Längster US-Militäreinsatz

Afghanistan: Biden sträubt sich gegen Vietnam-Vergleich – „Würden Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter schicken?“

Die US-Truppen in Afghanistan werden schneller abgezogen als erwartet. Präsident Biden steht in Kritik. Und stellt eine persönliche Frage.

Washington D.C. – „Ich werde nicht eine weitere Generation von Amerikanern in den Krieg schicken“, sagte US-Präsident Joe Biden am Donnerstag (Ortszeit) im Weißen Haus. Bis zum 31. August sollen die Truppen des US-Militärs aus Afghanistan abgezogen werden. Schneller als geplant. Es ist nach knapp 20 Jahren das Ende des längsten Militäreinsatzes der Vereinigten Staaten – und damit auch das Ende des Nato-Einsatzes. Das geht mit hohen Kosten für das südasiatische Land einher. Die Taliban rücken vor. Trotz wachsender Kritik hält der Demokrat an seinem Entschluss fest. Fragte: „Würden Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter schicken?“, als es um eine mögliche Verlängerung ging.

Inzwischen ist die militant-islamistischen Taliban so stark wie noch nie seit dem Sturz ihres Regimes Ende 2001. Das muss auch Biden einräumen. Eine Machtübernahme durch die Taliban sei „nicht unausweichlich“, sagte er gegenüber den versammelten Journalistinnen und Journalisten. Ursprünglich sollten die Truppen bis zum 11. September 2021 das Land verlassen haben. Zum 20. Jahrestag von 9/11 – Zündschnur für die Invasion Afghanistans. Trotz der instabilen Lage des Landes, vermied der Präsident von einem Scheitern der Mission zu sprechen. Stattdessen verwies er, der Einsatz habe zwei Ziele gehabt: Al-Kaida-Chef Osama bin Laden „zu den Pforten der Hölle zu bringen“ und dem Terrornetzwerk die Fähigkeit zu nehmen, von Afghanistan aus die USA anzugreifen. „Wir haben diese beiden Ziele erreicht“, gab sich Biden überzeugt.

US-Präsident Joe Biden zum Abzug der Truppen aus Afghanistan

Also ein Erfolg? Wohl kaum. Afghanistan zu stabilisieren, Menschenrechte zu verteidigen und eine Demokratie aufzubauen, war über einen langen Zeitraum hinweg eines der Ziele des US-geführten Einsatzes. Das ist nicht gelungen. Der frühere afghanische Präsident Hamid Karsai sagte der regimetreuen chinesischen Global Times am Donnertsag: „Es zeigt sich deutlich, dass die USA gescheitert sind.“ Auf der Pressekonferenz im Weißen Haus fand Biden andere Worte. Die Vereinigten Staaten seien nicht nach Afghanistan gekommen, um eine Nation aufzubauen.

Lindsey Graham, ein mächtiger republikanischer Senator und Trump*-Unterstützer, nannte die Entscheidung des Präsidenten „eine sich anbahnende Katastrophe“. Auf Twitter kommentierte der Konservative: „Präsident Biden versteht nicht, dass sich die Bedingungen in Afghanistan für ein Wiederauftauchen von Al-Kaida und ISIS entwickeln, die das amerikanische Heimatland und unsere Verbündeten direkt bedrohen werden.“

Afghanistan-Einsatz nach 9/11 mit hohen menschlichen Kosten verbunden: Sorge vor Taliban wächst

Im Verlauf des Einsatzes am Hindukusch sind  2448 GIs und mehr als 20.000 Soldaten wurden verletzt. Der „Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan“, kurz UNAMA, zufolge, wurden zwischen 2009 und Ende 2020 rund 17.000 Zivilistinnen und Zivilisten getötet. Erst seit 2009 erhebt UNAMA diese Zahlen. Die Kosten des Krieges liegen bei mehr als zwei Billionen US-Dollar. Die Situation jetzt? Afghanische Sicherheitskräfte verlieren an Boden, die Taliban nehmen immer mehr Distrikte ein.

Das Wall Street Journal berichtete kürzlich über neue Einschätzungen der US-Geheimdienste, wonach die afghanische Regierung sechs bis zwölf Monate nach dem Abzug der US-Truppen stürzen könnte. Dem widersprach US-Präsident Biden bei der Pressekonferenz. Der US-Kommandeur in Afghanistan*, Austin Miller, sagte vergangene Woche US-amerikanischen Medienberichten zufolge: „Bürgerkrieg ist sicherlich ein Weg, den man sich vorstellen kann, wenn es so weitergeht, wie es jetzt läuft.“

Afghanistan: Biden sträubt sich gegen Vietnam-Vergleich – „Würden Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter schicken?“

Ihren wichtigsten Stützpunkt Bagram verließen US-Truppen vergangene Woche in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Ihre afghanischen Verbündeten wurden darüber nicht informiert. Pentagon-Sprecher John Kirby bestätigte, dass bewusst weder die afghanische Regierung noch das Militär vom genauen Zeitpunkt des Abzugs in Kenntnis gesetzt wurden. „Ich kann nicht sagen, wie die Afghanen diese Entscheidung interpretiert haben, aber es war eine Entscheidung, die im besten Interesse der Sicherheit unserer Leute getroffen wurde.“

Im Weißen Haus sträubte sich Biden derweil Parallelen zur US-Niederlage im Vietnam-Krieg zu ziehen. „Die Taliban sind nicht die nordvietnamesische Armee“, sagte er. Vielsagend jedoch, dass der US-Präsident sich überhaupt mit solchen Vergleichen konfrontiert sieht. Seine Sprecherin Jen Psaki sagte am Donnerstag: „Es ist ein 20-jähriger Krieg, der militärisch nicht gewonnen wurde.“ (aka mit Material aus dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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Rubriklistenbild: © Evan Vucci

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