Zechenzeichen am Himmel im Ruhrgebiet

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Torsten Thies (von links), Prof. Dr. Oliver Scheytt und Markus Sieverding nahmen die letzte der 1500 Gasflaschen freudig in Empfang. ▪

KREFELD/HAMM ▪ Martin Plaszyk dreht das Ventil einer blauen Gasflasche zu, die an einem Rohrsystem angeschlossen ist. Anschließend legt er einen Hebel um und das Helium entweicht mit einem lauten „Pfff“ in die große Halle. Da jetzt der Druck von den Leitungen genommen ist, kann er die Flasche vorsichtig von ihrem Anschluss entfernen, das Ventil mit einem Sicherheitskabel festschnallen und ihr ein Vollgutsiegel umhängen. Von Isabelle Strohkamp

Damit ist es geschafft, die letzte der 1500 Gasflaschen für die SchachtZeichen ist mit 9,1 Kubikmetern des geruchslosen Edelgases befüllt. Plaszyk hat extra für diesen finalen Moment seinen Urlaub unterbrochen, denn er steht wie zahlreiche andere voll hinter dem Projekt der Ruhr.2010: Ende Mai sollen neun Tage lang rund 350 gelbe Ballone über ehemaligen Zechen und Bergwerken im Ruhrgebiet schweben.

Plaszyks Arbeitgeber Air Liquide übernahm im Dezember 2009 die Rolle als Hauptsponsor bei diesem Kulturhauptstadtprojekt. „Da mitzumachen war für uns ganz klar. Denn erstens fühlen wir uns im Ruhrgebiet zuhause und zweitens ist das Projekt sehr nah mit unserem Gebiet verbunden“, erklärt der Vorsitzende der Geschäftsführung der Air Liquide Deutschland GmbH, Markus Sieverding. SchachtZeichen ist eines der größten Projekte, vergleichbar mit „Still-Leben Ruhrschnellweg“, bei dem die Autobahn 40 für sechs Stunden gesperrt wird und 20 000 Tische aufgebaut werden.

Das Unternehmen Air Liquide beschäftigt gut 42 000 Mitarbeiter weltweit, davon rund 4000 in Deutschland. Im Ruhrgebiet ist es mit Niederlassungen in Marl, Oberhausen, Duisburg und Dortmund vertreten und bezeichnet sich selbst als Weltmarktführer bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz. Dabei werden vor allem Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Edelgase verarbeitet und abgefüllt, wie eben auch das Helium, das in diesem Fall für den Auftrieb der 350 Ballone sorgen soll.

Bereits seit zwei Wochen werden 1500 leicht bedienbare Smarttop-Gasflaschen auf 350 Standorte des Projekts verteilt. Diese spezielle Form der Flasche wählten die Verantwortlichen von Air Liquide, um größtmögliche Sicherheit zu bieten: Auch wenn sie umstürzt, wird das Ventil nicht beschädigt.

Ein Pkw-Anhänger wird mit jeweils vier Flaschen bestückt. Über eine Seilwinde wird der Ballon später daran befestigt. Vom 22. bis 30. Mai sollen dann rund 1500 Volunteers im Einsatz sein und das gelbe Rund mit 3,70 Meter Durchmesser im Auge behalten. An einem dieser Standorte wird auch Julia Hafer stehen. Die gelernte Eventmanagerin kommt ursprünglich aus Hamm und würde dort auch gern eines der bislang neun geplanten SchachtZeichen betreuen. „Mit diesem Projekt wird die Alltagskultur hervorgehoben, das finde ich toll und da möchte ich mich beteiligen“, erklärt sie ihre Motivation, einige Stunden ihrer Freizeit bei nicht kalkulierbarem Wetter unter einem fest geketteten Ballon zu verbringen.

In immerhin 80 Metern Höhe sollen die SchachtZeichen schweben – je nach Windrichtung und -geschwindigkeit ein Risiko. „Aber wenn sich das Seil, an dem der Ballon befestigt ist, bis zu 45 Grad neigt, holen wir ihn ein.“ Das ist einer der Hinweise, den die Volunteers Anfang Mai noch in einer dreistündigen Schulung bekommen werden. Schließlich ist es kein alltägliches Unterfangen, eine PVC-Kugel mit 27 Kubikmetern Gas zu befüllen.

Julia Hafer durfte sich darin aber schon einmal ausprobieren: Während die letzte der 1500 Gasflaschen befüllt wurde, haben einige Volunteers auf dem Air-Liquide-Gelände in Krefeld-Gellep bereits einen Ballon aufgeblasen und steigen lassen. „Drei der Gasflaschen werden zum Auffüllen benötigt. Die vierte, die ebenfalls auf dem Anhänger festgeschnallt ist, reicht dann, um den Ballon über die neun Tage prall genug zu halten“, so Oliver Kik, Leiter des Werks in Krefeld-Gellep.

Bislang haben sich rund 500 Helfer in der Kartei eintragen lassen. „Mitmachen kann dabei eigentlich jeder. Teilweise melden sich auch ganze Gruppen an, die einen selbst gesponserten Ballon etwa auf ihrem Firmengelände dann selbst betreuen“, erklärt Torsten Thies, Mitglied des Technik-Stabs bei SchachtZeichen. Auch er war bei der Befüllung des Ballons auf dem Air-Liquide-Gelände dabei und ist zuversichtlich, dass die Ballone problemlos an den Ruhrgebietshimmel aufsteigen. Und das, obwohl ein erster Langzeittest mit einem Ballon, der wie das Projekt selbst über neun Tage reichen sollte, vorzeitig abgebrochen werden musste – ein Sturm hatte den Ballon zerstört. Ein zweiter Test war erfolgreicher: Bis Donnerstag schwebte ein Ballon neun Tage lang am Himmel.

Doch längst noch nicht alle Standorte sind in trockenen Tüchern, denn nicht jeder ehemalige Zechenstandort – etwa 3300 – eignet sich zur Teilnahme an SchachtZeichen. Zudem wären derart viele Standort sicherlich nicht realisierbar gewesen. Deshalb stellten die Organisatoren Kriterien auf, nach denen „nur“ rund 350 Standorte übrig bleiben: Ein Schacht muss durch den Zeitpunkt seiner Inbetriebnahme und die Mitarbeiterzahl seine Relevanz für die Region beweisen. Zudem sollen nur Tiefschächte markiert werden, weil sie es waren, die dem Ruhrgebiet mit ihren hohen Fördertürmen seine charakteristische Skyline verpassten. Auch Ausnahmen sind möglich.

Das Projekt bezieht über 4000 Quadratkilometer ein und möchte nicht nur den Strukturwandel der Region aufzeigen und die Ruhrgebietler zu Gemeinsamkeit auffordern, sondern auch – „so ganz nebenbei“ – eine Kunstinstallation sein, wie auf der Homepage zu lesen ist.

Eine Kunst, die aber bereits ihre Kritiker gefunden hat und als populär, ja sogar populistisch bezeichnet wird. Dennoch liegt SchachtZeichen gerade auch dem Geschäftsführer der Ruhr.2010 GmbH, Prof. Dr. Oliver Scheytt, am Herzen. „Es ist mein Lieblingsprojekt. Und das sage ich nicht nur, weil ich jetzt hier bei Ihnen bin“, sagte er Markus Sieverding, als beide die letzte der 1500 Gasflaschen in Empfang nahmen. SchachtZeichen sei für ihn eine Art Traumprojekt, das in Erfüllung gehe. „Es ist so poetisch“, schwärmte er. Und damit meint er die gelben Ballone über dem mittlerweile grünen Revier.

Zechenzeichen am Himmel

im Ruhrgebiet

Quelle: wa.de

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