Angeklagter berichtet von Telefonbetrugs-Callcenter

Sie waren Zahnräder einer perfiden Betrugs-Masche: So erbeuteten junge Männer bis zu 162.000 Euro

+
Der Angeklagte berichtete, was er in einem türkischen Callcenter erlebte: „Da arbeiten viele Personen, die von der Türkei aus Leute anrufen – nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern in ganz Deutschland.“ 

Schalksmühle/Hagen – Umfassend geständig und ziemlich kleinlaut gaben sich am Montag die Angeklagten im großen Betrugsprozess im Landgericht Hagen.

Sie bestätigten am Montag, dass sie 2018 im Auftrag türkischer Hintermänner Geldsummen bis zu 162.000 Euro bei Senioren abgeholt hatten, denen zuvor telefonisch eine drohende Gefahr für ihr Geld vorgegaukelt worden war. 

Auch ein älterer Herr aus Schalksmühle wurde auf diese Art und Weise um 30.000 Euro gebracht. „Ich wusste, dass es illegal war“, gestand der 22-jährige Angeklagte. „Nach der zweiten Abholung wusste ich, dass es Geld von älteren Leuten war.“ Er schilderte, wie es zu den illegalen Aktivitäten gekommen war: Nach einem ersten Kontakt mit einem seiner Mittäter sei er regelmäßig aus der Türkei angerufen und gefragt worden, ob er sich 1000 Euro verdienen wolle.

Hintermänner brauchten jemanden, der "wie ein Deutscher" aussieht

Die Hintermänner hätten „jemanden gesucht, der ein deutsches Gesicht hat oder wie ein Deutscher aussieht“. Dazu gab es immer wieder Hinweise, dass sein heute 20-jähriger Mitangeklagter, der den Auftrag hatte, an den Türen zu klingeln, sich ordentlich anziehen und die Haare mache solle. Der 22-Jährige sollte ihn als Fahrer unterstützen. 

„Wir haben gar nicht darüber nachgedacht und sind einfach losgefahren. Wir hatten nur das Geld im Kopf“, sagte der 22-Jährige. In seinem Fall war das nur ein Bruchteil der von den Senioren erbeuteten Beträge. Er als Fahrer und der 20-Jährige an der Haustür hätten jeweils zwischen 500 und 1500 Euro für die Geldabholungen bekommen. Nur in einem Fall gab es erheblich mehr – 5000 für jeden der beiden Beteiligten: Als eine Hamburger Seniorin ihnen nichtsahnend den stolzen Betrag von 162.050 Euro anvertraute und das Geld nie wiedersah. 

Spannend wurde es, als der 22-Jährige von einer Türkeifahrt berichtete. In Izmir sei er in einem großen Callcenter gewesen: „Da arbeiten viele Personen, die von der Türkei aus Leute anrufen – nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern in ganz Deutschland.“ 

Er sei einfach blind gewesen von dem Geld, das er gekriegt habe, erklärte der Angeklagte. Es sei dann draufgegangen für Marihuana und Kokain. Den Rest habe er im Casino auf der Hohensyburg verspielt. Mittlerweile sei er regelmäßiger Gast bei der Drogenberatung und auf der Hohensyburg als Spieler gesperrt. „Das war alles totaler Schwachsinn“, lautete sein Fazit.

"Tür auf - Tüte raus - Tschüss!"

Sein heute 19-jähriger Mitangeklagter, zur Tatzeit 17, verfolgte mit seinen betrügerischen Hausbesuchen wenigstens ein persönliches Ziel: „Ich hatte die Hoffnung, den Führerschein damit zu finanzieren.“ Er schilderte die kürzeste Variante seiner betrügerischen Hausbesuche: „Tür auf - Tüte raus - Tschüss!“ 

Sein Anwalt erklärte, der junge Mann habe erst in der Untersuchungshaft vergegenwärtigt, was das für Konsequenzen für die Betroffenen hat – den Verlust des Ersparten der alten Leute, „damit die Jungs Party machen konnten“. 

Der 19-Jährige fand aber auch selber die nötigen Worte: „Ich schäme mich dafür. Es tut mir extrem leid.“

Lesen Sie auch:

Heftiger Enkeltrick-Versuch im Märkischen Kreis

Handwerkskammer warnt vor dubiosen Anrufen

Falsche Polizeibeamte suchen weiter nach Opfern

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare