Tolles Finale von der Kulturhauptstadt Ruhr.2010

Eindrucksvolles Motiv: ein „Knappe“ blickt über das Festgeländer der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen.

GELSENKIRCHEN ▪ GELSENKIRCHEN ▪ Die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 blieb sich treu. Auch zum Finale auf der Gelsenkirchener Zeche Nordstern schlotterten die Gäste bei minus 3,6 Grad unter freiem Himmel. So feiert man nur hier: Schon die Eröffnung auf der Essener Zeche Zollverein im Schneetreiben gewann die Herzen. Am Samstag machte Regisseur Gil Mehmert den alten Förderturm zum Star. LED-Projektionsflächen verwandelten den Bau in den Raddampfer „Ruhrtopia“, der die Stationen des Jahres abfuhr.

Pyro-Effekte wärmen frierende Zuschauer

Wieder setzte die Show auf eine kraftvolle Performance: Basstöne durchdrangen auch wattierte Mäntel, Feuerwerk und andere Pyro-Effekte wärmten für Momente die Haut, viel Artistik, und alles wurde bestimmt von klaren, mitreißenden Rhythmen. Und wenn auch der mobile Glühweinverkäufer mit dem Rückentank zwischendurch viel Zuspruch fand: Vor allem wollte man sich wieder begeistern lassen. Während die Besucher im Nordsternpark froren, äußerten die Offiziellen ein letztes Mal ihre Begeisterung. Es sei ein fantastisches Jahr gewesen, meinte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zu den „lieben Ruhris“. Fritz Pleitgen, Chef der Ruhr.2010- GmbH, freute sich über eine „Bürgerbewegung für die Kultur“ im Ruhrgebiet. Die Menschen hätten das Programm zu ihrer Sache gemacht. Und er zeigte sich sicher, dass das Erbe in der Kultur Ruhr weitergeführt werde. Land und Regionalverband Ruhr haben bereits jeweils 2,4 Millionen Euro zugesagt, damit die Trägergesellschaft der Ruhrtriennale übergreifende Projekte koordinieren kann.

Zum Abschluss versuchte die Kulturhauptstadt sich an ihrer eigenen Historisierung. Gefeiert wurde in der „polyzentrischen Metropole“ in vier Städten gleichzeitig – mit immerhin 30 000 Besuchern in Gelsenkirchen, am Dortmunder U, auf Zollverein in Essen und im Duisburger Innenhafen. Die Höhepunkte des Jahres wurden zur Grundlage einer Medieninszenierung. Viele Darbietungen, die auf einem Dach in schwindelnder Höhe geboten wurden, sahen die knapp 3500 Besucher vor Ort in Gelsenkirchen gar nicht richtig. Sie waren konzipiert für die Live-Übertragung des WDR-Fernsehens. Dafür hatte man auf dem Platz die Totale, wenn es so richtig knallte und blitzte. Immer wieder hatte Pleitgen herausgestrichen, wie sehr er große Bilder vom Revier zeigen wolle.

Hunderte kleine

gelbe Ballone

In der Inszenierung ging es darum, Großereignisse in griffige Symbole zu fassen. Am einfachsten funktionierte das bei den „Schachtzeichen“. Gelbe Ballone, wie sie im Frühjahr an einstige Zechen-Standorte erinnerten, schwebten auch in Gelsenkirchen neben dem Förderturm. Und dann wurden noch hunderte kleine gelbe Ballone aufgelassen. Für das „Still-Leben A40“, die gesperrte Autobahn als Feiermeile, standen die Klapptische, auf denen Percussionisten in „Stomp“- Manier wild trommelten. Weniger einprägsam, aber ambitionierter war der Auftritt des aus Selm stammenden New Yorker Sängers Theo Bleckmann, der im Multitracking-Verfahren allein neue Stimmen unter Bilder des Gesangs-Events „ISing“ legte.

Das Ruhrgebiet stemmt auch große Show mit eigenen Kräften. Auch dafür stand das Programm. In einer Einblendung aus Dortmund rockte Paul Wallfisch mit seiner Gruppe Botanica – der New Yorker arbeitet als musikalischer Direktor am Schauspiel der Stadt. Auf Zollverein tanzte ein Solist des Aalto-Balletts, ehe Breakdancer übernahmen. Und auf Nordstern spielte das „Junge Blasorchester Marl“.

Für den Tiefpunkt des Jahres fand das Programm eine sehr passende Lösung: eine Schweigeminute. Zunächst wurde alles dunkel geschaltet, dann folgten Bilder vom Duisburger Tunnel, in dem bei der Love-Parade 21 Menschen starben. Und brennende Kerzen. Auch die Einspielung aus Duisburg war mit melancholischem Jazz vom Tim-Isfort-Orchester und einer Rezitation aus der Odyssee mit Christian Brückner angemessen verhalten.

Schweigeminute für

Loveparade-Opfer

Einer der rührendsten Momente gehörte den ehrenamtlichen Helfern der Kulturhauptstadt, die am Ende über Orte sprachen, an denen sie vorher nie gewesen waren, und über die Menschen, die zu ihnen kamen. Es sei das schönste Jahr ihres Lebens gewesen, sagte eine Frau. Da wurde vielleicht verständlich, was der größte Gewinn der Ruhr.2010 war.

RALF STIFTEL

Quelle: wa.de

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