Ein Westfale wird Kardinal

Dem deutschen Papst liegt seine bayerische Heimat sehr am Herzen – und besonders sein Heimatbistum München und Freising. Und so war die Entscheidung von Benedikt XVI. wohl durchdacht, als er Ende 2007 den Trierer Bischof Reinhard Marx zum Münchner Erzbischof ernannte.

Und nun – drei Jahre später – wird der 57 Jahre alte, aus Westfalen stammende Marx zum Kardinal ernannt. Nur Routine? Oder will der Heilige Vater seinen gelegentlich unbequemen Oberhirten in Deutschland einen Wink geben? 2014 muss ein Nachfolger für Robert Zollitsch, den Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, gewählt werden. Heißer Kandidat spätestens seit gestern: Reinhard Marx.

Seit bald einem Jahrhundert hat der wichtige Münchner Bischofsstuhl so etwas wie eine Art Besitzstandrecht in Sachen Kardinalsrang. Also erscheint es logisch, dass auch Marx in den Kreis der Papstwähler aufsteigt, wie schon seine sechs Vorgänger.

24 neue Purpurträger hat der Papst ernannt. Doch fällt auf, dass andere bedeutende und traditionsreiche Erzbistümer nicht berücksichtigt wurden – etwa die Erzbischöfe von Prag, Dublin und Brüssel. Lag Benedikt XVI. sein früheres Erzbistum an der Isar mehr am Herzen – oder noch mehr die Person?

Reinhard Marx galt schon im Februar 2008 in Würzburg als einer der Favoriten, als ein Nachfolger für Kardinal Karl Lehmann an der DBK-Spitze gewählt wurde. Doch dann fiel die Wahl auf den Freiburger Erzbischof Zollitsch; er ist 72 und kann 2014 nicht erneut antreten. Sie seien überzeugt, dass Marx beim nächsten Mal gewählt werde, sagten Beobachter damals.

Die Mitgift, die Reinhard Marx mitbringt, ist stattlich. Er gilt als konservativ und Rom-treu, ohne eine eigene Meinung zu verbergen. Marx versteht sich auf den Umgang mit den Medien, ist selbstbewusst und meinungsfreudig, ohne sich aufzudrängen – und er versteht es, Sympathien zu gewinnen. In Talkshows und Interviews hat er der katholischen Kirche in Deutschland immer wieder ein Gesicht gegeben – nicht auf Schlagzeilen bedacht wie sein Kölner Amtsbruder Joachim Meisner, dafür aber fundiert. Und Marx steht für eine Kirche, die sich auch in den gesellschaftlichen Dialog einmischt und für die Schwachen Partei ergreift – so energisch wie glaubwürdig.

Ein entscheidendes Plus dürfte sich der lebenslustige Westfale Marx durch sein entschlossenes Vorgehen im Missbrauchsskandal verdient haben. Joseph Ratzinger hat oft deutlich gemacht, wie wichtig ihm die innerkirchliche Aufarbeitung dieser Verbrechen hinter Kirchenmauern ist. Außerdem trug Marx hinter den Kulissen wesentlich dazu bei, dass mit dem Rücktritt des umstrittenen Augsburger Bischofs Walter Mixa wieder Ruhe in dessen Diözese einkehren konnte.

Dass Marx mit fast politischer Weitsicht über den Tellerrand der Kirche blicken kann, entspannt an Talkshows teilnimmt und fachkundig auch mit Wirtschaftsfachleuten spricht, das passt in eine Zeit, in der selbst der Vatikan erkennt, wie wertvoll und notwendig moderne Kommunikation gerade in kirchlichen Krisenjahren ist.

Marx ist gebürtiger Westfale – und dies mit Leib und Seele geblieben. Am 21. September 1953 in Geseke geboren, hielt er durch alle Stationen seines Werdegangs als Kirchenmann immer engen Kontakt zu seiner Heimat – was er als volksnaher Schützenfest-Stammgast regelmäßig unter Beweis stellte.

Hier in Westfalen liegen auch die Wurzeln seiner kirchlichen Karriere. 1979 wurde er in Paderborn zum Priester geweiht, 1996 erhielt er die Berufung zum Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät der Bischofsstadt. Im Juli 1996 wurde er zum Weihbischof ernannt, im September folgt die Bischofsweihe im Hohen Dom – ein Ereignis, zu dem ihn tausende begeisterte Gläubige herzlich begleiteten. 2001 ging er nach als Bischof nach Trier, 2007 wurde er Erzbischof von München und Freising.

Und jetzt? Ist Reinhard Marx mit 57 Jahren ein eher junger Kardinal. Auch das könnte ein Signal sein. Das Loblied aus seiner Heimat ist vielstimmig, die erste Stimme übernimmt der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker: „Ich kenne Reinhard Marx seit gemeinsamen Studienjahren und schätze ihn wegen seiner tief gläubigen und zugleich weltoffenen, diskussionsfreudigen und umgänglichen Art“. Ein besseres Zeugnis könnte man Marx kaum aussprechen: einem waschechten Westfalen, dem eine große Zukunft in der katholischen Kirche bevorsteht. ▪ Von Jochen Kaffsack und Manfred Brackelmann

Quelle: wa.de

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