Vater des Soester "Anno"-Opfers distanziert sich von Neonazis

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In Sachen „Bunt statt Braun“ sind sich alle Parteien in Soest einig.

SOEST - Ditmar Kreutzmann, der Vater des vor einem Jahr auf einer Soester Abifete erstochenen Tim Kreutzmann, hat bewusst das Ende des Strafprozesses abgewartet – um „niemanden unter Druck zu setzen“ und den Prozess nicht zu behindern. Doch jetzt zieht der 49-Jährige Bilanz und erhebt Vorwürfe gegen das Gericht und die Verteidiger des Verurteilten.

Von Holger Strumann

„Ein absolutes Fehlurteil“ sei am Ende dabei herausgekommen. „Kein Mensch im Gerichtssaal hat sich darüber Gedanken gemacht, was Tim überhaupt für ein Mensch war.“

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Doch bevor Ditmar Kreutzmann schildert, wie er die quälenden und belastenden 23 Prozesstage erlebt hat, wie selbst die Tage vor den Gerichtsterminen und die Tage danach zur Tortur wurden, als Familie und Freunde immer haarklein wissen wollten, wie es gelaufen war, erteilt Kreutzmann erst einmal den Neonazis eine Absage. Die ziehen morgen – wie schon vor einem Jahr – durch die Soester Straßen und geben vor, sich um Opfer wie Tim kümmern zu wollen.

„Die ganze Diskussion um Rechts und Rassismus hat uns sehr belastet“, sagt Kreutzmann. „In unserem Haus gehen viele Menschen ein und aus, jeder Freund ist uns willkommen, egal ob Inder, Russe, Türke, Pole, schwarz oder weiß.“

Eigentlich hatte Kreutzmann gar nicht an dem Prozess teilnehmen wollen. „Unseren Sohn würde es eh nicht wieder zurückbringen.“ Heute ist der 49-Jährige froh, doch dem Rat des Opferschutzbeauftragten der Kripo gefolgt zu sein und als Nebenkläger am Strafverfahren mitgewirkt zu haben: „Sonst wären wir wahrscheinlich vom Glauben an Gerechtigkeit abgefallen“.

Wie kann ein Strafrichter drei Wochen Urlaub nehmen, obwohl er damit den ganzen Prozess kippt?!“, sagt Kreutzmann und erinnert an das erste Platzen des Verfahrens im vergangenen Sommer.

Tim Kreutzmann war ein fröhlicher Mensch, „für jeden Spaß zu haben“. Der Junge wurde vor einem Jahr auf einer Soester Abifete im „Anno“ erstochen.

Und auch das zweite Prozess-Aus wegen vermeintlicher Befangenheit eines Schöffen geht in den Kopf des Vaters nicht rein. Der Schöffe habe auf dem Gerichtsflur die „am Boden zerstörte“ Mutter Tims angesprochen und ihr Kraft gewünscht – „ein gefundenes Fressen“ für die Verteidigung, den Prozess erneut zu kippen. Die Verteidiger seien es auch gewesen, die mit besonderer Härte und Hartnäckigkeit die Zeugen angegangen seien, so dass einige „weinend aus dem Gerichtssaal gingen“. Die Verteidiger hätten sogar Haft für eine Zeugin beantragt, weil sie nicht den Namen von Freunden nennen wollte, die bezeugen sollten, „was für ein aggressiver Mensch der Angeklagte ist“.

Am Samstag soll gegen den geplanten Aufmarsch der Neonazis demonstriert werden. Hier finden Sie das Plakat der Gegendemo zum Herunterladen, Ausdrucken und Mitdemonstrieren als pdf-Version.

Als Kreutzmanns Anwalt im Prozess dafür warb, man möge doch auch einmal an die Familie denken, habe er „klare Worte“ vom Verteidiger des Angeklagten zu hören bekommen: „Hier geht es um den Angeklagten, nicht um das Opfer.“ Worte, die sich wie eine Messerspitze eingebohrt haben. Endgültig den Glauben an Gerechtigkeit, so sagt Ditmar Kreutzmann, hat ihm die Strafkammer genommen, als sie den Hinweis gab, es werde womöglich nicht auf eine Verurteilung wegen Totschlags hinauslaufen, sondern „nur“ wegen Körperverletzung mit Todesfolge – so wie es dann tatsächlich auch am vorvergangenen Montag geschah. Drei Jahre und sechs Monate Gefängnis muss Kayahan B. nun ins Gefängnis.

Dabei hatte das Oberlandesgericht, das sich im Sommer wegen einer Haftbeschwerde mit dem Fall beschäftigte, ausdrücklich „Mordmerkmale“ festgestellt, denen die Arnsberger Richter hätten nachgehen sollen. Schließlich sei Kayahan B.s Einlassung, er habe aus Notwehr seinem Gegenüber ins Herz gestoßen, eine bloße Schutzbehauptung gewesen, fanden die Richter am Oberlandesgericht.

Soest hat "keine aktive rechte Szene"

Auch wenn die Neonazis kommenden Samstag nunmehr zum dritten Mal in Soest aufkreuzen, haben sie so gut wie keine Mitläufer und Sympathisanten in der Stadt gewonnen. „Es gibt keine aktive rechte Szene in Soest“, sagt Polizeisprecher Winfried Schnieders und stützt sich dabei auf Erkenntnisse des Staatsschutzes.

„Einige wenige Mitläufer“ der rechten Szene, die Kontakt zu Gleichgesinnten in anderen Städten halten, kennt die Kripo gleichwohl. „Wir haben sie im Visier“, sagt der Polizeisprecher.

Solche Mitläufer kennen auch die Mitglieder der Jugend-Antifa Soest. Sie sorgt sich gleichwohl, die rechte Szene formiere sich gerade und werde stärker. Bedenklich erscheint den Antifa-Leuten, die aus Sorge vor Repressalien ihre Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, dass ein ihr bekannter Neonazi aus Soest monatelang für ein Soester Security-Unternehmen arbeiten konnte, „das eigentlich für Ruhe und Ordnung in der Soester Innenstadt sorgen soll“.

Wer im Internet nach Aktivität am rechten Rand sucht, stößt auf Seiten der „Nationalisten Soest“ und der „Freien Kameradschaft Soest“. Doch wer die Seiten checkt, merkt auch hier recht schnell: Seit Monaten ist hier keinerlei Bewegung festzustellen. 

„Sie haben versucht, in Soest Fuß zu fassen“, berichtet auch SPD-Chefin Sandra Wulf. „Feste Strukturen gibt es noch nicht, aber sie sind dran“, sagt Linken-Ratsfrau Iris Fenzlein. Gerade in Schulnähe finden sich häufig Neonazi-Aufkleber, die auf den Versuch einer Rekrutierung abzielen.

Ganz anders sieht die Situation in der Nachbarstadt Hamm aus, von der aus auch die Soester Rechten-Demo organisiert wird. Einmal mehr sprach der seit Jahren polizeibekannte Neonazi Sascha K. bei der Soester Polizei vor und meldete schon wie im vergangenen Jahr den Marsch durch Soest an.

In Hamm zählen nach Anzeiger-Informationen etwa zehn Höchstaktive zur Nationalen Kameradschaft Hamm. „Die suchen gezielt die Öffentlichkeit“, berichtet ein in der Nachbarstadt tätiger Journalist, mischen auch schon mal Bürgerversammlungen auf, verteilen CDs an Schulen und bedrohen und schüchtern Andersdenkende ein. - hs

Quelle: wa.de

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