Die „Unprojekte“ fangen durchgefallene Kreative auf

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Die Macher der „Unprojekte“ (von links) Gabriel Gedenk, Laura Maschlanka, Holger Gathmann, Marcus Kroll.

Von Andreas Sträter ▪ ESSEN–Wenn Emmi die Bühne betritt, dann fragt sich der Zuschauer, ob die Saxofonistin wirklich so schräg drauf ist oder ob sie nur eine Kunstfigur spielt. Künstlerin Kristina Mohr macht Remmidemmi mit Emmi. Als Emmi schlüpft sie in die Rolle des komischen Gastes, tourt durch das Revier und macht in allen 53 Städten und Gemeinden Halt. Heute Bottrop, morgen Bochum, übermorgen Bergkamen. Das hätte gut ins offizielle Portfolio der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 gepasst. Doch Emmi wurde abgelehnt. Emmi ist umgezogen. Ihr neues Zuhause hat sie im Verein „Unprojekte“ gefunden.

Der Verein um Holger Gathmann von der Design-Agentur „Gathmann Michaelis und Freunde“ und Gabriel Gedenk, Betreiber der Rüttenscheider Szene-Bar „Banditen wie wir“, sammelt seit 2009 Ideen und Projekte, die durch den Sichtungs-Rost der Kulturhauptstadtgesellschaft gefallen sind, um ihnen eine öffentliche Plattform zu geben und sie doch noch zu realisieren. Das offizielle Motto der Vereinsmitglieder: „ungesehen, unabhängig, unaufhaltsam, unverbraucht“.

Die Unprojektler sehen sich nicht als Piraten, die mit Gegenveranstaltungen der Ruhr.2010 die Besucher wegnehmen und auf dieser Welle mitschwimmen. Die „Unprojekte“ seien nicht wie eine Gegenbewegung zu sehen, sondern seien eher als Co-Existenz gedacht, sagt Laura Maschlanka vom Vereins-Management. Sie will nicht meckern, sondern der geballten Kreativität im Pott einen Raum zur Entfaltung geben. „Wir sind der Auffangbecher für die Kreativen“, sagt sie und klickt sich im Internet durch die besten zehn Projekte, für die man auf der Vereinshomepage abstimmen kann. Gewinner ist der, der am Ende des Jahres die meisten Klicks bekommen hat. Was mit dem Sieger passiert, steht noch nicht fest, sagt Maschlanka.

Bei den Projekten, die in einer demokratischen Vorauswahl von den Internetbenutzern auf die Rangliste geklickt worden sind, handelt es sich nicht um nur um abseitige Nischenprojekte. Auf Platz eins der Internet-Abstimmung landete zum Beispiel beim ersten Voting die Theaterproduktion „Krabat“ der Dortmunder Naturbühne Hohensyburg, die seit 1952 von  Amateurtheaterspielern mit großem Erfolg bespielt wird. Auf Platz zwei kam Künstlerin Kristina Mohr alias Emmi.

Die Plätze drei und vier belegt das Essener Label „Pottmode“  mit einer Ruhrpott-Tasche im Grubentuch-Kleid zum Selbermachen. Hinter der Modelinie „Strawberry Fields“ steckt die Künstlerin Bea Saxe, die in der Netzwelt nur SETI genannt wird, und Taschen mit Erdbeermotiven bestickt. Das Muster kaufte die Textildesignerin aus Essen in England, in einer Region, in der die „strawberry fields“ von den Beatles besungen wurden. In ihrem Internet-Blog (pottmode.blogspot.de) beschreibt sie, woher sie die Ideen für ihre Mode nimmt: „Ich sehe Gärten voller Blumen, die die Arbeiter aus ihren Ländern als Samen mitgebracht haben, sehe Frauen und Mädchen, die aus jedem Fitzelchen noch etwas Schönes bastelten und nähten.“ Die Anleitung zum Selbernähen des Ruhrpott-Zwirns hat sie auf ihre Internetseite gestellt, kostenlos.

Zwischen Mode und Kleinkunst finden sich in der Bestenliste der „Unprojekte“ auch Fotografien von Telefonzellen, Fineliner-Bilder oder das Klang- und Massage-Festival „feel good ruhrgebiet“. In ein thematisches Korsett will der Verein die „Unprojekte“ nicht drängen. Nur eines haben die Projekte gemeinsam: sie sind keine offiziellen Ruhr.2010-Projekte. „Und das aus ganz verschiedenen Gründen: einige wurden abgelehnt, andere haben die Bewerbungsfrist verpasst“, sagt Maschlanka. Etwa 2200 Projekte sind bei der Ruhr-GmbH eingereicht worden, von den Vorschlägen wurden nach Angaben des „Unprojekte“-Mitglieds André Michaelis etwa 200 bis 300 wirklich angenommen.

Eigentlich wollte die Ruhr.2010 den Abgelehnten ein eigenes Forum geben. Das aber ist nie realisiert worden. „Wir respektieren die Ruhr.2010, auch die Projekte“, sagt Maschlanka. Das Mega-Picknick auf der Autobahn 40 zwischen Dortmund und Duisburg im Juli sei super gewesen. „Die Sperrung wollen wir nicht missen. Prinzipiell finden wir die Projekte der Kulturhauptstadt gut“, sagt Maschlanka. „Wir sind keine Kritiker und wollen auch keine sein.“ Kontakt zum offiziellen Veranstalter habe es zunächst auch gegeben. „Jetzt aber nicht mehr“, konstatiert Maschlanka.

Zu den „Unprojekten“ gehört auch die Idee von Rolf Schwermer: venezianische Gondeln auf der Ruhr – das könnte die Attraktion im Kulturhauptstadt-Jahr sein, dachte sich der Essener. Genauso erging es dem Bochumer Künstler Zarko Radic. Seine Idee: Ein 35 Meter großer Bergmann aus Stahl hoch oben auf einem Förderturm. Eingehüllt in eine Wolke aus farbigem Nebel dreht er sich um seine eigene Achse und ist weithin sichtbar.

Offiziell wäre dem Riesen-Bergmann womöglich Ende des Jahres der Kunstnebel abgedreht worden. Bei den „Unprojekten“ soll dies anders sein: Im Unterschied zu Ruhr.2010 sollen die „Unprojekte“ nicht auf ein Jahr begrenzt werden. Der Verein möchte langfristig als Schnittstelle zwischen Interessenten und Künstlern wirken. Einige „Unprojekte“ stehen schon auf eigenen Beinen, weil sie Sponsoren gefunden haben. So konnte zum Beispiel ein Brettspiel zur Ruhr.2010 über den Umweg der Unprojekte verwirklicht werden. Das kommunikative Brettspiel „aufRUHR! – das RuhrCity-Spiel” wurde von der Urbanistin Turit Fröbe an der Universität der Künste in Berlin entworfen. Das Spiel versteht sich als frecher, liebevoller Kommentar zur Zukunft des Reviers. Die Spieler schlüpfen in die Rolle eines Ruhr-Bürgermeisters und halten die Konkurrenz per Bestechungskarte in Schach.

Ähnliche Ziele wie der Verein „Unprojekte“ verfolgt auch die Initiative „Ich bin Kulturbanause.2010“. Dabei werden Fotos gesammelt, auf denen die abgebildeten Personen im „Verbrecherfoto”-Stil dargestellt sind. Das vorgeworfene Verbrechen: Kulturbanause zu sein. Am Ende soll eine große Collage auf einer Riesen-Leinwand stehen. Sie alle scheinen den Ruhr.2010-Machern zuzurufen: Kultur ist für jeden etwas anderes.

Der Verein „Unprojekte“ gibt Vorhaben Raum, die von der offiziellen Ruhr.2010 nicht berücksichtigt wurden.

Mehr Informationen unter http://www.unprojekte.de,

Tel. 02 01/43 87 08 16

Quelle: wa.de

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