Überfall mit Mordversuch - Wenn Fußball zur Nebensache wird

BIELEFELD - Wenn die jungen Männer zusammenstehen, wirken sie wie Teilnehmer eines Kirchentags. Tatsächlich sind die elf Freunde wegen Raubes und Körperverletzung angeklagt, einer von ihnen sogar wegen versuchten Mordes.

Sie sind Maler, Lehrling, Student oder kaufmännischer Angestellter. Einige von ihnen wohnen noch bei ihren Eltern. Und mit ihren kurzen, ordentlich gescheitelten Haaren sehen sie aus wie Kirchentags-Teilnehmer. Tatsächlich sind die elf Männer zwischen 19 und 23 Jahren aber wegen Raubes und Körperverletzung angeklagt, ein 20-Jähriger wegen versuchten Mordes. Die Anhänger des Drittligisten Arminia Bielefeld müssen sich seit Montag vor dem Bielefelder Landgericht für einen brutalen Überfall auf Fans von Werder Bremen verantworten.

Es ist der 5. Mai. Die Fußballsaison ist fast vorbei, Werder II ist abgestiegen, Arminia "feiert" nach dem Sturz aus der 2. Liga ein Jahr zuvor den Nichtabstieg, immerhin. "Ein völlig belangloses Spiel" sagt der Hauptangeklagte, der 20 Jahre alte Philipp G. - raspelkurze Haare, ordentliches Oberhemd. Zuvor hat ihm Staatsanwalt Veit Walter vorgeworfen, nach dem Spiel in zwei Fällen versucht zu haben, aus "niedrigen Beweggründen und heimtückisch jemanden zu töten".

Philipp G. hat das Spiel in der Kneipe "Heimat+Hafen" verfolgt, denn er hatte seit einigen Tagen bundesweites Stadionverbot. Er hatte bei einem Spiel in Erfurt einen Polizisten in den Bauch getreten. Seit morgens um 10.00 Uhr hat der 20 Jahre alte Maler und Lackierer getrunken, am Ende sind es etwa 14 Biere und eine viertel Flasche Wodka.

Dann kommt der Anruf von Fußballkumpels, Bremer Ultras von der Fangruppe "Wanderers" seien in der Stadt. "Es lag für mich in der Luft, dass es Gewalt geben würde", sagt Philip G. Die Kumpels, einige von ihnen sollen zur Ultra-Gruppe "Lokal Crew" gehören, hätten inzwischen beschlossen, den Werder-Fans die Fahnen wegzunehmen, notfalls auch mit Gewalt, sagt der Staatsanwalt. Einer gibt das Startzeichen, brüllt "Scheiß Bremer".

Philipp G. schildert vor Gericht, wie er zu den Ultras kam. Eigentlich habe er sich immer rausgehalten, bis zu dem Tag, als 50 Bielefelder am Bahnhof Minden 400 Dortmunder Fans gegenüberstanden. Man habe standgehalten, sagt der junge Mann, "das hat mich fasziniert". Von da an habe er geradezu die Gewalt gesucht. Er sei ins Fitness-Studio gegangen und habe vor einem halben Jahr mit Kick-Boxen und Bodenkampf angefangen, einer Art Ringen am Boden.

Ja, er hat zugeschlagen, zwei jungen Männern mit der Faust ins Gesicht. Dem einen hat er in den Bauch getreten, dem anderen gegen den Kopf, aber nicht voll getroffen. Warum? "Ich hab' zugetreten, warum, weiß ich nicht mehr." Und: "Ich bin einfach rausgerannt und hab' um mich geschlagen." "Und haben sich die Bremer nicht gewehrt?", fragt der Richter. "Kann ich nicht sagen, weil man zugeschlagen hat, bevor die geschlagen haben." Die Opfer waren nicht der Ultra-Szene zuzurechnen, betont der Staatsanwalt.

Einer der Bremer Fans ist am Montag im Gerichtssaal. "Ich hatte Glück", sagt der Mann. Glück heißt hier, er kam damals mit blauen Flecken und Schürfwunden im Gesicht davon. Das zweite Opfer, ein 26-Jähriger, erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Der Notarzt muss ihn wiederbeleben, tagelang liegt er im Koma. Alle Angeklagten, die am ersten Verhandlungstag zu Wort kommen, beteuern, es tue ihnen leid. - lnw

Quelle: wa.de

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