Verzehrempfehlung für Möhnesee-Fische gilt weiterhin

MÖHNESEE - Als der Hochsauerlandkreis am 8. Juni 2006 mitteilt, dass Forscher des Hygieneinstituts der Universität Bonn eine hohe Belastung mit der Chemikalie PFT in der Möhne entdeckt haben, ahnen weder Bevölkerung noch Behörden, dass dieser Tag den Anfang eines der größten Umweltskandale in NRW markiert.

Fachleute erklären, dass die Chemikalie im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Bereits am 14. Juni wird im Trinkwasser im Arnsberger Ortsteil Neheim eine so hohe PFT-Konzentration registriert, dass die Behörden stillende Mütter und Säuglinge mit abgepacktem Mineralwasser versorgen.

Auch im Möhnesee werden hohe PFT-Konzentrationen gemessen. Obwohl der bloße Kontakt zum Wasser nach einhelliger Expertenmeinung keine Gefahren birgt, meiden viele Gäste das sonst beliebte Badegewässer. Einbußen im Tourismus sind die erste spürbare Folge.

Ende Juli setzt das Bundesinstitut für Risikobewertung den Grenzwert, über dem Fische aus dem Möhnesee nicht mehr verzehrt werden sollten, auf 0,2 Mikrogramm PFT pro Gramm Fisch fest. Fische aus dem See, die im Labor untersucht wurden, weisen teils deutlich höhere PFT-Belastungen auf. Während die Behörden anfangs noch beteuern, man könne auch weiterhin unbesorgt Fisch aus dem Möhnesee essen, fordert die Bezirksregierung später zum „Maßhalten“ beim Fischkonsum auf.

Der Informationsfluss unter den Behörden läuft teils schleppend, die Bevölkerung ist verunsichert und lokale Politiker kritisieren das Krisenmanagement des Umweltministeriums. Der damalige Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU) gerät unter Druck, als er am 13. September im Landtag erklärt, man habe noch keine Daten über die PFT-Belastung bei Fischen, diese Daten aber bereits vom Kreis Soest veröffentlicht wurden.

Das Umweltministerium gibt später eine Verzehrempfehlung für Fische heraus, in der beschrieben ist, wie viel Fisch aus dem Möhnesee und den anderen belasteten Gewässern höchstens gegessen werden sollte. Zur Beruhigung trägt dies nicht bei. Angler kehren dem Möhnesee in Scharen den Rücken.

Laut Staatsanwaltschaft steht das Unternehmen GW-Umwelt als Verursacher des Gift-Eintrages fest. Die Bauern bekamen teils hohe Summen, wenn sie den angeblichen „Bio-Dünger“ auf ihre Felder ausbrachten. In Einzelfällen sollen zwischen 10 000 und 100 000 Euro geflossen sein.

Der Schaden geht in die Millionen. Im Kreis Soest sind hunderte Ackerflächen betroffen. Ein Feld in der Nähe von Rüthen ist so stark verseucht, dass rund 1600 Kubikmeter Boden abgebaggert und auf einer Deponie entsorgt werden müssen. Allein diese Maßnahme kostet rund 2,1 Millionen Euro. Der Landwirt muss sich an den Kosten beteiligen. Beim Kreis Soest nennt man zwar mit Verweis auf den Datenschutz keine genaue Summe, spricht aber von einem „guten sechsstelligen Betrag“.

Auch abgesehen von diesem Fall bleibt der Kreis Soest auf weiteren 400 000 Euro an Kosten für Gutachten, Laboruntersuchungen und andere Arbeiten im Zusammenhang mit dem PFT-Skandal sitzen – Personalkosten nicht einmal mitgerechnet. Deshalb beobachtet man im Soester Kreishaus interessiert, wie der heute beginnende Prozess verläuft, um eventuell doch noch Regressforderungen stellen zu können.

Viel Geld musste auch beim Ruhrverband in die Hand genommen werden. Weiterhin werden regelmäßig Wasserproben aus Möhnesee, Möhne und Ruhr genommen und auf PFT untersucht. Die Chemikalie ist im Wasser immer noch vorhanden. Gleiches gilt für die Fische: Zwar macht sich mittlerweile kaum noch ein Angler Sorgen um das, was an seiner Leine zappelt, die Verzehrempfehlung des Umweltministeriums hat aber weiter Bestand. Mehr als dreimal im Monat sollte Fisch aus dem Möhnesee nicht gegessen werden. - Matthias Staege

Quelle: wa.de

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