Zurückgezogen im Sauerland

Unterschlupf gefunden: Mann lebte jahrelang unentdeckt im Wald

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In diesem Zeltverschlag lebte ein Obdachloser aus Plettenberg vermutlich über mehrere Jahre. Bei der Stadt Plettenberg bat er nach Informationen unserer Zeitung nie um Hilfe.

Plettenberg – Das Wasser tropfte von den teilweise löchrigen Planen, eine umgedrehte leere Bierkiste bot vor der zeltähnlichen Behausung eine Art Sitzplatz. Hier im Wald bei Plettenberg lebte ein Mann jahrelang. 

Wer die unterhalb liegende Straße in den letzten Jahren befuhr, ahnte sicher nicht, dass sich ein paar Steinwürfe entfernt im Wald das notdürftige zusammengebaute Heim eines obdachlos gewordenen Plettenbergers befand.

Per Gasbrenner erwärmte sich der dort jahrelang lebende Mann seine Speisen. Ein Regenschirm schützte ihn vor Schlagregen von der Seite und mehrere Decken dienten als Schlafunterlage. 

Im heißen und trockenen Sommer 2018 war diese Behausung vielleicht noch erträglich, doch im Herbst und Winter wünscht man sich eine andere Art der Unterbringung. Doch warum wählte der Plettenberger diese Art der Unterkunft und was hätte die Stadt für ihn tun können?

„In Plettenberg muss niemand so wohnen“, sagt Sozialamtsleiterin Christiane Wilk und stellt damit deutlich klar, dass der Mann sofort Hilfe bekommen hätte, wenn er sich gemeldet hätte. Doch das tat er nicht.

Und bei der Recherche zum Thema Obdachlosigkeit wird schnell klar, dass es gar nicht so leicht ist, ein Packende zu bekommen. Denn wenn der Mann, der mitten im Wald lebte, keine Meldeadresse hat, kann er auch keine Grundsicherung beantragen. Die 426 Euro, die ihm dann zustehen, wenn er mindestens 66,5 Jahre alt ist, bekommt er von der Stadt nur, wenn er eine Postadresse hat. Und die Anschrift „Tief im Wald 1“ wird von den Behörden nicht anerkannt.

Mit einer Gasflasche erwärmte er sich sein Essen. 

„Es gibt für alles Mögliche ein Feld, das ausgefüllt werden muss“, sagte Wilk. „Ein Obdachloser im berufsfähigen Alter bekommt bei uns gar nichts und muss sich an das Jobcenter wenden.“

Dort werde dann geprüft, inwieweit derjenige arbeitsfähig ist, wie die Familienverhätnisse aussehen und ob es unterhaltspflichtige Kinder gibt. Verdienen die mehr als 100.000 Euro im Jahr, werden sie herangezogen, ansonsten zahlt das Jobcenter nach erfolgreicher Prüfung den Hartz IV-Satz. Es müssen unter anderem Pass, Krankenversicherungskarte und Bankkarte hinterlegt werden.

Riesiger Antrag fällig

„Das ist ein Riesenantrag, der dann fällig wird“, sagte Wilk. Wer das scheut und nicht alle Papiere vorlegen kann, der bekommt auch kein Geld.

Heißt: Ohne Adresse kein Geld und keine Leistungen vom Staat. Doch es gibt Mittel und Wege, die Anforderungen zu erfüllen. So bietet die Obdachlosenhilfe der Caritas die Möglichkeit, kostenlos eine Postadresse zu bekommen. „Das bieten wir an für Menschen ohne festen Wohnsitz“, sagt Heike Biedermann, Leiterin des Altenzentrums St. Josef. Man habe mehrere Briefkästen mit der damit verbundenden Meldeadresse, die von Obdachlosen genutzt werden.

Und auch beim Bankkonto gibt es Hilfe. Wie Sparkassen-Marketingleiter Tomislav Majic auf Anfrage betonte, gibt es ein „Konto für Jedermann“. Bei diesem Guthabenkonto, das alle Banken, anbieten, kann nur so viel Geld abgehoben werden, wie vorhanden ist. „Das dient auch zum Selbstschutz“, so Majic, denn so werde eine zusätzliche Schuldenfalle vermieden.

Nach dem Ableben des Mannes entdeckte ein Wanderer die gut versteckte Behausung, die mittlerweile von der Stadt abgeräumt wurde.

Quelle: wa.de

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