„Zukunftsorte“: Phoenixsee, Kruppgürtel, Bruckhausen

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Blick auf den Phoenixsee in Dortmund-Hörde: Das Areal dieses „Zukunftsortes“ wird am Sommer 2011 bebaut. ▪

Von Achim Lettmann ▪ Dortmund–Gestrüpp, Unkraut, Erdwälle, leer stehende Häuser – Niemandsland in der Stadt. Solche Bereiche gibt es im Ruhrgebiet reichlich und einige wandeln sich von der Industriebrache und der Schmuddelecke zum „Zukunftsort“.

Das sind keine Visionen! In Dortmund, Essen und Duisburg heißen die Projekte Phoenixsee, Kruppgürtel und „Bruckhausen – Park vor der Haustür“. Und seit der Internationalen Bauaustellung Emscher-Park (1989) bedeutet der Strukturwandel auch eine Verbesserung der Wohnqualitäten. Es geht nicht mehr darum, Platz zu schaffen und Wohnungen zu klotzen. Die Frage, wie leben wir im 21. Jahrhundert, schließt eine planerisches Ziel ein, das moderne, ökologische Wohnen umzusetzen. Das Büro Stadtidee (Dortmund), das die „Route der Wohnkultur“ im Kulturhauptstadtjahr entwickelte, stellt auch die „Zukunftsorte“ vor, ob im Internet oder per Busfahrt.

Größtes Projekt ist der Phoenixsee in Dortmund-Hörde. Wo bis 2001 die ehemalige Hermannshütte (später Phoenix) stand, ist ein 1,2 Kilometer langer und 300 Meter breiter Innenstadtsee angelegt worden. Derzeit werden die 24 Hektar geflutet. Im Sommer 2011 startet die Bauphase. Das Gelände ist 98 Hektar groß. Im Bereich Phoenix Ost wird in 900 Wohneinheiten gelebt, in Phoenix West gearbeitet. Das ist der Plan, und Oberbürgermeister Sierau (SPD) ist zuversichtlich: „Wir haben mehr Zuwanderung als Abwanderung.“ Dortmund fühlt sich – zumindestens offiziell – als Boomtown.

Der Stadtteil Hörde, der seit 1928 zu Dortmund gehört, erhält ein neues Gesicht. Die Hörder Burg wird am Hafen liegen. Die Entwicklungsgesellschaft Phoenixsee hat bereits Baugrund verkauft und reserviert. Vom gemeinschaftlichen Wohnprojekt bis zur Seevilla ist alles dabei. Ein „harmonisches Gesamtbild“ wird von der Gesellschaft angestrebt. Die Häuser sollen im „Bauhausstil“ errichtet werden. Also nüchtern, offen und mit klar konturierten Baukörpern. Auf den Seeblick ist viel wert gelegt worden. Die Dächer bleiben flach. Trotzdem kann die Bebauung nicht allen gefallen. Yasemin Utku, Architektin und ehemalige Raumplanerin an der Fachhochschule Dortmund, vermisst „Spielräume“. Die Bebauung sei klein parzelliert, sehr konservativ und traditionell. Spektakulär sei fürs Ruhrgebeit allerdings das Wasser, sagt auch Yasemin Utku. Für Helmut Herter von der Emschergenossenschaft ist das Projekt Phoenixsee eine Zeitenwende. Nachdem die Bruch- und Moorlandschaft der Emscher ab 1840 industriell überbaut und der Fluss in einer 2,50 Meter breiten Röhre (Hoeschkanal) unter der Erde verschwand, soll nun an die Ursprünge dieser Landschaft angeknüpft werden. „Im Zuge des Strukturwandels kommt Natur und Wasser zurück. Und der Mensch fängt wieder an zu wohnen“, sagt Herter.

Am Essener Kruppgürtel wird es noch etwas dauern mit dem Wohnen. Seitdem der Konzern ThyssenKrupp 2006 entschieden hatte, mit seiner Zentrale wieder nach Essen zu gehen, wird ein innerstädtisches Areal von 250 Hektar entwickelt. Neben dem ThyssenKrupp Quartier und dem Krupp Park wird in Essen-Altendorf der Niederfeldsee angelegt. In der alten Arbeitersiedlung an der Rüselstraße soll ein ganzer Wohnblock aus den 20er Jahren abgerissen werden. 180 kleine Einheiten verschwinden, weil sie nicht mehr vermietet werden können. Essen hat wie viele Ruhrgebietsstädte mit Leerstand zu kämpfen. In Altendorf sollen ab 2015 an gleicher Stelle 60 neue Wohnungen vor allem für Familien entstehen. Die Allbau AG, die die alten Wohneinheiten besitzt, will hocheffiziente neue schaffen. Der Umbau im Siedlungsbestand ist ein Thema, das nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in vielen Städten auf der Tagesordnung steht.

Über den 2,2 Hektar großen See ist eine Brücke geplant. Dieser Fahrrad- und Fußweg wird auf dem ehemaligen Schienenweg der Rheinischen Bahntrasse die Stadt Essen über Mülheim und Duisburg mit dem Rhein verbinden. Das Ruhrgebiet lässt sich zunehmend mit dem Fahrrad erschließen und soll auch für Touristen attraktiver werden.

In Duisburg-Bruckhausen soll der „Zukunftsort“ vor allem den Bewohnern des Stadtviertels zu gute kommen. Zwischen Heinrich- und Edithstraße sollen ganze Häuserblocks zum Stahlwerk ThyssenKrupp hin abgebrochen werden. Der Hochofen ist seit den Schimanski-Folgen der ARD-„Tatort“-Reihe bundesweit bekannt. Wer die Dieselstraße herunterläuft, hat die Hüttensilhouette im Blick. In der Abrisszone stehen bereits 40 Prozent der Wohnungen leer. Die Stadt hatte über eine längere Zeit gemeinsam mit den Eigentümern versucht, die Wohnqualität zu verbessern. „Aber mit dem Blick auf den Hochofen will keiner mehr leben“, sagt Edeltraut Klabuhn, die Quartiersmanagerin aus dem Stadtteilbüro. 194 Umzüge sind bisher geplant. Bis auf drei bleiben alle im Viertel. Insgesamt müssen 1400 Menschen umziehen.

Die Eigentümer an der Kaiser-Wilhelm-Straße können den Gutachter selbst bestimmen, der ihre Häuser taxiert. Dann kauft die Stadt die Immobilien. 71 Millionen Euro stehen zur Verfügung. 50 Prozent hat ThyssenKrupp Steel gegeben. Auch an soziale Projekte ist gedacht. Die ersten Häuser sind bereits weggerissen. Bis 2017 soll hier eine bis zu sieben Meter hohe Hügellandschaft entstehen, die Bruckhausen vom Stahlwerk trennt. Zwei Hektar Wald sollen gesetzt werden. Ideen aus der Bevölkerung wurden aufgenommen. Und es muss in Bruckhausen schöner werden. 90 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. „Wir brauchen mehr Deutsche im Stadtteil“, ist die Meinung der Familie Kara, die seit 30 Jahre hier lebt und auf den „Zukunftsort“ setzt.

Zukunftsorte

Wie lässt sich zukünftiges Wohnen vermitteln?

Das Büro Stadtidee wird vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung unterstützt: http://www.nationale-

stadtentwicklungpolitik.de

Für MP3-Player und Mobiltelefone stehen Audioguides zur Verfügung:

http://www.zukunftsorte.de

Außerdem lassen sich Bustouren mit bis zu 20 Personen arrangieren. Gebucht wird über Tel. 0231 / 22054 58 und E-Mail info@stadtidee.de

Quelle: wa.de

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