Traum vom Braunkohle-See ist für Nachbarort Düren ein Albtraum

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Tagebau und Rübenacker – die Gegenwart in Inden sieht trostlos aus. Deshalb träumt man dort vom See.

INDEN - Umgesiedelt und abgebaggert. Die rheinische Gemeinde Inden war bei der Braunkohle immer Verlierer. Jetzt sieht sie ihre Chance. Nach Abbauende will sie nicht das verlorene Land zurück, sondern einen See. Aber ein Nachbar schießt quer.

Inden will diesen riesigen See: Elf Quadratkilometer groß, 180 Meter tief, dort, wo jetzt noch gigantische Bagger Braunkohle schürfen. Es wäre der größte in Nordrhein-Westfalen. Weil das für Landratten so unvorstellbar groß ist, nennen sie ihn „Indeschen Ozean“. Es hat schon einen gewissen Charme, dass er von der Größe her mit dem bayerischen Tegernsee verglichen wird. Tegernsee, das klingt nach schöner Gegend, nach Urlaub. Tatsächlich liegt Inden nicht am See, sondern zwischen Rübenacker und Tagebauloch.

Die Nachbarstadt Düren sieht sich durch den See bedrängt und hat geklagt. Das Oberverwaltungsgericht Münster will am kommenden Dienstag entscheiden. Der parteilose Bürgermeister Ulrich Schuster kann sich gut vorstellen, wie das mal sein wird: „Der See wird Leute anlocken, sie werden baden, es wird Bootsanleger und Rundfahrten auf dem See geben.“ Unternehmen und neue Einwohner werden kommen und die Grundstückspreise steigen – die Indener hoffen auf rosige Zeiten. Und sie sehen sich nicht als Phantasten, natürlich gibt es Gutachten.

Inden stand lange auf der Verliererseite. 80 Prozent des Gemeindegebiets wurden abgegraben, 60 Prozent der Bewohner vertrieben. Durch die Umsiedlung verlor die Gemeinde 1000 Einwohner. Heute zählt sie 7000 Einwohner. 2030 ist Schluss mit dem Tagebau. Dann sind sie mal dran, meinen sie dort.

Die Verfüllung mit Erde war schon beschlossene Sache. Da konnte die Gemeinde zum Erstaunen vieler das Ruder noch einmal herumreißen. Der Braunkohlenplan wurde geändert. Dass bald nach dem Indensee, nur durch eine sechs Kilometer breite Landzunge getrennt, der zweite und dann mit 40 Quadratkilometern wirklich gigantische Tagebausee Hambach entstehen soll, kümmert Schuster nicht. Bis dahin habe sich Inden als See-Gemeinde längst etabliert. „Warum sollte ich anderen die Chancen überlassen?“ fragt der Bürgermeister eher rhetorisch.

Die Indener müssen ihren Traum noch lange träumen, meint dagegen Hans Wabbel. 25 Jahre seien eine lange Zeit. So lang wird es dauern, bis das klaffende Loch mit Wasser gefüllt ist. Der Technische Beigeordnete der Nachbarstadt Düren sieht falsche Hoffnungen geweckt: „Die Leute glaubten schon, sie könnten ihre Badeenten packen. Dabei werden sie Greise sein, wenn der See voll ist.“ Das wird erst 2055 so sein. Wabbel steckt tief drin im Thema. Als einzige Kommune der Region will Düren den See der Nachbarn nicht und kann auch die touristischen Ambitionen der Nachbargemeinde nicht brauchen. Seit 40 Jahren betreibt die Stadt Düren Industrieansiedlungen, ist stolz darauf, dass sie Microsoft und Bertelsmann hergeholt hat. Das bringt Arbeitsplätze. Täglich pendeln 17 000 Menschen in die Eifelstadt, um zu arbeiten.

Der geplante Indensee liegt fast komplett auf Indener Grund. Trotzdem fürchtet Düren, dass der knappe Platz für die eigene Entwicklung durch die Indener noch knapper wird. Im Grenzbereich gilt der Grundsatz der gegenseitigen Rücksichtnahme. „Die Freizeitidylle passt in unsere Langzeitstrategie wie die Faust aufs Auge“, sagt Wabbel. Eine kleine Kostprobe meinen die Dürener schon bekommen zu haben: „Gegen einen Windpark im Grenzbereich haben die Indener Widerspruch eingereicht. „Eine Petitesse“, wie Wabbel meint, aber für ihn bezeichnend. Viel Spielraum hat die Stadt vor allem gen Westen zum Nachbarn. Der See durchkreuze ihre Pläne. - dpa

Quelle: wa.de

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