„Über Wasser gehen“: Renaturierung der Seseke

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Am Wasser der Körne: Künstlerin Danuta Karsten und erste Zuschauer. ▪

BERGKAMEN/BÖNEN ▪ Die Insel mit ihrem grauen Geröll und den Bäumchen hebt sich noch nicht sehr von ihrer Umgebung ab. Von Ralf Stiftel

Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis die Sumpfzypressen zu mächtigen Stämmen heranwachsen und im Herbst einen farbenprächtigen Kontrast abgeben zum Lauf der Seseke in Bergkamen. Diese Insel schuf der Künstler Thomas Stricker als Kontrast. Inmitten der Flusslandschaft, die vor wenigen Jahren noch von einem offenen Abwasserkanal im Betonbett durchlaufen wurde, setzt er eine Urlandschaft. Zypressen und Schachtelhalme findet man schon in der Steinkohle, die vor Jahrmillionen entstand. Der neue Naturzustand des Flusses wurde von Menschen erzeugt. Strickers Insel schließt einen historischen Kreis.

Die Arbeit des in Düsseldorf lebenden Schweizers gehört zum Kulturhauptstadt-Projekt „Über Wasser gehen“. Dabei luden der Lippeverband, Kreis Unna sowie die Städte Bergkamen, Bönen, Kamen, Lünen, Unna und Dortmund Künstler ein, an zwölf Orten die Renaturierung der Seseke und ihrer Nebenflüsse zu reflektieren. Es ist ein Schwesterprojekt der „Emscherkunst“. 75 Kilometer Flussläufe wurden in den letzten Jahren umgeformt, dazu 73 Kilometer unterirdische Kanäle gebaut, berichtet Jochen Stemplewski, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbands. 500 Millionen Euro kostet die Sanierung der „kleinen Emscher“. Die früheren Arbeitspfade wurden zu Rad- und Wanderwegen umgestaltet. Der Ausstellungstitel „Über Wasser gehen“ ist durchaus wörtlich gemeint: Man folgt den Flüssen und begegnet dort der Kunst.

Die Seseke entspringt in Unna und mündet 32 Kilometer weiter in Lünen in die Lippe. Das Spektrum der von Billie Erlenkamp kuratierten Schau ist sehr weit gespannt. Bogomir Ecker hat am Rexebach bei der Kläranlage in Bönen fünf Straßenlaternen aufgestellt, die das schnurgerade Gewässer nachts beleuchten. Eine absurde Inszenierung, die durch eine (falsche) Überwachungskamera noch verstärkt wird. Licht und Verkehrskontrolle für die Enten auf dem Bach? Eine reale Webcam nimmt die Szenerie auf und stellt sie ins Internet, unterbrochen von surrealen Einspielern.

In Kamen haben Wolfgang Winter und Berthold Hörbelt gleich zwei Arbeiten realisiert. Wo die Körne in die Seseke mündet, erinnert ein 3,90 Meter durchmessendes Rohrstück an die einstige Kanalisation. Allerdings hat das Duo den Beton mit geprägter Spiegelfolie beschichtet, so dass der Betrachter sich und die Umgebung gleichsam gepixelt erlebt, daher der Titel „Pixelröhre“. Mitten in der Stadt, direkt unter der Hochstraße, die als Betonband die Stadt zerschneidet, errichteten Winter/Hörbelt eine Art Spielplatz, Lichtschaukeln, die einen „Unort“ wieder bewohnbar machen.

Die Kunstwerke sollen Anreiz sein, auch die Natur zu erleben, die sich mit Macht und schnell die Umgebung der renaturierten Wasserläufe erobert. Wenige Meter abseits der Wohnhäuser tummeln sich seltene Wasservögel. Und anpflanzen muss der Lippeverband nichts, betont Stemplewski. Wenige 100 Meter von der Dortmunder Straße in Unna-Afferde steht der Spaziergänger plötzlich auf einer Allee von 21 Pappeln. Hierhin stellt Tom Groll ein Sofa, errichtet aus Sandsäcken, und spielt mit der Idee von Hochwasser. Nachts inszeniert er Lichteffekte in den Baumkronen.

Die polnische Künstlerin Danuta Karsten reagiert in Dortmund auf die Ufersituation an der Körne, die hinter mehreren Schulen liegt. Sie stellte in eine Schneise zum Wasserlauf ein Dutzend Holzpodeste, auf dem nun Kinder spielen, Jugendliche abhängen. Eine Brache wird für den öffentlichen Gebrauch erschlossen.

Eigentlich also viel Grund zur Freude, wäre da nicht ein Landwirt in Bergkamen. Der hat gleich gegen drei Kunstwerke geklagt. Er sagte, dass er fürchtet, dass die Zypressen sich zu sehr vermehren, dass der Schachtelhalm seinen Mais verunreinigt, dass die Seseke über die Ufer treten könnte wegen Strickers Kunstinsel. Er erwirkte vor Gericht einen Baustopp für eine Holzskulptur von Diemut Schilling. Der Lippeverband legte erfolgreich Einspruch ein. Dass der unfreundliche Nachbar schnell einlenkt, wagt Stemplewski aber nicht zu hoffen.

Die Schau

Kunst dokumentiert den Strukturwandel durch die Renaturierung der Seseke. Acht der zwölf Kunstwerke von Über Wasser gehen bleiben dauerhaft an ihren Standorten. Eröffnet wird die Schau mit einem  Fest an der Arbeit von Winter/Hörbelt im Stillen Weg, Kamen, am Sonntag, 11 Uhr. Laufzeit: 13.6.–26.9. Alle Arbeiten sind ganztägig frei zugänglich.

Eine Radwanderkarte für Rundtouren gibt es beim Lippeverband, Tel. 0201/104 21 53

http://www.ueberwassergehen.de, mit Video von B. Ecker

Quelle: wa.de

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