie nach Deutschland fliegen – oder sie werden abgeschoben, zurück nach Afghanistan*. Das Dilemma ist groß. Sie wollen nicht ohne ihre Familien nach Deutschland, aber zurück wollen sie auch nicht.

„Wenn sie nicht zusammen einreisen, droht ihnen ein Verfahren zum Familiennachzug“, sagt Axel Steier, Gründer der Hilfsorganisation „Mission Lifeline“, die mit der „Kabul Luftbrücke“ kooperiert. „Dann kann es Jahre dauern, bis die Familien nachkommen.“ Steier hat den Fluglotsen bei der Klage gegen die Bundesregierung geholfen. Der Fall sorgte nach Informationen unserer Zeitung auch im Verteidigungsministerium für Kontroversen. Der politische Druck stieg. Man musste sie anerkennen. „Einer unserer deutschen Kollegen von der Bundeswehr hat uns sofort angerufen, um uns die Neuigkeit mitzuteilen. In dem Moment hat meine Frau vor Erleichterung geweint“, sagt Rasol. „Ich sagte zu ihr: Wir haben es geschafft! Wir haben gewonnen!“

Pakistan: Auf dem Basar turnt ein angeleinter Affe auf seinem Herrchen herum.
Pakistan: Auf dem Basar in Rawalpindi turnt ein angeleinter Affe auf seinem Herrchen herum. © Achim Frank Schmidt

Auf dem Basar turnt ein angeleinter Affe auf seinem Herrchen herum. Ein Zuckerwatteverkäufer schlängelt sich entspannt durch die Rikschas und klopft an Autofenster. An einem Eckstand lockt ein Verkäufer in grauer Kurta mit Taschen. Ahmadi bleibt stehen, lässt sich einen roten Rucksack zeigen. „Wenn meine Familie und ich in Deutschland sind, brauchen wir sicher einen“, sagt er. „Für Ausflüge und Kurzurlaube.“ Früher haben sie so etwas oft gemacht. Es sind die einfachen Dinge, die in den letzten Monaten am meisten gefehlt haben. Restaurantbesuche, Spaziergänge im Park. „Es fühlt sich an wie im Gefängnis, wenn du das Haus nicht verlassen darfst“, meint Ahmadi. „Da gibt es keinen Unterschied.“

Taliban-Herrschaft in Afghanistan: Zusammenarbeit mit Westen – „Dann ist es ihr Recht, dich umzubringen“

Rasol erzählt, er habe in den letzten Monaten kaum schlafen können. Die Taliban kamen meistens nachts. Oft hörte er, wie die Terroristen Nachbarhäuser durchsuchen. Er und seine Familie versteckten sich bei Verwandten. „Unser Nachbar sagte mir mal, dass die Taliban* nach mir gefragt hätten“, sagt Rasol. „Sie haben unsere Daten im Tower gefunden. Sie haben nach uns gesucht.“ Manchmal, ergänzt Ahmadi, hallten Schüsse durch die Nacht. Sein Blick ist starr, wenn er darüber spricht. Zu oft ist das vorgekommen. Man gewöhnt sich an die Flucht. Daran, sich immer wieder ein neues Versteck suchen zu müssen. Vor zwei Monaten fand er für seine Familie eine unauffällige Wohnung über einem Autoreparaturlager.

Doch auch diesen Platz durchkämmten die Taliban. „Die Putzfrau erzählte uns, dass die Leute von der neuen Regierung am nächsten Tag zur Kontrolle kommen.“ Ahmadi weiß, wie solche Kontrollen ablaufen. „Erst klopfen sie an die Tür, dann stürmen sie mit zehn, zwölf Mann die Wohnung.“ Er zuckt mit den Schultern. „Sie durchsuchen alles. Vielleicht töten sie dich auch. Das kommt ganz drauf an, wie die jeweiligen Taliban-Kämpfer ticken.“ Die meisten seien jung, 18 bis 25 Jahre alt. Dazu ungebildet. Und sie alle würden die Scharia, das islamische Recht, unterschiedlich interpretieren.

Nur in einer Sache seien sie sich einig, meint Rasol. „Wenn du mit der Nato, den Amerikanern, den Deutschen, mit welchen Ausländern auch immer, gearbeitet hast, bist du kein Muslim. Dann ist es ihr Recht, dich umzubringen.“ Der Smog über Rawalpindi schimmert orange. Es wird Abend. Am Straßenrand wendet ein Mann mit schwarzen Augen und weißem Papierhut Hähnchenspieße. Der Duft lockt. .

Fluchtroute über Khyber-Pass nach Pakistan: Die Menschen wollen endlich frei sein

Rasol bestellt für sich und Ahmadi ein paar pakistanische Gerichte. Er probiert einen großen Löffel Gehacktes. „Ziegenhirn“, sagt der Kellner. Rasol schiebt den Teller von sich und lacht. „Es tut gut, abends einfach draußen zu sitzen“, sagt er dann. Das hat er schon lange nicht mehr gemacht. „Aber ich vermisse meine Familie. Und unsere Kollegen.“

Nächtliche Straßenszene in der pakistanischen Stadt Rawalpindi. Die ehemaligen Bundeswehr-Fluglotsen sind froh, endlich wieder abends draußen sitzen zu können.
Nächtliche Straßenszene in der pakistanischen Stadt Rawalpindi. Die ehemaligen Bundeswehr-Fluglotsen sind froh, endlich wieder abends draußen sitzen zu können. © Achim Frank Schmidt

Manche überlegen, über den Landweg am Khyber-Pass im Osten Afghanistans nach Pakistan zu fliehen, sollten sie irgendwie an Visa kommen. Der Weg ist nicht ungefährlich. Tausende Menschen drängen sich jeden Tag Richtung Grenze, warten oft nächtelang in der Kälte auf Durchlass. Sie nehmen das auf sich, um endlich frei zu sein. (Kathrin Braun) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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