Zechensafari, Industrienatur Führungen für Kinder

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Gelber Löwenzahn: Birgit Ehses (links) erkundet mit Kindern auf der Zeche Nachtigall in Witten die Natur der Industriebrache. ▪

WITTEN ▪ Tim drückt eine Löwenzahnblüte auf seinen Zettel. „Boah, das wird ja schön gelb.“ Nach kurzer Zeit hat er seine Sonne fertig gemalt. Er sieht sich um und entdeckt einige Halme Schafgarbe. Eilig zupft er sie ab. Mit dem grünen Saft der Pflanze erschafft Tim den Rasen in seinem kleinen Werk. „Die malt aber auch gut, das hätte ich nicht gedacht.“ Von Isabelle Strohkamp

Der Junge erlebt die Natur nicht in einem Stadtpark oder einer ländlichen Gegend, sondern an einem Industriestandort. Zusammen mit 13 Kindern sitzt er auf einer Wiese der Zeche Nachtigall in Witten, einem der ältesten Bergwerke im Revier. Sie nehmen an einer Zechensafari mit Birgit Ehses teil, bei der die Geografin sie für die kleinen Geheimnisse der Natur sensibilisiert: „Sehr ihr, man braucht keine Stifte, um ein schönes Bild zu malen. Es geht auch mit Blumen.“

Birgit Ehses bietet rund um die Zeche Nachtigall einmal monatlich Zechensafaris für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren an. Zwei Stunden lang streifen die wissbegierigen Teilnehmer mit ihr über das Gelände. Damit das nicht langweilig wird, gibt es jedesmal ein anderes Motto. Zurzeit bestimmt der „Frühling“ das Programm. Und so suchen die Kinder nach Frühblühern, lauschen Vögeln und suchen unter Blättern nach ersten Spinnen und Käfern.

Ehses ist zwar von Haus aus Geografin, hat aber schon vor Jahren die Naturpädagogik für sich entdeckt. Seitdem arbeitet sie freiberuflich unter anderen für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und den Regionalverband Ruhr (RVR), bringt Kindern spielerisch ihre Umwelt näher und begibt sich mit Erwachsenen auf die Spuren der Industrienatur.

Dabei ist sie aber nicht nur an der Zeche Nachtigall unterwegs, sondern „eigentlich im ganzen Ruhrgebiet“ – in der Henrichshütte Hattingen, der Zeche Zollverein in Essen, der Kokerei Hansa in Dortmund und vielen weiteren Standorten. Sie fühlt sich im Jahr 2010 als ergänzender Teil der Kulturhauptstadt. Eigentlich gibt es ihr Angebot schon länger. Auch künftig werden solche Erkundungen nahe der Industriemuseen und bei den Industriedenkmälern im Revier angeboten.

Auf den Brachen ist zu sehen, wie sich die Natur exemplarisch ein Gelände zurückerobert und in welchen Schritten das vonstatten geht. Nur selten ist auf den Industriebrachen gestalterisch eingegriffen worden.

Durch die industrielle Förderung von Kohle hat sich der Untergrund stark verändert. „Der Boden ist sehr steinig, im Sommer wird es sehr warm. Das können nicht viele Pflanzen aushalten“, erklärt Ehses. Aus diesem Grund findet sich auf den Industriebrachen auch eine vollkommen andere Vegetation als in ländlichen Gebieten. „Hier haben sich vor allem Spezialisten angesiedelt. Man findet hier keine großen Orchideenwiesen wie im Sauerland, dafür aber zum Beispiel den Sommerflieder oder den Götterbaum.“ Es handelt sich um exotische Pflanzen, die ursprünglich aus Asien oder Afrika stammen. „Dass der Götterbaum etwa an der Henrichshütte wächst, erklärt man durch Eisenerztransporte“, sagt Ehses. Die Schienen verlaufen direkt in der Nähe des Baumstandortes. Dort kann der Samen herunter gefallen sein. „Und da kaum heimische Pflanzen unter diesen Bedingungen gedeihen können, bekommen die Spezialisten hier eine Chance.“

Ein stillgelegtes Gelände wird von Pionierpflanzen erobert. Zuerst durch Moose und Flechten besiedelt. Anschließend kommen Gräser und Stauden hinzu. Die ersten Bäume, die auf solchen Flächen siedeln, sind Birken. „Aber mittlerweile ist man dazu übergegangen, die Birken zu fällen, um diese wunderbar bunte Vielfalt des Staudenstadiums zu erhalten“, sagt Ehses. Kaum zu glauben, aber wahr: Auf den Industriebrachen findet sich eine viel größere Vielfalt an Pflanzenarten als im restlichen Ruhrgebiet. Das vermittelt Ehses auch auf ihren Industrienatur-Führungen.

Je nach Thema erklärt sie, wie es auf dem Zechengelände vor hundert Jahren ausgesehen hat, und warum dort heute außergewöhnliche Pflanzen stehen. Und sie bleibt nicht bei den auffälligsten Pflanzen wie dem Löwenzahn und der Schafgarbe stehen: „Schaut euch mal um, hier auf dem Grasstück wachsen mindestens zwei Pflänzchen, die beide weiß blühen, fast identisch aussehen, aber doch verschieden sind. Wer findet sie?“ Prompt hat die Geografin den Entdeckergeist der Jungen und Mädchen geweckt, und sie robben kniend über das Gras und untersuchen jedes Pflänzchen sehr geduldig.

Das Frühlingshungerblümchen ist auf den ersten Blick sichtbar, es bedeckt die rund drei Quadratmeter große Wiese vor der Zeche. Die kleinen weiß-gelben Blüten verzweigen sich an einem etwa zehn Zentimeter hohen Stängel in Trauben. Seine Blätter trägt das Frühlingshungerblümchen direkt über der Grasnarbe. Doch in diesem teppichartigen Bewuchs die wenigen Pflänzchen zu finden, die ein ganz klein wenig anders aussehen, ist nicht leicht. „Sucht nach einem Gewächs, das am Stängel Blättchen hat, die wie eine Hand mit drei Fingern aussehen.“ Der Erfolg bleibt erstmal aus, bis Tim ruft: „Ich glaub, ich hab's gefunden.“ Er hat am Zechengebäude zwischen den alten Pflastersteinen gesucht. „Da vorne sind ganz viele.“ Tim hat den Dreifingersteinbrech entdeckt, so dass die Naturkundler beide Pflanzen vergleichen können. Ein schönes Erlebnis.

Führungen

Witten: Zechensafari 25.5., 22.6., 27.7., 24.8., 28.9., 26.10., 15 bis 17 Uhr;

Industrienatur im Ruhrtal16.5., 15 bis 17 Uhr. Weitere Termine für Naturführungen bieten die LWL-Industriemuseen an: http://www.lwl.org/LWL/

Kultur.de; sowie die Stiftung Industriedenkmalpflege: www.

industriedenkmal-stiftung.de

Quelle: wa.de

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