In 75 Metern Höhe im Lamberti-Kirchturm

Türmerin über Münster: Per Wendeltreppe in eine andere Welt

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Die Türmerin Martje Salje steht mit ihrem Türmerhorn auf dem Turm der Lambertikirche in Münster. Sie muss alle 30 Minuten in den Abendstunden in ein kupfernes Horn blasen.

Seit dem Jahr 1379 wacht ein Türmer über Münster. In 75 Metern Höhe im Lamberti-Kirchturm ist sein Arbeitsplatz. Anfang des Jahres hat erstmals eine Frau diesen Posten übernommen.

MÜNSTER - Hinter ihr fällt die Tür ins schwere Schloss und sie macht sich auf den Weg in eine andere Welt. Vor der Tür liegt der Prinzipalmarkt, Münsters noble Einkaufsstraße. Dahinter ist es hinter dicken Kirchenmauern ganz still und es geht hoch auf 75 Meter. Beschwerliche 298 Stufen. Das Ziel von Martje Salje ist die Türmer-Stube in der Lamberti-Kirche. Den Weg schafft sie in fünf Minuten, ihr Vorgänger brauchte drei. Es ist eng, Wendeltreppen führen mal links, mal rechts herum nach oben. Große Menschen stoßen hier an ihre Grenzen.

Mal ist die Schulter im Weg, mal der Kopf, ein Drehwurm oben ist garantiert. Münsters neue Türmerin aber ist eher klein und zierlich. Sie schlüpft geschmeidig nach oben, trotzdem ist der Weg dorthin für Martje Salje noch längst keine Routine. Am 1. Januar hat sie ihren neuen Job offiziell begonnen.

Am Ziel angekommen strahlt die 33-jährige Frau und schnauft erstmal durch. In der rund 15 Quadratmeter großen Stube stehen zwei Elektro-Heizungen, ein paar Stühle, mehrere kleine Tische, ein Sofa und ein Wecker. Daneben liegt ein Foto ihres gestorbenen Vaters. "Er wäre verdammt stolz auf mich", sagt die studierte Historikerin und Musikerin.

Der Wecker bestimmt das Leben eines Türmers. Vor Salje hatte 20 Jahre lang Wolfram Schulze den Job. Er ist jetzt im Ruhestand. Wie Schulze bläst Salje zwischen 21.00 und 24.00 Uhr alle 30 Minuten in ein langes, geschwungenes Horn. Zur vollen Stunde pustet sie um 21.00 Uhr neunmal, um Mitternacht zwölf Mal. Zur halben Stunde ertönt jeweils zweimal der Hornton. Der genaue Ton ist wichtig. "Das Instrument ist auf ein tiefes C gestimmt. Mir darf das Mundstück nicht verrutschen, sonst klingt der Ton ganz anders. Aber nur mit dem tiefen C kann ich mich zum Beispiel gegen die vielen Glocken in Münster auch durchsetzen."

Der Osten bleibt unbeschallt

Mit dem Horn geht Salje auf die enge Balustrade, die hoch oben den Kirchturm von St. Lamberti umschließt. In drei Richtungen bläst sie das Horn - zum Prinzipalmarkt im Süden, zum Dom im Westen und zum sogenannten Drubbel im Norden. Der Osten bleibt unbeschallt. "Warum das so ist, dafür gibt es wohl nur Erklärungsversuche. Vielleicht hat ein reicher Bürger dieser Stadt mal viel Geld dafür gezahlt, dass es in seine Richtung ruhigbleibt?", vermutet die Türmerin. Sie passt auch auf, ob es irgendwo in der Stadt brennt. Formell ist sie der städtischen Feuerwehr unterstellt. Bei jedem Dienstbeginn meldet sie sich zuerst in der Leitstelle.

Zwischendurch hat sie Zeit. Ihr Vorgänger hat hier oben viel gelesen. Auf einem kleinen Sofa hat er die Weltliteratur nach Türmer-Geschichten durchforstet und ist auf Till Eulenspiegel und Martin Heidegger gestoßen. Diese Tradition will Salje aufgreifen. "Obwohl wir auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind, vom Typ her scheinen wir uns sehr zu ähneln. Sonst wäre es doch nicht zu erklären, warum ich es hier oben trotz der Einsamkeit so toll finde."

In Münster ist Salje bereits nach wenigen Tagen bekannt. Fremde Menschen sprechen sie auf der Straße an. "Die wünschen sich dann von mir, dass ich mal in ihre Richtung blase, damit sie den Ton besonders gut hören können", erzählt die geborene Bremerin. Jetzt hofft sie, dass sie vielleicht noch den ein oder anderen Job als Musikerin oder Historikerin bei Stadtführungen dazu bekommt. Denn der Teilzeit-Job der Türmerin ist nicht besonders gut bezahlt. Trotzdem hatten sich fünf Frauen und 40 Männer beworben.

Das Amt des Türmers geht auf das Jahr 1379 zurück und ist eine Touristen-Attraktion. Dabei war diese Tätigkeit ursprünglich eine Art Arbeitsnachweis. Der Türmer blies ins Horn, um den Menschen am Boden zu beweisen, dass er nicht eingeschlafen war. Wenn wirklich Gefahr drohte, schlug er eine Glocke an.

Salje spielt mehrere Instrumente, darunter Klavier, Gitarre und Flöte. Ein Blechblasinstrument war bisher nicht dabei. Am ersten Tag auf dem Turm hatte sie leichte Probleme: "Bei meinem ersten Versuch um 21.00 Uhr habe keinen vernünftigen Ton rausbekommen. Das hörte sich eher nach Jazz an. Erst beim vierten Tuten war alles gut. Die Münsteraner werden es mir verzeihen." - lnw

Quelle: wa.de

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