Albtraum-Fahrt durch die Unwetter-Nacht

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Minuten vor dem Sturm: Beängstigend sah die mächtige Wolkenfront aus, aus der sich das schwerste Unwetter seit Jahren in Nordrhein-Westfalen entlud. Unser Bild zeigt Störmede bei Geseke am späten Montagabend. - Fotos: dpa

ESSEN - Die Hauptschlagader des Ruhrgebiets gleicht einem Schlachtfeld. Reihenweise umgestürzte Bäume haben sich quer über die Spuren gelegt und zwingen Autofahrer im Zickzack über die gespenstisch wirkende A 40. Es ist Mitternacht irgendwo zwischen Mülheim und Essen - unsere Mitarbeiterin mittendrin...

Von Laura Engels

Schnell wieder runter von der Autobahn! Aber wie? Die erste Ausfahrt ist blockiert, ein Wagen steht mit Warnblinklicht neben einem riesigen umgestürzten Baum. Er scheint beim Versuch, sich vorbeizuzwängen, steckengeblieben zu sein. Vom Fahrer ist nichts zu sehen.

Unsere Mitarbeiterin Laura Engels wohnt in Essen und berichtet für uns von der Unwetternacht und ihren Folgen.

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Auf der nächsten Ausfahrt kommen mir gleich mehrere Geisterfahrer entgegen – wo sie herkommen, geht auch nichts mehr. Fußgänger laufen am Seitenstreifen entlang. So fühlt sich also der Ausnahmezustand an. „Wir dürften alle gar nicht hier sein. Diese Autobahn gehört gesperrt“, geht mir durch den Kopf.

Doch zu diesem Zeitpunkt hat die Feuerwehr Essen schon 800 Einsätze erfasst und kommt einfach nicht hinterher. Alle Feuerwehrkräfte sind draußen. Aus den Nachbarstädten ist keine Hilfe zu erwarten, die hat das schwerste Unwetter in Nordrhein-Westfalen seit vielen Jahren genauso kalt erwischt.

Drei Stunden zuvor: Ich sitze bei meinen Eltern auf der Terrasse und genieße das warme Sommerwetter. Mein Vater wird von uns noch belächelt, als er bei den ersten aufziehenden dunklen Wolken sofort den Tisch abräumt und alle Möbel zusammenpackt. Als hätten wir noch nie ein Gewitter erlebt.

Geflüchtet ins Haus beobachten wir, wie der Wind den Regen stoßweise gegen die Glasfront klatscht. Plötzlich ist es stockdunkel – Stromausfall. Als das Licht wieder angeht, liegt draußen auf der Terrasse ein Baum – genau dort, wo wir kurz vorher noch gesessen haben.

Dem Balkon der Nachbarn im ersten Stock ist es zu verdanken, dass er nicht ins Fenster gefallen ist. „Ihr kommt hier nicht weg, in beiden Richtungen liegen Bäume auf der Straße“, warnen die Nachbarn. Das sei kein gewöhnliches Gewitter.

Immer wieder fällt das Radio aus, das Handynetz. Bei den großen regionalen Online-Portalen im Internet ist zunächst keine Information zu finden. Es sind die Bürger selbst, die sich am schnellsten über Facebook gegenseitig informieren. Und so kann ich lesen, dass das Pfingst-Open-Air in Essen-Werden abgebrochen wurde, teilweise Panik ausgebrochen ist, tausende Menschen in dem Stadtteil festsitzen und herumirren.

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Auch die Feuerwehr Essen selbst postet bei Facebook über die aktuelle Verkehrslage. Gerüchte über einen Toten in Essen-Kray verbreiten sich, die am nächsten Morgen leider bestätigt werden.

Zurück in die Nacht zum unfreiwilligen Abenteuer Autobahn: Wäre ich in einem Katastrophen-Endzeitfilm von Roland Emmerich unterwegs, hätte ich mich vermutlich ohne Probleme über die A40 und durch die Stadt nach Hause in den Essener Süden gekämpft. Doch ich fahre zurück, wo ich hergekommen bin.

Die Nacht muss ich bei meinen Eltern bleiben. Am nächsten Morgen ist das Chaos dem Stillstand gewichen. Überall staut es sich. Autobahnen sind gesperrt, kleine Straßen werden noch tagelang unpassierbar sein, doch die meisten Hauptstraßen sind freigeräumt.

Der beliebte Weg rund um den Baldeneysee und der Gruga-Park sind bis auf Weiteres gesperrt. Zu groß ist die Gefahr durch umsturzgefährdete Bäume oder abgehende Hänge. Die Nachwirkungen des Unwetters werden noch tagelang zu spüren sein.

Das musste sogar Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erkennen. Der Vize-Kanzler wollte am Dienstag auf Zeche Zollverein mit Experten und Politikern über die Zeit nach dem endgültigen Ende des deutschen Steinkohlebergbaus 2018 diskutieren. Er musste absagen – wegen massiver Verkehrsprobleme im Ruhrgebiet.

Quelle: wa.de

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