„Urbanatix“-Artisten üben in Bochumer Marienkirche

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Spektakulär abgehoben: Ein BMX-Radfahrer fliegt beim Training durch den Innenraum der ehemaligen Marienkirche in Bochum. ▪

BOCHUM. Sie gehen regelmäßig in die Kirche. „Auch sonntags“, erzählen Jan Bahr und Mario Vogt. Jeden Montag pilgern die beiden von Bergkamen aus nach Bochum. Ihr Ziel: die Marienkirche. Das ehemalige katholische Gotteshaus dient ihnen als optimale Trainingshalle. Wo früher Gläubige vor den Bänken knieten, hüpft der 16-jährige Jan aus dem Stand heraus meterweit von einem Podest zum nächsten. Er schließt einen Vorwärtssalto durch die Luft an und krönt die Landung auf einer Matte elegant mit einer Rolle. Sein Freund Mario (18) sprintet trippelnd eine dick gepolsterte Wand hinauf, überschlägt sich und fängt den Körper mühelos ab. Von Bernd Luig

„Parkour“ heißt ihre Bewegungskunst, die sie voller Leidenschaft betreiben. Stets auf der Suche nach neuen Tricks, um verletzungsfrei über Geländer zu rutschen, Fassaden zu erklimmen oder Garagendächer zu überqueren. Was halsbrecherisch wirkt, hilft einem Großprojekt der Stadt Bochum zum Kulturhauptstadtjahr auf die Sprünge: einer Show in der Jahrhunderthalle, die unter dem Titel „Urbanatix“ an Pfingsten die „jungen Wilden der Straße“ und internationale Profi-Artisten gemeinsam ins Rampenlicht rückt.

„So etwas gab es noch nie. Das ist weltweit einzigartig“, schwärmt Christian Eggert. Der Initiator steht auf der ehemaligen Orgelbühne und beobachtet voller Vorfreude, wie seine Idee unten im Kirchenschiff Schritt für Schritt Gestalt annimmt. Im rechten Seitenflügel wirbeln „Tricker“. Vor einer Spiegelwand mischen sie Übungen des Bodenturnens mit Elementen diverser Kampfsportarten und Breakdance-Einflüssen. Blitzschnell rotieren ihre Körper. Scheinbar zügellos und ohne jede feste Vorgabe. Ganz vorne, wo früher der Altar stand, nehmen auf dem glänzenden Parkettboden Breakdancer Fahrt auf. Die Stufen hinab zum Mittelraum überdeckt eine breite Sperrholzplatte. BMX-Radfahrer beschleunigen auf der Abfahrt. Wenige Meter entfernt katapultieren sie sich über zwei Rampen zu zirkusreifen Flügen in die Luft.

An der Kopfseite des linken Seitenflügels schimmert noch das aufgemalte Altarbild. Direkt davor stoßen sich Trampolinspringer von der Kirchenmauer ab. Gleich daneben gehen an einem Klettergerüst die „Parkour“-Eroberer und die „Freerunner“ über Tische und Bänke.

Mehrere Dutzend Jugendliche tummeln sich in den verschiedenen Bereichen. Wie ein geordneter Trainingsbetrieb sieht es nicht aus. „Das soll es auch gar nicht“, erläutert Christian Eggert. „Es ist das Besondere bei diesen Formen der Streetart, dass Lehrer auch immer Schüler sind und umgekehrt. Das Kennenlernen steht im Vordergrund. Das gegenseitige Austauschen immer neuer Tricks.“ Die professionelle Hilfe für jede Gruppe diene dazu, alle Fähigkeiten zu einem Showprogramm zusammen zu führen. Von der individuellen Klasse seiner Artisten zeigt sich der Organisator begeistert. Es sei schon schwierig gewesen, in der zersplitterten Szene die Talente zu finden, berichtet der Initiator. Immerhin 250 Jugendliche hatten sich zu zwei Casting-Terminen gemeldet. Im März und im Juni vergangenen Jahres wählte eine Fachjury 45 davon für die „Urbanatix“-Show aus. „Übrigens fast nur Jungen. Mädchen gibt es bei dieser Art der Bewegungskunst nur ganz wenige“, sagt Christian Eggert.

Jan Bahr und Mario Vogt erfuhren von dem Projekt von ihrem Bergkamener Trainer Pablo Giese, der als „Parkour“-Experte zu den Betreuern in Bochum zählt. Die beiden Jugendlichen ließen sich von Videos im Internet zu ihrer ungewöhnlichen Sportart inspirieren. Zunächst begannen sie allein, sich irgendwelche Mauern zu suchen, von ihnen zu springen und Saltos zu machen. In der Parkour-Gruppe in Weddinghofen fanden sie Gleichgesinnte. „Im Park haben uns Passanten immer wieder ermahnt, wenn sie unsere Tricks sahen: Mensch, passt auf!“, berichten die Straßenartisten. „Da ist es für uns natürlich auch ein großer Anreiz, denen zu zeigen, was wir können.“

Von schweren Verletzungen seien beide bislang verschont geblieben, versichern sie. „Es gab höchstens mal ein paar Schrammen oder eine leichte Bänderdehnung. Gar tnichts Schlimmes.“ Erfahrungen aus dem regelmäßigen Training hätten ihnen Sicherheit gegeben. „Wir haben uns ja auch langsam gesteigert. Jeder lernt mit der Zeit, wie weit er seinem Körper vertrauen kann und wie sein Körper reagiert“, betont Jan Bahr.

Welche Anforderungen die „Urbanatix“-Show an die Straßenartisten stellt, das weiß Christian Eggert schon sehr genau. Seit 20 Jahren inszeniert er solche Veranstaltungen. Verraten möchte der Regisseur aber noch nichts: „Es wird ein sehr dichtes Programm. Wir werden die riesige Bühnenfläche in der Jahrhunderthalle voll ausnutzen.“ Konkreter äußert sich der Initiator zur Zukunft der Marienkirche. Die wünscht er sich dauerhaft als Mekka für die Szene, um dort eine Artistenschule für das Ruhrgebiet zu etablieren. Den Segen der Eigentümer hat er dazu schon. „Der Propst der Gemeinde ist sehr glücklich darüber, wie sinnvoll die entweihten Räumen jetzt genutzt werden“, freut sich Christian Eggert.

Shows in der Jahrhunderthalle

„Urbanatix – Die Show“ erlebt als Beitrag der Stadt Bochum zum Kulturhauptstadtjahr ihre Weltpremiere. Neben 45 Straßenartisten gestalten zehn international renommierte Profi-Künstler das 80minütige Programm. Insgesamt sechs Aufführungen stehen an Pfingsten in der Jahrhunderthalle auf dem Terminkalender, am 21., 22. und 23. Mai jeweils ab 21.30 Uhr und ab 24 Uhr. 1200 Sitzplätze stehen pro Show zur Verfügung. Tel.: 0180 05/ 234 400. http://www.jahrhunderthalle-bochum.de; http://www.urbanatix.de.

Quelle: wa.de

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