Ursache für Lungenerkrankungen gefunden

Verdunstungskühlanlage streut Legionellen in der Luft

WARSTEIN/SOEST - Eine von acht oder neun Verdunstungskühlanlagen auf einem Industrie- oder Handelsgebäude im Stadtgebiet Warstein ist die Ursache für die Streuung von Legionellen in der Luft, die zu zwei Todesfällen und mittlerweile über 80 Erkrankungen geführt hat.

Dessen ist sich Prof. Dr. Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn, sicher. Eine Verseuchung des Trinkwassers schließt er kategorisch aus. Auch auf dem Krankenhaus Maria Hilf gibt es eine Verdunstungskühlanlage, aber dort wurde glaubhaft versichert, dass sie stets gewartet und kontrolliert wird.

Ob das in den anderen Fällen auch gilt, wird sich jetzt herausstellen. Bereits am Mittwoch wurde begonnen, Proben zu nehmen. Alle Betreiber werden aufgefordert, die Anlagen zu reinigen und zu desinfizieren und sie möglichst solange auszuschalten, wenn das passiert ist. Wenn das Abschalten aus technischen Gründen nicht unmittelbar machbar ist, dann müssen die Betreiber unmittelbar eine bundesweit tätige Fachfirma beauftragen.

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Bei einer Pressekonferenz im Soester Kreishaus erklärte Prof. Exner gestern, dass ab heute keine weiteren Legionellen mehr auf dem vermuteten Wege verbreitet werden dürften. Gewissheit, von welcher Anlage die Gesundheitsgefährdung ausging, besteht am Dienstag nächster Woche. Dann haben die entnommenen Proben soweit Bakterienkulturen entwickelt, dass sie genau zugeordnet werden können.

Wichtig für die Bevölkerung: „Wir sind überzeugt, dass Neuerkrankungen ausgeschlossen sind“, sagte Dr. Frank Renken, Leiter des Gesundheitsamtes des Kreises Soest. Was nicht bedeutet, das nicht noch Fälle bekannt werden, weil die Infektion in den vergangenen zehn Tagen bereits stattgefunden hat. So lange - durchschnittlich sogar nur drei bis fünf Tage - dauert es maximal, bis die Krankheit ausbricht.

Landrätin Eva Irrgang hat ungeachtet der positiven Stimmung bei den medizinischen Fachleuten, das Übel im Griff zu haben, einen Krisenstab eingerichtet. Über 60 Mitarbeiter aus der Kreisverwaltung sowie der Polizei und Feuerwehr kamen gestern um 15 Uhr erstmals zusammen, die Leitung hat Kreisdirektor Dirk Lönnecke. Obwohl eine Krisensituation noch nicht ausgerufen wurde und vermutlich auch nicht wird, kommt die Gruppe bis zur vollständigen Klärung täglich zusammen.

Prof. Exner selbst kam gestern nach Warstein und bleibt solange, bis alle Anlagen beprobt sind. Ein Team von drei Mitarbeitern des Kreises und zwei aus der Stadtverwaltung Warstein ist damit befasst und wurde bereits in den Betrieben erwartet. Sogenannte Verdunstungskühlanlagen, die wegen ihrer Dimension mit einer herkömmlichen Klimaanlage nichts zu tun haben, werden zur Kühlung von technischen Anlagen eingesetzt. Auf welchen Gebäuden sie in Warstein eingebaut sind, hat Bürgermeister Manfred Gödde den Fachleuten mitgeteilt. Auch Bezirksschornsteinfegermeister wurden gefragt.

Anhand der Wohnorte der erkrankten Patienten, die im Krankenhaus Maria Hilf behandelt werden, wurde ermittelt, dass die Legionellen von Süden nach Norden durch das Stadtgebiet Warsteins getragen wurden. In der Kernstadt und in Belecke wurden die meisten Fälle registriert, nur vereinzelte im Möhnetal und in Hirschberg.

Prof. Dr. Martin Exner, der auch bei der Erkrankungswelle in Ulm vor einigen Jahren eingeschaltet war, hat international Erfahrung im Erkennen und Bekämpfen solcher Ereignisse. Den Warsteiner Fall bezeichnet er als den zweitschwersten in Deutschland überhaupt, eben nach Ulm. Aber weil so etwas immer wieder passieren kann, fordert er, dass es ein Register für Verdunstungskühlanlagen gibt, um sofort Verdachtsmomenten nachgehen zu können. „Im Ausland sind diese Register gang und gäbe, in Deutschland wird es nicht für notwendig erachtet. Dabei müsste an jeder Anlage ein Hinweis ,Bei fehlender Wartung besteht Lebensgefahr’ stehen!“

Zu den bekannten 72 im Krankenhaus behandelten Patienten kamen von Dienstag, 20 Uhr, bis Mittwochmittag elf weitere, die stationär verbleiben mussten. Drei konnten nach ambulanter Behandlung wieder nach Hause, erklärte Pflegedienstleiter Klaus Wohlmeiner gestern. Erkrankte liegen aus Kapazitätsgründen auch in Krankenhäusern in Soest, Lippstadt, Meschede und Brilon. Wohlmeiner teilte mit, dass Oberarzt Lutz Humpert davon ausgeht, in wenigen Tagen 14 oder 15 Patienten aus dem Krankenhaus entlassen zu können.

Besucher müssen keinen Bogen um Warstein schlagen, sie können unbesorgt kommen: „Es hat Anfragen wegen der Montgolfiade gegeben“, sagte Dr. Frank Renken in der Pressekonferenz. Wegen zahlreicher besorgter Anrufer wurde ein Bürgertelefon beim Kreis eingerichtet, das heute von 8 bis 20 Uhr besetzt ist, bei Bedarf auch an weiteren Tagen. - Von Peter Teichmann

Quelle: wa.de

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