Warum sind Frauenquoten nötig, Frau Steffens?

NRW-Emanzipationsministerin Barbara Steffens (Grüne)

Die Landesregierung hat eine Bundesratsinitiative gestartet, die eine Geschlechterquote für Aufsichtsräte von börsennotierter Unternehmen zum Ziel hat. Warum sind Frauenquoten nötig?

Barbara Steffens: Weil alle Selbstverpflichtungen der Unternehmen nur in wenigen Einzelfällen etwas genutzt haben. Nur wenige Unternehmen haben für sich selber erkannt, dass Frauen in Unternehmen und in Aufsichtsräten ein Gewinn sind. Natürlich ist es aber auch für die Frauen selbst ein Gewinn. Deutschland muss mit Quoten für Aufsichtsräte einsteigen, auch damit wir international nicht den Anschluss verlieren.

Hat das vor allem eine symbolische Bedeutung?

Steffens: Nein. Auf Symbolik könnte man verzichten. Es ist wichtig, dass Frauen einen anderen Blick in die Aufsichtsräte hineinbringen und damit auch die Wirtschaftskraft eines Unternehmens verbessern. Außerdem sind solche Frauen auch Vorbilder und ermutigen damit mehr Frauen, den Weg nach oben zu gehen.

Normale Frauen werden das zunächst vermutlich gar nicht so schnell merken. Wünschen oder planen Sie weitere Quoten für die unteren Ebenen?

Steffens: An der Basis wird es schon spürbar, wenn wir mehr Frauen an der Spitze haben. Die werden sehr viel häufiger fragen: Wie findet Frauenförderung in den Unternehmen statt? Wie ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Wie ist überhaupt die Struktur von Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen für Frauen, die vielleicht andere Lebenswünsche haben als Männer – also nicht klassisch 24 Stunden dem Unternehmen zur Verfügung stehen, sondern auch soziale Kontakte pflegen wollen? Perspektivisch kann man darüber hinaus natürlich überlegen, für die Privatwirtschaft auch noch andere gesetzliche Regelungen auf den Weg zu bringen. Aber wenn wir mit der Spitze anfangen, werden wir automatisch erste Effekte auf allen Ebenen haben.

Was sagen Sie Unternehmern, die dadurch ihre

Eigentumsrechte eingeschränkt sehen?

Steffens: Es mag sein, dass es ein Unternehmer für sein Eigentumsrecht hält, wenn er einen Teil der Bevölkerung einfach außen vor lässt. Das halte ich aber für absoluten Quatsch. Ich würde dem Unternehmer Studien aus den USA vorlegen, wonach gemischtgeschlechtliche Teams für Unternehmen auch in der Bilanz ein Gewinn sind. Und auch in Deutschland gibt es gute Erfahrungen mit den wenigen freiwilligen Quoten, zum Beispiel bei der Telekom.

Sehen Sie weitere Ansatzpunkte in kleineren Unternehmen, zum Beispiel im Mittelstand?

Steffens: Der Mittelstand ist da in vielen Teilen sehr viel weiter. Es gibt viele Familienunternehmen, in denen die komplette Familie in der Führung ist und es daher den weiblichen Blick schon gibt. Auch auf anderen Ebenen ist der Frauenanteil oft schon höher. Dort ist der Fachkräftemangel ja schon aufgeschlagen. Innovative, kluge Unternehmen haben sich frühzeitig aufgestellt, um hochqualifizierte Frauen zu gewinnen.

Ist die Frauenquote in der Politik ein Erfolgsmodell?

Steffens: Wenn es damals bei den Grünen keine Quote gegeben hätte, hätten wir heute keine Bundeskanzlerin.

Brauchen wir irgendwann auch Männerquoten,

zum Beispiel weil in Grundschulen und

Kindergärten zu wenige Männer arbeiten?

Steffens: Bei den Aufsichtsräten sprechen wir genau genommen nicht von Frauen-, sondern von Geschlechterquoten. Vor diesem Hintergrund könnten wir Quoten auch in anderen Bereichen gebrauchen. Wir können aber in Kindergärten und an Grundschulen keine Zwangsquoten einführen, wenn es keine männlichen Bewerber gibt. Da müssen wir Männer anders motivieren. Und an der einen oder anderen Stelle müssen wir auch über die Gehaltsstrukturen nachdenken. Die Gehälter in den immer noch eher typisch weiblichen Berufen sind heute zum Teil sehr niedrig.

Interview: Martin Krigar

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare