„Zechenkind“: Mode aus recycelter Bergmannskleidung

+
Hier entstehen die kreativen Mode-Produkte von „zechenkind“: Anika Beller-Kraft in ihrem Atelier.

DORTMUND – Wer ein „zechenkind“ kauft, der möchte in der Regel mehr als ein funktionales Modeaccessoire. Die Taschen, Portemonnaies und Accessoires aus der Kollektion der Dortmunder Designerin Anika Beller-Kraft sind vielmehr noch ein Symbol, untrennbar mit der Kultur und Geschichte des Ruhrgebiets verbunden. Aus ausgemusterter Bergmannskleidung gefertigt, stehen sie für den Wandel der Region und für eine kleine, aber selbstbewusste Modeszene. Von Annette Kiehl

Nach alten Zechen hat Anika Beller-Kraft ihre Stücke benannt. „General Blumenthal“, „Tremonia“ oder „Königsgrube“ sind aus dem groben Stoff der Hemden und Hosen von Bergmännern gefertigt.

Die Arbeit unter Tage hat eine grau-braune Färbung auf dem Material hinterlassen. Selbst eine Kochwäsche kann diese Spuren nicht tilgen, und gerade das macht für die 35-jährige den Charakter der Stoffe aus. „Das sind Unikate. In dem Material steckt gelebte Geschichte“, erklärt sie den Reiz der Arbeit mit der Kleidung, die sie von Zechen oder auch ehemaligen Bergleuten erhält.

Das Recycling von Stoffen interessiert die ausgebildete Orthopädie-Handwerkerin und Diplom-Journalistin schon seit einigen Jahren. Aus einem alten Kaffeesack vom Flohmarkt fertigte sie eine Tasche und wurde von Freunden immer wieder darauf angesprochen. Bald folgten Nähversuche mit alter Bergmannskleidung von Bekannten. Das Material, vielmehr aber noch die Geschichten dahinter, ließen die Anika Beller-Kraft nicht los. Marktrecherchen im Rahmen ihrer Diplomarbeit bestätigten damals ihre intuitive Annahme, dass es „kaum echte und stolze Ruhrgebietsmarken gibt“.

Nach einem Aufbaustudium für Gründer aus der Kreativwirtschaft wurde „zechenkind“ geboren und gleich mit zwei Preisen für die Geschäftsidee ausgezeichnet. Schon der Name steht für die Verbindung von Historie und Neuem, folgt dem Credo der Neuinterpretation, das auch die Industriekultur prägt. Dieses spiegelt sich im Design der Taschen wider. Der derbe Stoff und die breiten Lederriemen erhalten durch Details wie ein geblümtes Band oder eine Stickerei eine extravagante Note.

Ein Jahr nach der Gründung ist Anika Beller-Kraft mit „zechenkind“ erfolgreich. Über das Internet sowie über einige Läden vertreibt sie ihre Produkte inzwischen international. Genäht werden sie jedoch im Ruhrgebiet. Denn ein zentrales Motto der Marke lautet „Du trägst ehrlich“ und dieser Anspruch soll eben auch im Herstellungsprozess der Taschen deutlich werden, erklärt die Designerin mit Nachdruck.

Mit dieser Besinnung auf traditionelle Werte und dem Spiel mit Symbolen des Ruhrgebiets ist die Dortmunderin Teil einer wachsenden regionalen Designszene, die von der Aufmerksamkeit durch die Kulturhauptstadt profitiert. Marken, wie der Lederwarenhersteller „Flöz“, machen Symbole des Bergbaus zum Blickfang, interpretieren das Stahl- und Schweiß-Image der Region positiv und spielen mit der Bedeutung. So vertreibt „Reviersouvenir“ zum Beispiel unter dem Namen „Grubengold“ schwarzes Badesalz und wirbt mit den Worten: „Fühl dich ganz wie der Kumpel in den warmen Tiefen unserer Erde.“

Reinhild Kuhn, Inhaberin von „Heimatdesign“, einer Dortmunder Agentur für Designideen im Ruhrgebiet, schätzt die Aufbruchsstimmung, die das Kulturhauptstadtjahr mit sich bringt: „Das Spiel mit Symbolen ist wichtig und gehört dazu. Und die Nachfrage nach solchen Produkten ist sehr groß.“ Die Fotokünstlerin wünscht sich jedoch eine langfristiges Interesse an der Mode und eine nachhaltige Entwicklung der Kreativszene, unabhängig von Events. Denn noch habe das Ruhrgebiet kein eindeutiges und sichtbares Profil in der Designsparte entwickelt. „Sammler kommen nicht unbedingt nach Dortmund, und viele Designer verlassen das Ruhrgebiet früher oder später in Richtung Berlin“, beobachtet sie. Dabei ist Reinhild Kuhn überzeugt, dass schon einzelne Gründer aus der Kreativwirtschaft die Stadtentwicklung positiv beeinflussen. „Solche kleinen Läden mit speziellen Produkten geben den Innenstädten einen eigenen Charakter, machen sie interessant.“

Anika Beller-Kraft genießt gerade den Pioniergeist im Revier, das Unfertige. „Hier geht was. Hier kann man etwas erschaffen“, ist sie sich sicher. Mit ihrer Kollektion versteht sich die Gründerin als Botschafterin der Region. Sie will Menschen vom rauen Charme, der Kraft und der Philosophie des Reviers überzeugen. „Ich lebe das.“

Das Label Heimatdesign vernetzt  durch einen Shop in der Dortmunder Innenstadt, eine  Zeitschrift sowie durch Veranstaltungen  Designer im Ruhrgebie t:

http://www.heimatdesign.de.

Mode von „zechenkind“ im Internet:

http://www.zechenkind.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare